Gegenwart 02 / 04

Die "Gegenwart" mit ausgewählten Beiträgen im Internet.

Inhaltsverzeichnis

Editorial:
Auf die Straße oder nicht?

DBSV-Nachrichten:
Solidarität - das A und O in der Selbsthilfe

In Kürze

Leserpost

Aus aller Welt

Hilfsmittel:
Neuer Teleskop-Blindenstock

Rechtsauskunft:
Was bringt uns das Gesundheitsreformgesetz?

Integration:
Pass dich an!?

Medien:

Kultur:

Selbst erlebt:
Keyvan Dahesch auf dem Entnahmebett

Sport:

Rezension:
Sex für die Ohren

Satire:
Vorsicht Wanderwoche!

Aus den Ländern:

Unterwegs:
60 oder 90?

Rätsel:

Schmunzelecke

Serie:
Blinde Musikerpersönlichkeiten
André Marchal

Anzeigen

Hörfilm-Forum
Aktuelle Hörfilm-Sendetermine

Zu unserem Titelbild:
Mit der Gesundheitsreform wird die Brille noch mehr zu einem Statussymbol, denn Kassenleistungen gibt es für die Mehrzahl der Brillenträger nicht mehr.

Editorial

Auf die Straße oder nicht?

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

wenn Sie diese Ausgabe lesen oder hören, wird entschieden sein, ob am 14. Februar Blinde und Sehbehinderte in München gegen drastische Kürzungen des Blindengeldes demonstrieren werden oder nicht. Als ich am 12.1. – kurz bevor die Februar-Ausgabe in Druck ging – noch einmal mit Landesgeschäftsführer Christian Seuß telefonierte, kam er gerade von einer Mahnwache gegen die Kahlschlagpläne des Sozialministeriums. Zwar war zwischenzeitlich zu hören, dass statt 30 "nur" 15 Prozent gekürzt werden sollten; dennoch wäre dies ein "Sonderopfer", welches die Blinden bringen müssten. Die Sparvorgabe für das Ministerium liegt nämlich bei 10 Prozent. Ganz klar, dass Bayerns Blinde und ihr Verband, der BBSB, mit einer solchen Lösung nicht einverstanden sind. Der Januar wird gezeigt haben, ob man sich noch näher gekommen ist. Die Entscheidung für oder gegen eine Demonstration war für den 21.1. vorgesehen.
Informieren Sie sich also bitte über den aktuellen Stand der Dinge bei Ihrem Landesverband oder direkt beim Bayer. Blinden- und Sehbehindertenbund; Teleservice (0 89) 5 59 88-288, Internet: www.bbsb.org
Sollte zu einer Demonstration aufgerufen werden, kann es für uns alle am 14.2. nur ein Ziel geben: München!
In Berlin hatten sich die Regierenden auch von 50.000 Unterschriften und von vielen guten Argumenten nicht umstimmen lassen. Sie zogen ihre Sparpläne auf dem Rücken Blinder und Sehbehinderter durch. Lediglich die Leistungen für Taubblinde blieben unangetastet.
Ich wäre sehr froh, wenn wir in der "Gegenwart" bald nicht mehr über Blindengeldkürzungen berichten müssten, denn es gäbe ja so viele andere wichtige Dinge. Allerdings ist zu befürchten, dass wir vorher noch öfter auf die Straße gehen müssen, wenn Blinde nicht eines Tages regelmäßig zum Straßenbild gehören sollen – als Bettler.
Ihr Dr. Thomas Nicolai

DBSV-Nachrichten

Solidarität - das A und O in der Selbsthilfe

Das DBSV-Präsidium tagte am 12.12.2003 in Berlin; diesmal sind wir im Gespräch mit Susanne Siems:

Das Präsidium hatte am Ende vergangenen Jahres wiederum eine endlos lange Tagesordnung. Am Anfang stand – wie leider sehr oft nötig – das Thema Blindengeld. Wie ist jetzt der aktuelle Stand und welche Position hat das Präsidium?
Zunächst haben wir die Blindengeldtagung vorbereitet, die für Ende Januar auf dem Plan stand. Dort sollte es einen öffentlichen Teil und einen Teil für die Landesvereine des DBSV geben, wo wir uns innerhalb unserer Organisation positionieren wollen, um Strategien für die Zukunft festzulegen. Es werden auch ausländische Vertreter dabei sein, wahrscheinlich aus Österreich und aus Holland.

Im Moment sieht es fast so aus, als ob die Landesvereine trotz Task Force und vieler Bemühungen am Ende doch eigene Wege gehen, vielleicht auch gehen müssen, weil die Situation überall anders ist. Meinst du, dass die Konferenz zu einem gemeinsamen Standpunkt kommt?
Zu einem gemeinsamen Standpunkt sicherlich. Aber ob der so aussehen wird, dass es ein einheitliches Blindengeld zukünftig geben soll, das ist sicher sehr von der Politik abhängig. Wir werden über lange Zeit in den einzelnen Landesvereinen um Blindengeldregelungen kämpfen müssen. Deshalb ist es um so wichtiger, dass wir uns untereinander austauschen. Es ist ja so, dass Kürzungen hingenommen werden mussten, aber dank der Aktionen einzelner Landesvereine Kürzungen nicht in der vollen Höhe wie geplant durchgeführt wurden. Das Beispiel war ja Hessen. In Berlin ist das trotz zahlreicher Aktionen nicht gelungen, da musste die 20-prozentige Kürzung hingenommen werden. In Bayern wird sich im Januar entschieden haben, ob die Kürzungen vollzogen werden oder nicht. Wenn sich die Bayer. Staatsregierung für eine drastische Kürzung entschieden haben sollte, werden die Blinden in Bayern mit einer Demonstration am 14. Februar ihr Missfallen dazu äußern. Und dort ist wieder die Solidarität der anderen Landesvereine gefragt.

Ich glaube, im Bildungsbereich hat sich der DBSV nach dem Verbandstag sehr stark engagiert. Wie kann es hier konkret weitergehen, auch in Kooperation mit anderen Verbänden?
Nachdem wir zum Verbandstag die Losung herausgebracht haben: "Erziehung und Bildung – nicht ohne uns", sind wir natürlich hier in die Pflicht genommen. Es fand im Januar ein Planungstreffen unter der Federführung des DBSV statt. Dort trafen sich DBSV-Vertreter und Vertreter verschiedener Institutionen im Bildungsbereich, z.B. des VzFB und der Blindenstudienanstalt in Marburg, um die erneute Gründung eines Gemeinsamen Fachausschusses Bildung und Erziehung vorzubereiten. Es ging darum, Schwerpunkte festzulegen für die Tätigkeit dieses Fachausschusses, zu beraten, welche Fragen das Gremium als Erstes aufgreifen soll.

Auch international hat der DBSV Ambitionen. Die EBU-Generalversammlung hat getagt, über die wir ja gesondert berichten. Welche Positionen gab es dazu im Präsidium?
Es gibt einen neuen EBU-Präsidenten, und für Deutschland ist Wolfgang Angermann ins Präsidium gewählt worden – die "Gegenwart" hat darüber informiert. Eine Neuwahl hat auch immer eine Umstrukturierung der Tätigkeitsfelder zur Folge; es wird sich in den nächsten Monaten und Jahren zeigen, wie die EBU weiter funktioniert. Deutschland muss sich in die internationale Arbeit einbringen. Das kann natürlich nicht in der vollen Breite geschehen, sondern es muss darauf ankommen, Akzente in der internationalen Arbeit zu setzen.

Zurück ins eigene Land: Die Woche des Sehens liegt hinter uns und auch vor uns. Wie wird diese Aktion bewertet?
Insgesamt kann gesagt werden, dass ein sehr positiver Erfolg aufgetreten ist. Das war ja auch schon beim Verwaltungsrat im Herbst zu hören. Es ist aber auch hier die Initiative der Landesvereine gefragt, denn wenn wir gemeinsam mit so starken Partnern wie der Christoffel-Blindenmission solche Aktionen planen, müssen wir uns natürlich mit unseren eigenen Aktionen selber stärker präsentieren. Das wird angestrebt für die Woche 2004, die vom 9. bis 15. Oktober stattfindet, diesmal voraussichtlich mit dem Schwerpunkt im süddeutschen Raum.

Bereits im Juni gibt es den Sehbehindertentag; auch eine Veranstaltung, die nicht ohne Partner durchgeführt wird. Wo liegen hier in diesem Jahr die Akzente?
Das Motto des diesjährigen Sehbehindertentages lautet: Ich sehe so wie du nicht siehst – verschiedene Arten von Sehbehinderung. Es kommt also darauf an, der Öffentlichkeit darzustellen, was Sehbehinderung bedeutet und wie vielfältig sie sich äußern kann.

Das Jahrbuch gab es ja zum ersten Mal auf CD-ROM. Ich freue mich besonders darüber, dass sich das Präsidium auch hierzu positioniert hat.
Ja, das Präsidium hat den Beschluss gefasst, dass das Jahrbuch zukünftig jedes Jahr auch in der DAISY-Version auf CD-ROM erscheint.

Wichtige Tätigkeitsfelder des DBSV werden ja inzwischen von neuen Mitarbeitern betreut. Wie ist der Eindruck im Präsidium? Wie ist das angelaufen?
Insbesondere geht es um zwei größere inhaltliche Aufgabengebiete. Das ist zum einen die Koordination der Fachausschüsse, die seit September vergangenen Jahres Hans-Karl Peter inne hat. Er hat sich als von außen Kommender mit einem großen Arbeitspensum gut in die Dinge eingearbeitet. Es ist ja ein umfangreiches Aufgabengebiet. Gleiches kann für Herrn Reiner Delgado gesagt werden, der die Aufgaben Bildung, Soziales, Jugend und Sport übernommen hat und inhaltlich sehr viel Energie rein steckt, was sich z.B. auch gezeigt hat bei der Vorbereitung der Planungssitzung für den Gemeinsamen Fachausschuss Bildung und Erziehung.

Schon lange angekündigt, aber terminlich noch nicht genau festgelegt, sind die Schulungen ehrenamtlicher Mitarbeiter im Norden und im Süden. Woran liegt das eigentlich?
Die Finanzierung dieser Schulungen ist noch nicht vollkommen geklärt. Die Beantragung und die Bewilligung der Fördermittel dauert seine Zeit, sodass wir davon ausgehen müssen, dass wir diese Schulungen im Frühherbst dann endlich durchführen können.

Susanne Siems ist ja nicht "nur" Mitglied im Präsidium, sie ist auch im Landesverband in Sachsen aktiv. Welche Botschaft nimmst du mit in das Sächsische?
Die Botschaft, dass in Zeiten, in denen jeder Landesverband Blindengeldkürzungen und Kürzungen im sozialen Bereich ausgesetzt ist, der DBSV eine zunehmend wichtige Rolle spielt, ebenso wie die Solidarität der Landesvereine untereinander, die gegenseitige Information, die auch schon viel hilft, wenn es darum geht Erfahrungen zu sammeln.
Zum Beispiel war auch ein wichtiger Punkt in Sachen Blindengeld, dass die Erfahrungen der Landesvereine, die Aktionen gemacht haben, schriftlich dokumentiert werden sollen, sodass sie anderen Landesvereinen, denen diese Kürzungen eventuell bevorstehen, davon profitieren können.
Ich nehme also das Gefühl mit, dass man mit den Problemen im Landesverein nicht allein gelassen wird.

Vielen Dank für das Gespräch und viel Erfolg im Land und im DBSV.

(Das Gespräch führte Dr. Thomas Nicolai, DAISY- und Kassettenversion Originalton.)

In Kürze

Der heiße Draht

Die Freizeit für junge Leute mit und ohne Sehbehinderung des DBSV e.V. findet vom 19. bis 23.5. in Berlin statt. Bei diesem Treffen schauen wir hinter die Kulissen der Musikszene. Wir sprechen mit Fachleuten und Insidern, besuchen eine Radiostation und einen Musikverlag und experimentieren auch selbst mit Audiotechnik. Wir lernen Blinde kennen, die im Mediengeschäft arbeiten und erfahren Hintergründe über das Saugen von Liedern und Software aus dem Internet.
Nähere Informationen und Anmeldung bis zum 22.3. beim
Deutscher Blinden- und Sehbehindertenverband
Reiner Delgado
Rungestr.19
10179 Berlin
Tel.: (0 30) 28 53 87-24
Fax: (0 30) 28 53 87-20
E-Mail: r.delgado@dbsv.org,
auch digitale Anmeldeunterlagen können angefordert werden.

Freizeit für taubblinde Menschen

Vom 25.9. bis 9.10. findet, veranstaltet vom DBSV, eine Freizeit für taubblinde Menschen im Aura-Hotel Saulgrub statt.
Wenn sich mehr als 50 Personen Anmelden, werden diejenigen bevorzugt berücksichtigt, die 2003 nicht teilnehmen konnten. Es ist erforderlich, eine Begleitperson mitzubringen.
Nähere Informationen und Anmeldung bis spätestens 30.6. bei:
DBSV-Sozialreferat
Reiner Delgado
Rungestr.19
10179 Berlin
Tel. (0 30) 28 53 87-24
Fax: (0 30) 28 53 87-20
E-Mail: r.delgado@dbsv.org

Neue Hilfsmittel und barrierefreie Informationstechnik

Vom 4. bis 5.3. veranstalten der DBSV und INCOBS (Informationspool Computerhilfsmittel für Blinde und Sehbehinderte) einen Workshop, der das Thema "Arbeiten und Kommunizieren – neue Hilfsmittel und barrierefreie Informationstechnik" hat. Die Veranstaltung findet im Hotel "Berghof" in Fulda statt. Der Workshop richtet sich an Berater/innen der Verbände, Bildungs- und Kostenträger, Hilfsmittelanbieter, Schwerbehindertenvertrauenspersonen und alle Interessierten.
Nähere Informationen bei
Heike Clauss
DIAS GmbH
INCOBS Projektkoordination
Neuer Pferdemarkt 1
20359 Hamburg
Tel.: (0 40) 43 18 75-15.

EDV-Ausstellung

Am 12.3. veranstaltet die Deutsche Blindenstudienanstalt e.V. von 9 bis 17 Uhr in der Sporthalle der Carl-Strehl-Schule, Am Schlag 8, 35037 Marburg, wieder eine EDV-Ausstellung.
Weitere Informationen unter Tel.: (0 64 21) 6 06-0
E-Mail: behrens@blista.de

Esperanto-Woche

Vom 10. bis 19.9. findet eine Esperanto-Woche mit Sprachkurs im Ferienheim "Pension Waldquelle" in St. Georgen am Reith, Niederösterreich, statt. Freunde, die die internationale Sprache erlernen wollen, sowie jene, die bereits Esperanto sprechen, sind herzlich willkommen.
Nähere Informationen und Anmeldung bei:
Österreichische Vereinigung Blinder Esperantisten – Austria Ligo de Blindaj Esperantistoj (ALBE)
Paracelsusstr. 13
AT-9560 Feldkirchen in Kärnten
Tel.: (00 43 42 76) 27 06
E-Mail: harald.rader@aon.at

Aura-Hotel Saulgrub lädt ein

20. bis 23.3. Einführung in das Qi Gong Yang Sheng
20. bis 24.3. Fasten für Körper, Geist und Seele
27.3. bis 3.4. EN-Meditation (Ein Übungsweg für mehr Lebensqualität im Alltag)
27.3. bis 3.4. Die ganz andere Farbberatung (speziell für Blinde und Sehbehinderte aufgebaut)
27.3. bis 3.4. Saulgruber Kulturtage

Weitere Informationen erhalten Sie beim
Aura-Hotel Saulgrub
Tel.: (0 88 45) 99-0
Fax: (0 88 45) 99-121
E-Mail: saulgrub@bbsb.org

Urlaub an der Ostsee

Der Blinden- und Sehbehindertenverein Schleswig-Holstein e.V. (BSVSH) unterhält am schönen Timmendorfer Strand zwei ganzjährig zur Anmietung geeignete Ferienappartements.
Jede Einheit ist für eine Nutzung von 2 Erwachsenen und einem Kind ausgelegt (kombiniertes Wohn-/Schlafzimmer, Kochnische, Dusche, WC).
Nähere Informationen und Buchung bei der
BSVSH-Geschäftsstelle
Tel.: (04 51) 40 85 080.

Neues Verzeichnis der DAISY-Bücher bei der WBH

Die Westdeutsche Blindenhörbücherei in Münster gibt im Februar 2004 ihr neues Gesamtverzeichnis der digitalen Hörbücher (Stand 31.12.2003) heraus. Der Bestand (Eigenproduktionen plus Produktionen aus Hamburg und Leipzig) ist inzwischen auf 1150 Titel im DAISY-Typ 1- und DAISY-Typ 2-Format gewachsen. Das Verzeichnis ist auf Anfrage für die Hörer kostenlos bei der
WBH
Harkortstr.9
48163 Münster
Tel.: (02 51) 71 99 01
entweder in Druckform oder als DAISY-Fassung aufgelesen erhältlich. Das Verzeichnis steht auch im Internet auf der WBH-Homepage www.wbh-online.de in verschiedenen Formen zum Download oder online zur Verfügung.

Bahn mit Neuauflage ihrer Informationsbroschüre

Die Informationsbroschüre der Deutschen Bahn AG "Mobil trotz Handicap – Service für mobilitätseingeschränkte Reisende" ist kürzlich in einer Neuauflage erschienen. Speziell für blinde und sehbehinderte Reisende gibt es die Broschüre auf 2 CD-ROM (Audio-MP3 und HTML-Textformate). Sie ist in den Reisezentren oder kostenfrei zu bestellen bei
Deutsche Bahn AG
Unternehmensbereich Personenverkehr
Stephensonstr. 1
60326 Frankfurt a.M.
Tel.: (0 69) 2 65 68 81
E-Mail: Ellen.Engel@bahn.de
herunterladen unter www.bahn.de/pv/service/handicap/die_bahn_mobil_trotz_handicap_broschuere.shtml

Wissen, was im Kino läuft

Die akustischen Blinden-Zeitschriften "Anstöße" und Auslese" informieren ausführlich über die 54. Internationalen Filmfestspiele in Berlin. Die Extra-Kassette zum Filmfest erscheint Anfang März, Spieldauer 90 Min., kann schon jetzt bestellt werden beim
Arbeitskreis Kultur und Selbsthilfe Sehgeschädigter und ihrer Freunde e.V.
Postfach 210540
10505 Berlin
Tel.: (0 30) 3 45 18 28
E-Mail: anstoesse@gmx.de

Studie zu barrierefreiem Tourismus

Die im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und Arbeit erstellte Studie zum Thema: "Ökonomische Impulse eines barrierefreien Tourismus für Alle" wurde Ende des vergangenen Jahres in Berlin vorgestellt (die "Gegenwart" wird noch darüber berichten).

Die Kurzfassung der Studie kann beim
Bundesministerium für Wirtschaft und Arbeit
Postfach 30 02 65
53182 Bonn
Tel.: (0 18 88) 6 15 41 71
Fax: (02 28) 42 23-4 62
bestellt werden.
Den Download gibt es im Internet: www.bmwa.bund.de

Die Langfassung kann bestellt werden bei
Neumannconsult
Herr Dr. Peter Neumann
Stadt- und Regionalentwicklung/Barrierefreies Gestalten
Bahnhofstr. 1-5
48143 Münster
Tel.: (02 51) 16 25 430
E-Mail: info@neumann-consult.com

Karl Finke siegte

Leser und Leserinnen der Illustrierten "Partizip" und der kobinet-nachrichten hatten über den nicht dotierten Preis "Courage 2003" online abgestimmt. Nominiert waren von beiden Redaktionen Frauen und Männer, die durch beherztes Handeln ins Rampenlicht kamen und im Europäischen Jahr der Menschen mit Behinderungen Akzente setzten. Karl Finke ist seit 1990 Behindertenbeauftragter in Niedersachsen.

Lesbar für Alle

PDF erfreut sich nicht nur bei Broschüren und Handbüchern, sondern auch bei amtlichen Formularen immer größerer Beliebtheit. In der zunehmend barrierefreien Internetwelt sind zugängliche PDF's aber noch eine Seltenheit.
Eine vierteilige Serie hilft bei der Erstellung barrierefreier PDF-Dokumente: www.einfach-fuer-alle.de/artikel/pdf_barrierefrei/

"Die Zeit" zum Hören

Seit Juni des letzten Jahres gibt es 15 ausgewählte Artikel aus der Wochenzeitung "Die Zeit" zu Hören. Unter www.zeit.de sind die Beiträge abrufbar. Man kann diese Artikel gesammelt auf einer CD zum jeweiligen Monatsende bequem im Abonnement beziehen.
Nähere Informationen und Bestellung bei
"Die Zeit"
Pressehaus
Speersort 1
20095 Hamburg
Tel.: (0 40) 32 80-0

Blindentribüne beim 1. FC Köln

Der 1. FC Köln bietet ab der Saision 2003/2004 seinen blinden Zuschauern eine Blindentribüne an. In den Ostgeraden wird das Spielgeschehen in altbewährter Weise kommentiert. Der Eintrittspreis für den blinden Zuschauer beträgt 10 Euro, die Begleitperson ist frei. Kartenbestellungen richten Sie – bei erstmaliger Bestellung mit Kopie des Schwerbehindertenausweises – an den
1. FC Köln
Frau Siems
Postfach 42 02 51
50896 Köln
Tel.: (02 21) 9 43 66 43 11

Sie erhalten eine Kundennummer und können die nachfolgenden Bestellungen telefonisch vornehmen.

MMC Bonn

Das Multi-Media-Center Bonn (MMC) bietet auch in diesem Jahr wieder Seminare für blinde und sehbehinderte Menschen an. z.B. MS Windows Grundlagen, MS Exel 2000 Grundlagen, Internet Grundlagen, Schnupper-Workshop für blinde Einsteiger, Window XP usw.
Anmeldung und nähere Informationen bei
Michael Plarre, MMC Bonn, Studien-, Medien- und Internetcafé für
Menschen mit und ohne Behinderung im
Gustav-Heinemann-Haus
Waldenburger Ring 44
53119 Bonn
Tel.: (02 28) 66 83 – 4 56
E-Mail: plarre@mmc-bonn.de
Internet: www.mmc-bonn.de

Katalog 2004

Der neue Reisekatalog des Bundesverbandes Selbsthilfe Körperbehinderter e.V. (BSK) ist erschienen. Er enthält ein umfangreiches Angebot an barrierefreien Reisen, wie Städtereisen, Fernreisen, Gruppenreisen usw. Den Katalog und nähere Informationen gibt der
BSK-Reiseservice
Tel.: (0 62 94) 42 81 50
E-Mail: reiseservice@bsk-ev.de
oder Tel.: (07 11) 2 85 82 02
Internet: www.bsk-ev.de

Weitsprung

Wenn Sie gerne ausgiebige Reisen unternehmen möchten, dabei aber auf Begleitung oder Pflege nicht verzichten wollen, kommen Sie mit Weitsprung Reisebüro Gruppenreisen direkt ans Ziel. Senioren, Behinderten und Nichtbehinderten zugleich bietet sich hier die attraktive Möglichkeit, in kleinen Gruppen zu reisen, ohne auf sich allein gestellt zu sein.
Katalog und nähere Informationen bei
Weitsprung gGmbH
Gutenbergstr.27
35037 Marburg
Tel./Fax: (0 64 21) 68 68 32
E-Mail: mail@weitsprung-reisen.de
Internet: www.weitsprung-reisen.de

Im Beruf

Riesenbildschirm für große Aufgaben

Beratender Ingenieur trotz Sehbehinderung im Qualitätsmanagement tätig. Eine individuelle Arbeitsplatzausstattung macht es möglich.

Zschopau im Mittelerzgebirge. Hier arbeitet seit sechs, sieben Jahren Enno Postler als beratender Ingenieur. Infolge eines stark verringerten Sehvermögens war eine operative Tätigkeit für ihn nicht mehr möglich, der Schritt ins Rentnerdasein schien unausweichlich. Doch das wollten weder Enno Postler noch seine Firma. Also machte man sich auf die Suche nach Lösungen, die eine sinnvolle Weiterbeschäftigung ermöglichen sollten.
Vieles wurde ausprobiert: ein Lesegerät und Bildvergrößerungssoftware wurden angeschafft. Jedoch stellte sich bald ein Nachteil heraus, der die Arbeit zunehmend behinderte: man hatte nie den gesamten Bildschirminhalt des Monitors im Blick, d.h. man bearbeitete beispielsweise einen Text wie mit einer Lupe ohne ihn in seiner Gesamtheit sehen zu können. Aber gerade das war für Enno Postler überaus wichtig, schließlich verlangt seine Tätigkeit im Ingenieurbüro Qualitätsmanagement Zschopau viel Individualität, Flexibilität und Darstellungsvermögen.
Seit neun Jahren beschäftigt sich die Firma erfolgreich mit der Beratung von mittelständischen Unternehmen bei der Einführung von Qualitätsmanagementsystemen. Mehr als 100 Betriebe haben die Hilfe und Unterstützung des Teams von Dipl. Ing. Simone Reuther bereits in Anspruch genommen. Sieben Mitarbeiter erarbeiten anwendungs- und zertifizierungsreife Verfahrensanweisungen, firmenspezifische Qualitätsmanagementhandbücher und nehmen den Kontakt zu Zertifizierungsstellen auf.
Weitere Tätigkeitsfelder sind Maschinen- und Prozessfähigkeitsuntersuchungen, statistische Prozessüberwachung sowie Prüfmittelüberwachung und –verwaltung.
Über eine Ausstellung im Berufsförderungswerk Halle (Saale) im Jahr 1998 entstand schließlich der Kontakt zur SIE-media GmbH mit Sitz in Möser bei Magdeburg und seit 2003 auch in Seefeld bei Berlin. Dieses Unternehmen bietet individuelle raumintegrierte oder mobile Lösungen zur Einrichtung von Konferenz-, Seminar- oder Medienräumen an.
Auch für das Ingenieurbüro Zschopau war bald eine passende Lösung gefunden: ein sehbehindertengerechter Arbeitsplatz, der die speziellen Bedürfnisse und Anforderungen berücksichtigt. Für Enno Postler war wichtig, den gesamten Bildschirminhalt sehen zu können. Dieser Wunsch wurde auf einer Fläche von ca.870 x 600 mm erfüllt. Texte, Formulare und Symbolleisten können vollformatig in der notwendigen Größe dargestellt werden. Die Arbeit wird damit erleichtert, anstehende Aufgaben können in guter Qualität vor allem schneller realisiert werden, so die Einschätzung der Firmeninhaberin Frau Simone Reuther.
Der Arbeitsplatz ist im Wesentlichen eine mobile Rückprojektions-Box mit 40 Zoll Bilddiagonale (874 x 604 mm). Rückprojektions-Box mit 40 Zoll Bilddiagonale (874 x 604 mm). Das integrierte Bildgebersystem besteht aus einer leistungsfähigen Projektionseinheit mit Weitwinkelobjektiv, einem Umlenkspiegel und einer speziellen Rückprojektionsscheibe zur Darstellung hochauflösender Datenbilder.
Der Arbeitsplatz ist seit April 2002 in Zschopau im Einsatz und sowohl Enno Postler als auch die Firmenchefin Simone Reuther sind sich einig: die Anschaffung hat sich bewährt und bezahlt gemacht.
Letzteres nicht nur durch die Förderung der Bundesversicherungsanstalt für Angestellte und des Amtes für Familie und Soziales Chemnitz. Die gesamte Arbeitsausführung ist schneller geworden, ein ruhiges Bild ohne Flimmern, Flackern und sprunghafte Bewegungen mindern Kopfschmerzen und Konzentrationsstörungen, der Arbeitsplatz erlaubt mehr Überblick über das zu bearbeitende Dokument und erleichtert besonders bei Querformaten die Arbeitsausführung in hohem Maße.
"Nichts ist so gut, dass man es nicht verbessern könnte" – so lautet das Leitmotiv des Ingenieurbüros für Qualitätsmanagement in Zschopau. Das trifft nach mehr als 2-jährigem Einsatz auch für den sehbehindertengerechten Arbeitsplatz zu. Dem Hersteller wurden z.B. Hinweise zur Verbesserung des Belüftungssystems und der Gestaltung der Fernbedienung übermittelt. Diese wurden aufgegriffen und künftige Anwender können davon profitieren.

Wolfgang Loos

Nähere Informationen zu dieser Arbeitsplatzlösung gibt die Herstellerfirma:
SIE-media GmbH
Akazienstraße 7, 16356 Seefeld
Tel.: (03 33 98) 7 84 00.

Begegnung am Tag des weißen Stockes

Linuxserver, Datenbankprogrammierung und Netzwerkverwaltung waren bevorzugte Themen, als 17 junge angehende Systemkaufleute, Systeminformatiker und Fachinformatiker dem Kurs der Informatikkaufleute im Berufsförderungswerk Würzburg (BFW) einen Besuch abstatteten. EDV-Fachleute unter sich, könnte man meinen, doch handelte es sich um eine Begegnung der ganz besonderen Art, denn die 9 Rehabilitanden des BFW sind alle blind bzw. stark sehbehindert.
Dennoch fiel es ihnen nicht schwer, den sehenden Fachkollegen, die ihre Ausbildung bei der Deutschen Telekom in Würzburg absolvieren, zu zeigen, dass sie trotz ihres Handicaps effektive Leistungen an modernen Arbeitsplätzen erbringen können.
Im Mittelpunkt des Besuchs stand neben einer professionellen Präsentation des Berufsbildes vor allem die Information über Hilfsmittel, die Blinde und Sehbehinderte brauchen, um die anspruchsvolle Ausbildung zum Informatikkaufmann zu absolvieren. So ließ man sich das System der Blindenschrift erklären, beobachtete Blinde bei der Arbeit am PC und erfuhr viel Interessantes über das Leben mit einem Blindenführhund.
Möglichkeiten zur Selbsterfahrung wurden reichlich geboten: Mit verbundenen Augen wagten die jungen EDV-Fachkräfte einen Rundgang über das BFW-Gelände und erlebten in der Lehrküche, wie schwierig einfache Verrichtungen im Haushalt ohne Augenlicht sind. Geradezu abenteuerlich gestaltete sich das gemeinsame Mittagessen, das ebenfalls mit der Schwarzbrille über den Augen eingenommen wurde.
Der fachliche Austausch wurde von beiden Seiten als äußerst fruchtbar eingestuft und soll deshalb auch fortgesetzt werden. Wie BFW-Ausbilder Stefan Barwanietz mitteilte, steht der Termin für einen Gegenbesuch bei der Telekom schon fest.

Wieder im Berufsleben: Ein gutes Gefühl

Noch immer sind Arbeitgeber unzureichend darüber informiert, wie blinde und sehbehinderte Menschen ihre Arbeitsaufgaben meistern. Auch über finanzielle Fördermöglichkeiten bei der Einstellung Schwerbehinderter herrscht oft Unwissenheit.
Aber es gibt auch ermutigende Beispiele beruflicher Integration: Angela Fischer ist vollblind und seit März 2003 bei dem Hallenser Unternehmen 3 w phone, einem Anbieter für komplexe Kommunikationsdienstleistungen, beschäftigt. Nachdem die gelernte Telefonistin ihre Fortbildung zur Fachkraft für Telefonmarketing im Berufsförderungswerk Halle (BFW) abgeschlossen hatte, wurde sie zunächst in ein Probearbeitsverhältnis übernommen. Im Juni 2003 dann die unbefristete Einstellung.
Am Arbeitsplatz der 39-jährigen fallen einige Besonderheiten auf: Angela Fischer arbeitet u.a. mit einer Braille-Zeile, mit Hilfe derer sie die Informationen auf dem Bildschirm ihres PC's erkennen kann. Das elektronische Notizgerät, das sie immer bei sich trägt, ermöglicht es ihr, Mitschriften anzufertigen, die – in den Computer eingegeben – auch für sehende Kollegen verwendbar sind.
Angela Fischers Arbeitsplatz wurde ihren Bedürfnissen entsprechend individuell eingerichtet, die Kosten dafür übernimmt selbstverständlich der Träger der Rehabilitation.
"Viele Arbeitgeber sind der Meinung, dass sehbehinderte Menschen nicht am PC tätig sein können. Im Gegenteil: Der Rechner ist das größte Hilfsmittel der Blinden", stellt Integrationsberaterin Ingrid Schilling die Sachlage richtig und fügt hinzu: "Dank moderner Technik erledigen Sehbehinderte ebenso zuverlässig wie andere Arbeitnehmer ihre Aufgaben am Computer."
Neben der professionellen Integrationsarbeit des BFW hat im Fall von Angela Fischer das große Engagement des Arbeitgebers wesentlich zum Erfolg beigetragen. Die 3 w phone-Geschäftsführung zeigte sich gegenüber den Problemen blinder Menschen sehr aufgeschlossen, sodass eine intensive Zusammenarbeit entstand. "Wir konnten uns im BFW Halle von der Leistungsfähigkeit sehbehinderter Arbeitnehmer überzeugen", betont Geschäftsführer Torsten Kamenz.
Angela Fischer ist glücklich: "Die Arbeit macht mir Spaß. Es ist ein gutes Gefühl, beruflich wieder aktiv zu sein."

Robert Bonan

Rechtsauskunft:

Was bringt uns das Gesundheitsreformgesetz?

Das GKV-Modernisierungsgesetz wurde am 19.11.2003 im Bundesgesetzblatt verkündet (I 2190) und tritt im Wesentlichen am 1.1.2004 in Kraft. Wir informieren über einige wichtige Neuerungen:

Hausarztsystem, § 73 b SGB V
Alle volljährigen Versicherten können sich freiwillig verpflichten, mindestens ein Jahr lang an der "hausarztzentrierten Versorgung" teilzunehmen. Das bedeutet: Man sucht sich einen Hausarzt aus, nachdem die Krankenkasse mitgeteilt hat, welche Ärzte aus der näheren Umgebung dafür zugelassen sind, und legt sich mindestens 1 Jahr auf diesen Arzt fest. Braucht man einen Facharzt, so wird der Hausarzt den Patienten an diesen überweisen. Der Facharzt wiederum kann weiter verweisen an einen anderen Facharzt oder gegebenenfalls zurück an den Hausarzt. Ein Wechsel des Hausarztes, an den man sich gebunden hat, ist vor Ablauf der Jahresfrist nur "bei Vorliegen eines wichtigen Grundes" möglich. Die Teilnahme am Hausarztsystem ist freiwillig. Sie spart dem Versicherten eine Reihe von Praxisgebühren (siehe weiter unten), und die Krankenkasse kann zusätzlich damit werben, dass sie einen Bonus zum Beispiel in Form von Ermäßigungen bei den Zuzahlungen gewährt. Da die minderjährigen Patienten keine Zuzahlungen zu leisten haben, gilt das Angebot nur für Erwachsene.

Praxisgebühr, § 28 Abs. 4 SGB V
Versicherte über 18 Jahre müssen ab 2004 grundsätzlich für jede Inanspruchnahme eines Arztes, und sei es nur eine telefonische Beratung, eine Praxisgebühr von 10 Euro bezahlen. Genauer: Der Betrag wird fällig: "je Kalendervierteljahr für jede erste Inanspruchnahme eines an der ambulanten ärztlichen, zahnärztlichen oder psychotherapeutischen Versorgung teilnehmenden Leistungserbringers, die nicht auf Überweisung aus demselben Kalendervierteljahr erfolgt." und das bedeutet: Geht man im Januar zu einem Arzt, zahlt man 10 Euro Praxisgebühr. Sucht man denselben Arzt im März noch einmal auf, fällt keine neue Praxisgebühr an. Setzt sich die Behandlung in den April fort – zum Beispiel Medikamente werden weiter verschrieben – , so fällt eine neue Praxisgebühr an. Geht man im Januar zum Hausarzt und im Februar zum Ohrenarzt, ohne dass man eine Überweisung des Hausarztes hat, so muss man sowohl beim Hausarzt, als auch beim Ohrenarzt jeweils 10 Euro zahlen. Das kann teuer werden, wenn man ohne Überweisung auch noch zum Augenarzt, zum Zahnarzt und zu anderen Fachärzten geht. Im Falle einer Überweisung ist jedoch keine zweite und keine weitere Praxisgebühr innerhalb des Quartals zu zahlen.
Das heißt: Geht man Ende März zum Hausarzt und lässt sich von ihm zum Augenarzt überweisen, bekommt dort aber erst im April einen Termin, so ist wiederum sowohl dem Hausarzt als auch dem Augenarzt die Praxisgebühr zu zahlen. Die dann dem Augenarzt gezahlte Praxisgebühr gilt dann allerdings mit für den Hausarzt und man hat für dieses zweite Quartal seine Praxisgebühr gezahlt. Unter die Gebührenpflicht fallen grundsätzlich alle ärztlichen Leistungen. Ausnahmen: Leistungen an minderjährige Patienten, ferner bestimmte Leistungen wie Vorsorge-Untersuchungen, Schutzimpfungen und Kontrolluntersuchungen beim Zahnarzt. Keine Ausnahme gilt hingegen für Notfälle, zum Beispiel nach einem Unfall die Behandlung in der Ambulanz eines Krankenhauses. Auch hier ist die Praxisgebühr zu zahlen. Ferner gibt es keine Befreiung für Sozialhilfeempfänger. Sie müssen die Praxisgebühr aus ihrer Hilfe zum Lebensunterhalt bestreiten.

Zuzahlungen und Belastungsgrenze, §§ 61 und 62 SGB V
Die Praxisgebühr gilt als neue "Zuzahlung". Daneben gibt es die bisherigen Zuzahlungspflichten bei Arzneimitteln, bei Heilmitteln (Krankengymnastik, Massage, Ergotherapie) und bei stationärer Behandlung, die aber allesamt neu geregelt wurden. Ganz neu ist ferner die Zuzahlung bei Hilfsmitteln (speziell dazu informieren wir in der Februar-Ausgabe).
Kurz gefasst gelten am 1.1.2004 folgende Zuzahlungsregelungen: Arzneimittel (§ 31 Abs. 3 i.V.m. § 61 Satz 1 SGB V): 10 Prozent des Abgabepreises, mindestens jedoch 5 Euro und höchstens 10 Euro, allerdings jeweils nicht mehr als die Kosten des Mittels;

Heilmittel (§ 32 Abs. 2 i.V.m. § 61 Satz 3 SGB V):
10 Prozent der Kosten sowie 10 Euro pro Verordnung; stationäre Behandlung (§ 39 Abs. 4 i.V.m. § 61 Satz 2 SGB V): 10 Euro pro Tag bis maximal 28 Tage.
Ausgenommen von der Zuzahlung sind alle Leistungen an Minderjährige. Bei den Erwachsenen unterliegen jetzt aber auch die Sozialhilfeempfänger den Zuzahlungspflichten. Die Obergrenze für die Belastungen mit Zuzahlungen innerhalb eines Kalenderjahres (§ 62 SGB V) beträgt 2 Prozent der jährlichen Bruttoeinnahmen zum Lebensunterhalt (zu denen das Blindengeld natürlich nicht zählt) bzw. bei chronisch kranken Patienten 1 Prozent. Der Betrag der maßgeblichen Einnahmen wird gemindert, wenn im Haushalt der Ehegatte und/oder weitere Angehörige leben. Bei Sozialhilfeempfängern gilt als maßgebliches Einkommen pauschal der Regelsatz des Haushaltsvorstandes nach der Regelsatzverordnung. Wie bisher gilt: Um die Überschreitung der Obergrenze belegen zu können, muss man alle Quittungen über die geleisteten Zuzahlungen aufbewahren!

Fahrtkosten, § 60 SGB V
Bei den Fahrtkosten wird eine Leistungseinschränkung vorgenommen, die 500 Mio. Euro jährlich an Einsparungen bringen soll, die also ganz beträchtlich ist. Dabei ist der Leistungsumfang hier schon nach geltendem Recht sehr eingeschränkt, nämlich (verkürzt dargestellt) auf Fahrten zur stationären Behandlung sowie auf Rettungsfahrten und Krankentransporte mit besonderen Fahrzeugen. In all diesen Fällen muss der Versicherte von den Kosten die ersten 13 Euro selber tragen. Im Übrigen erstattet die Krankenkasse die Fahrtkosten nur im Rahmen der Belastungsregelung, das heißt: Der Versicherte kann die Taxiquittungen aufbewahren und nach Ablauf des Kalenderjahres mit den anderen Belegen über Zuzahlungen bei seiner Krankenkasse einreichen. Der die Belastungsgrenze überschreitende Betrag wird erstattet. Ab 1.1.2004 wird nun aber Folgendes gelten: Die Krankenkassen übernehmen Fahrtkosten grundsätzlich nur noch dann, wenn die Fahrten "aus zwingenden medizinischen Gründen" notwendig sind. Bei Fahrten zu ambulanten Behandlungen wird das in seltenen Ausnahmefällen der Fall sein. Diese Ausnahmefälle sollen in Richtlinien noch im Einzelnen beschrieben werden. Dafür entfällt die Berücksichtigung der Kosten im Rahmen der Belastungsregelung. Bei Fahrten zur stationären Behandlung sowie bei Rettungsfahrten und Krankentransporten bleibt es im Prinzip bei der geltenden Regelung (neu geregelt wird der Fall der Verlegung in ein anderes Krankenhaus). Die Zuzahlung des Versicherten wird (praktisch) auf 10 Euro gesenkt (dies gilt auch für die Ausnahmefälle bei den Fahrten zu ambulanten Behandlungen).

Karl Thomas Drerup

Hinweis: Weitere Einzelheiten zum Gesundheitsreformgesetz veröffentlichen wir in der Februar-Ausgabe.

Aus aller Welt

Die EBU stellt die Weichen für die kommenden vier Jahre

Vom 26. bis 29.11.2003 fand die 7. Generalversammlung der Europäischen Blindenunion (EBU) in Athen, Griechenland, statt.

Die Generalversammlung ist das höchste Organ der EBU, vergleichbar dem Verbandstag des DBSV. Die Generalversammlung bestimmt die allgemeine Verbandspolitik, die die EBU zur Erreichung ihrer Ziele wählt. Zu ihren Aufgaben gehört u.a. die Entgegennahme und Beratung der Berichte der Kommissionen, die Prüfung und Genehmigung des Berichts des Schatzmeisters und des Haushaltsplans der EBU sowie die Wahl des 11-köpfigen Präsidiums.
Zur 7. Generalversammlung hatten 43 der 44 EBU-Mitgliedsländer ihre Delegationen entsandt. Grußworte sprachen u.a. der Präsident des griechischen Parlaments und andere griechische Würdenträger, eine Vertreterin von Paralympics 2004, WBU-Präsidentin Kicki Nordström, EDF-Präsident Vardakastanis und Paul Tezanou, der Präsident der Afrikanischen Blindenunion.
Den Schwerpunkt der Beratungen des ersten Tages bildeten die Berichte des Schatzmeisters, des EBU-Büros, der 14 EBU-Kommissionen und des Präsidiums über die Durchführung des EBU-Aktionsplans, die ohne größere Debatten von den Delegierten entgegen genommen wurden. Im Anschluss folgte ein vom EBU-Präsidium vorgelegtes Papier mit Resolutionsanträgen, mit dem sich die Delegierten, unterbrochen durch die Wahlen zum Präsidium, auch noch am zweiten Tag befassten. Während die Resolutionen zu Mobilität und Jugend und zur Erhaltung der entgeltfreien Blindensendung in der Europäischen Union ohne Aussprache genehmigt wurden, erwies sich die Behandlung anderer Entschließungsanträge weitaus schwieriger. Die u.a. vom DBSV eingebrachten Anträge auf Änderung des Namens der Europäischen Blindenunion und zur Schaffung einer ausgewogenen Vertretung der Sehbehinderten in den Gremien der EBU wurden nach lebhafter Debatte abgelehnt. Zu einer kontroversen Diskussion insbesondere wegen seiner Aussagen zum Klonen menschlicher Föten führte ein vom Präsidium vorgelegtes Genetik-Papier, das als vorläufiges Positionspapier schließlich doch noch genehmigt wurde.
Höhepunkt des zweiten Tages waren die Wahlen zum Präsidium. Sir John Wall hatte bereits im Vorfeld erklärt, dass er aus Altersgründen nicht mehr kandidieren werde. Per Akklamation wurden gewählt der Präsident, seine beiden Stellvertreter sowie der Schatzmeister. Bei der Wahl zum Amt des Generalsekretärs musste sich der von Deutschland nominierte Wolfgang Angermann (81 Stimmen) seinem tschechischen Mitbewerber Vaclav Polasek (135 Stimmen) geschlagen geben, wurde jedoch anschließend als Mitglied des Präsidiums gewählt.

Das neue Präsidium setzt sich wie folgt zusammen:
Präsident: Colin Low (England)
1. Vizepräsident: Alexandre Neumyvakin (Russland)
2. Vizepräsident: Tomasso Daniele (Italien)
Schatzmeister: Julien Aimi (Frankreich)
Generalsekretär: Vaclav Polasek (Tschechien).

Mitglieder: Birgitta Blokland (Holland, 220 Stimmen); Yannis Vardakastanis (Griechenland, 219 Stimmen); Xavier Grau Sabater (Spanien, 216 Stimmen); Ann-Christin Fast (Schweden, 210 Stimmen); Wolfgang Angermann (Deutschland, 164 Stimmen); Vasil Dolapchiev (Bulgarien, 150 Stimmen).

Als EBU-Vertreter im WBU-Exekutiv-Komitee wurden gewählt: Julien Aimi, Alexandre Neumyvakin und Birgitta Blokland. Dem künftigen Nominierungskomitee gehören an: Vorsitz: Branislav Mamojka (Slovakei). Mitglieder: Ian Bruce (England). Kicki Nordström (Schweden), Sergio Ruba (Rumänien), V. Portimo (Finnland).

Am dritten Tag der Generalversammlung befassten sich die Delegierten zunächst mit der Gründung des Europäischen Louis-Braille-Clubs. Hierbei handelt es sich um eine Initiative der Italienischen Blindenunion, die der Sicherung der Finanzierung des Louis-Braille-Museums in Coupvray, Frankreich, dienen soll. Mitglieder des Clubs sind entsprechend dem italienischen Vorschlag die nationalen Blindenverbände, die einen jährlichen Mitgliedsbeitrag entrichten. Die nationalen Mitglieder sind ferner aufgerufen, Louis-Braille-Clubs in ihren jeweiligen Ländern zu gründen, mit denen Spenden für den Europäischen Louis-Braille-Club beschafft werden sollen. Die Gründung des Europäischen Louis-Braille-Clubs wurde nach kurzer Aussprache beschlossen. Ob die Bildung entsprechender nationaler Vereinigungen ein gangbarer Weg ist, bleibt abzuwarten. Der Spendenmarkt ist wesentlich enger geworden. Für den DBSV würde sich der bürokratische Aufwand nicht unerheblich erhöhen. In anderen Ländern sieht man dies offenbar genau so.
Es folgte der Haushaltsplan des Schatzmeisters für die kommenden vier Jahre, der einschließlich der Empfehlungen für die weitere Konsolidierung der Finanzen der EBU gegeben wurde. Wegen der fortgeschrittenen Zeit wurden dann im Eilmarsch 15 weitere während der Versammlung eingebrachte Resolutionsanträge – unter ihnen die Anträge des Frauenforums – behandelt und beschlossen.
Eine der letzten Handlungen der Generalversammlung ist die Auszeichnung von Persönlichkeiten, die sich um die Sache der EBU verdient gemacht haben. Als Ehrenmitglieder der EBU auf Lebenszeit wurden ernannt John Wall, Poul Lüneborg und der scheidende Generalsekretär der EBU, Lennart Nolte und Norbert Müller. Arne Husveg erhielt in Anerkennung seiner Dienste für die Union ein Ehrengeschenk.
Ehrenmitglieder der EBU werden zu den Generalversammlungen eingeladen. Sie haben aber kein Stimmrecht.
Norbert Müller dankte sichtlich bewegt. Er gehörte dem EBU-Präsidium seit dem Jahre 1993 an. Seit 1996 diente er diesem als Generalsekretär. Er hat sich in diesen Jahren ein hohes internationales Ansehen erworben. Zu seinen Verdiensten gehört insbesondere sein geschickter und engagierter Einsatz für die Bereitstellung der von der Europäischen Zentralbank finanzierten Schablone zum Erkennen der Euro-Münzen und -Geldscheine für Blinde und Sehbehinderte.
Ohne Zweifel geht mit der 7. EBU-Generalversammlung eine historische Ära zu Ende, die sich mit den Stichworten "Verstärkte Integration der EU-Mitglieder" und "Öffnung nach Osteuropa" beschreiben lässt. Die Erfolge der letzten Jahre z.B. auf dem Gebiet der Lobbyarbeit, als legitimierte Stimme der Blinden und Sehbehinderten, die im engen Zusammenwirken mit den EU-Organen die europäische Sozialpolitik mitgestaltet, sind unübersehbar. Vielen europäischen Politikern gilt die EBU als zuverlässiger, kompetenter und angesehener Gesprächspartner. Als eine der wenigen Nichtregierungsorganisationen erhält sie weiterhin EU-Mittel für Koordinierungszwecke. Die letzten beiden Legislaturperioden waren dabei eindeutig durch das Charisma ihres Verbandsführers, Sir John, geprägt. Die Generalversammlung dankte ihrem scheidenden Präsidenten mit lang anhaltendem Beifall.
Der neue EBU-Präsident, Colin Low, würdigte in seiner Antrittsrede die soliden Grundlagen, die die EBU in den vergangenen Jahren geschaffen habe und auf denen es nunmehr aufzubauen gelte. Als wichtige Aufgaben des neuen Präsidiums nannte er die Entbürokratisierung der EBU; die Erreichung eines ausgewogenen Verhältnisses zwischen dem westlichen und südlichen Europa auf der einen Seite sowie Ost- und Mitteleuropa auf der anderen Seite; die Berücksichtigung der Bedürfnisse der Sehbehinderten. Die Gleichstellung von Männern und Frauen. Gleichzeitig rief Low die Delegierten mit einem abgewandelten Brecht-Zitat auf, ihre Anstrengungen zu verstärken, um zu erreichen, dass die Blinden, die heute noch im Schatten stehen, morgen ins Licht rücken.
Hans Kaltwasser