Deutscher Blinden- und Sehbehindertenverband e. V.

Die Gegenwart 05 / 02 mit ausgewählten Beiträgen

Editorial:
Der 5. Mai - diesmal ein Feiertag
Von Dr. Thomas Nicolai

DBSV-Nachrichten:

Leserpost

In Kürze

Interview:

Hier ist Corinna, hallo!
Dr. Thomas Nicolai sprach mit Corinna May

Aus aller Welt:

Mosaik - zusammengestellt von Hans Kaltwasser

Rechtsauskunft:

Diskussion:

Staunen und Dispute beim Integrationstreff
Von Angelika Farley

Serie:

Der duftende Garten
Duft-Pelargonie (Pelargonium)
Von Ruth Zacharias

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Editorial:
Der 5. Mai - diesmal ein Feiertag

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

der Europäische Protesttag kann in diesem Jahr in Deutschland wohl eher als ein Feiertag begangen werden, denn das Behindertengleichstellungsgesetz ist gerade in Kraft getreten.

1994 war das Grundgesetz um den Satz ergänzt worden: "Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden." Seitdem erwarten die behinderten Menschen, dass aus diesem Grundsatz gelebte gesellschaftliche Wirklichkeit werden kann. Mit dem Gleichstellungsgesetz sind wir diesem Ziel einen großen Schritt näher gekommen. Gleichstellung und Barrierefreiheit sind als politische und gesellschaftliche Begriffe gesetzlich verankert.

Mit Barrierefreiheit sind nicht nur räumliche Kategorien gemeint, sondern beispielsweise auch der ungehinderte Zugang zur Kommunikation in den elektronischen Medien und zur selbständigen Teilnahme an Wahlen. Beispielhaft für seinen bürgerrechtlichen Ansatz der Teilhabe ist das neue Instrument der Zielvereinbarungen. Hier können Behindertenverbände unmittelbar in Verhandlungen mit der Wirtschaft treten, um Regelungen zur Herstellung von Barrierefreiheit zu treffen.

Das ist eine große Herausforderung auch für die Blinden- und Sehbehindertenselbsthilfe. Denn von ihr wird es mit abhängen, wie Paragrafen mit Leben erfüllt werden.

Ihr Dr. Thomas Nicolai

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DBSV-Nachrichten:

Hörfilm im Rampenlicht

Von Dr. Thomas Nicolai

Die "Glücksjäger" hatten vor 13 Jahren den Anfang gemacht. Jedenfalls hieß der erste Film so, der in Deutschland mit Audiodeskription vorgeführt worden war. An die Enthusiasten der ersten Stunde wurde auch erinnert, als der DBSV am 18.03.2002 in Berlin zum ersten Mal den Hörfilm-Preis verlieh:

Ein Straßenschild - Unter den Linden / Charlottenstraße; die Eingangstür zum Atrium der Deutschen Bank; Menschen in Abendgarderobe betreten das Gebäude; einige haben weiße Stöcke. Im Foyer: Getränke und Fingerfood werden gereicht... So oder so ähnlich könnte die Szenerie zum Auftakt der Hörfilm-Preis-Verleihung beschrieben werden.

Schon der repräsentative Veranstaltungsort ließ den Schluss zu, dass es hier um ein ganz besonderes Anliegen geht; und das wollten immerhin mehr als 300 Gäste nicht verpassen, von denen die einen an diesem Abend zum ersten Mal etwas über Hörfilme erfuhren, während sie den opulenten Rahmen als angenehmes Beiwerk registrierten, die anderen erlebten, dass Hörfilm und Top-Society durchaus in Zusammenhang gebracht werden können.

Die Fotoapparate und Kameras blitzten auf, als der Schirmherr Mario Adorf den Saal betrat; dann erwartungsvolle Spannung, nachdem jeder seinen Sitzplatz gefunden hatte.

Dem Hausherren gebührte das Begrüßungswort. Für die Deutsche Bank sprach Herr Marc-Aurel von Dewitz als Mitglied der Geschäftsführung der Deutschen Bank AG. Er verwies u. a. auf die Kooperation seines Hauses mit dem Blindenhilfswerk Berlin sowie mit dem DBSV.

Mit den Worten: "Es wäre mir eine große Freude, wenn es 2003 wieder heißen würde: Ohren gespitzt und Herzen erwärmt für die zweite Hörfilm-Preis-Verleihung in Berlin", übergab er das Mikrofon an den DBSV-Präsidenten:

"In einer Zeit, in der sich gesellschaftliche, technische, wirtschaftliche und kulturelle Bedingungen in einer ungeheuren Geschwindigkeit verändern und die Akteure in aller Regel mit großem öffentlichen Aufwand Aufmerksamkeit erheischen, müssen auch wir akzentuiert über unsere Aktivitäten reden und in die Öffentlichkeit gehen. Wir präsentieren Ihnen heute den Hörfilm..."

Den Lesern der "Gegenwart" sind die Fakten über die Entwicklung der Audiodeskription, die Jürgen Lubnau den Gästen der Preisverleihung darstellte, bekannt. Greifen wir nur noch einmal die Zahl 223 heraus. So viele Ausstrahlungen gab es im Jahr 2001 im Fernsehen. Diese Entwicklung, so der DBSV-Präsident, mache uns einerseits stolz, weil wir seit 1993 viel erreicht haben (damals wurde der erste Film im Fernsehen ausgestrahlt), andererseits haben blinde und sehbehinderte Zuschauer selbstverständlich den Wunsch, Hörfilme öfter zu erleben und zwischen verschiedenen Angeboten täglich auswählen zu können.

Dafür trete der DBSV ein. Das Behindertengleichstellungsgesetz und die entsprechenden landesrechtlichen Regelungen werden für die Erreichung dieses Zieles hilfreich sein.

Appell an die Anwesenden: "Reden Sie darüber, was Sie heute über den Hörfilm erfahren haben, und werben Sie für den Hörfilm!"

Ein kurzer Filmausschnitt, einmal nur Filmton ohne Bild, dann Filmton mit Audiodeskription, schließlich noch einmal die gleiche Stelle mit Bildern verdeutlichte das Prinzip des Hörfilms, vorgeführt von der Frau Generalbevollmächtigten der Deutschen Hörfilm gGmbH, Martina Wiemers.

Wer sollte den ersten Hörfilmpreis bekommen? Eine Einzelperson, ein Beschreiberteam, ein besonders gelungener Hörfilm? Was sollte die Jury vorschlagen? Ihr Vorsitzender, Herr Armin Kappallo, machte es spannend. "Wir kamen dann zu dem Ergebnis, diejenigen auszuzeichnen, die dem Hörfilm in Deutschland den Weg geebnet haben. Der Hörfilmpreis soll zu gleichen Teilen an zwei Institutionen vergeben werden: an das ZDF sowie an den Bayerischen Rundfunk.

Das ZDF wird dafür ausgezeichnet, dass es die Grundlagen für die Ausstrahlung im Fernsehen gelegt hat.

Der BR hat als erster Sender Hörfilme selbst produziert und auch selbst voll finanziert.

Die Jury will mit der Auszeichnung der beiden ersten engagierten Sender erreichen, dass wir auf diesem Weg weiter gehen."

Der Preis selbst ist eine Kleinplastik (Bronzeguss), ca. 25 cm hoch, ein Ohr auf zwei Beinen darstellend.

Mario Adorf: "Ich schlage vor, dass sich in Zukunft bekannte Schauspieler als Kommentatoren von Hörfilmen werbewirksam zur Verfügung stellen... Ich möchte dazu aufrufen und dazu beitragen, dass es mehr Hörfilme gibt. Könnte es nicht zumindest an jedem Tag einen Hörfilm im Fernsehen geben? In einigen Filmtheatern in größeren Städten sollten die technischen Voraussetzungen für die Vorführung von Hörfilmen geschaffen werden... Ich möchte auch auf das geschäftliche Interesse für die Produktion und für die Fernsehanstalten hinweisen, nämlich dass bei einer zufriedenstellenden Verbreitung des Hörfilms über 650.000 blinde und sehbehinderte Menschen zuzüglich ihrer Angehörigen in unserer Zeit, die alle Medienereignisse an Einschaltquoten und Besucherzahlen misst, nicht zu vernachlässigendes Zuhörer- und Publikumspotential darstellt."

Die Preise nahmen entgegen:

Frau Ulrike Leutheuser, Leiterin der Abt. Kultur und Wissenschaft des BR und

Herr Hans Janke, stellv. Programmdirektor des ZDF.

Herr Janke betonte, dass es dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen gut zu Gesicht stehe, sich auch für spezielle Publikumsgruppen einzusetzen, denn es sei für alle da.

Frau Leutheuser konnte darauf verweisen, dass der BR der erste und bisher einzige Sender ist, der mit Bernd Benecke einen Hörfilm-Redakteur beschäftigt.

Der DBSV hat mit der Hörfilm-Preis-Verleihung ein deutliches Zeichen gesetzt: Er wird sich auch weiterhin intensiv für die Förderung der Audiodeskription einzusetzen. Der noble Rahmen verlangte vom Veranstalter auch ein beträchtliches finanzielles Engagement. Ohne die Unterstützung durch Sponsoren wäre die Veranstaltung nicht auf diese Weise zustande gekommen. Dank an die Deutsche Bank, an Feinkost Käfer und an Mercedes Benz.

Filmbeschreiber hätten über das Geschehen sicher anschaulichere Bilder vermitteln können, aber...

Nachtrag: Nach dem offiziellen Teil und vor dem Get-together kam ich noch kurz mit Mario Adorf und Jürgen Lubnau ins Gespräch:

Wann haben Sie zum ersten Mal etwas über den Hörfilm gehört?

Mario Adorf: Mitte Oktober hatte ich mich mit Herrn Lubnau getroffen und da hatte ich überhaupt das erste Mal davon gehört.

Der Name Adorf ist für manchen sicher Ansporn, sich ebenfalls für den Hörfilm zu engagieren. Wie kann das weiter gehen?

Mario Adorf: Die Schauspieler sollten sich dafür interessieren, sollten sich beteiligen; sie könnten damit auch einen Ansporn für alle geben, auch für die Blinden, die den Film dann hören. Das kann einen zusätzlichen Anreiz geben, weil es bekannte Stimmen sind, die sie hören und besser zu unterscheiden lernen und natürlich auch eine gewisse Qualität entdecken und einen Genuss dabei haben.

Jürgen Lubnau: Ich denke, es sind auch viele unter den Gästen, wenn die darüber reden, an den Stellen, wo es angebracht ist, dann können wir dem Hörfilm noch mehr Rückenwind verleihen. Es muss weiter propagiert werden. Es muss viel mehr bekannt werden, damit es in den Rundfunkanstalten ein Begriff wird.
(Kassetten-Ausgabe mit Originalton.)

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Vor dem Verbandstag

Vom 19. bis 22. Juni 2002 findet der DBSV-Verbandstag statt. Die Leserinnen und Leser der "Gegenwart" sind aufgerufen, sich an der Diskussion zu den Themen der vier Arbeitsgruppen zu beteiligen. In dieser und in der nächsten Ausgabe geben die AG-Moderatoren deshalb Anstöße zum Mitdenken. Alle Einsendungen dazu werden den jeweiligen Moderatoren übergeben und so in die Arbeit des Verbandstages einbezogen.

Eigenständigkeit und Vernetzung von Verbänden

Die alten Römer haben ein Wort geprägt, das genau für dieses Thema zutreffend ist - "tempora mutantur, nos et mutamur in illis", d.h. die Zeiten ändern sich und wir ändern uns mit ihnen. Der allgemeine Wertewandel ist überall spürbar und macht auch vor sozialen Organisationen nicht halt. Menschliche Einstellungen, Märkte, Produkte und Dienstleistungen ändern sich oder verlieren den Anschluss. Besonders soziale Einrichtungen hängen oftmals nach und sind deshalb gefordert, zu diesen Umbrüchen Stellung zu beziehen: Indem sie Profil zeigen und ihre Leistungen für die Gesellschaft transparent und deutlich malen- neudeutsch "sich vermarkten".

Doch alles hat seinen logischen Anfang:

Die Blindenselbsthilfe begann ihr Wirken im Jahre 1874 in einer Zeit, in der ein wie auch immer gearteter Selbsthilfegedanke bei anderen Versehrtengruppen noch nicht als Möglichkeit gesehen wurde, die eigenen sozialen Verhältnisse zu verbessern. Nährboden für eine solche Entwicklung entstand aus der Schulpflicht für Blinde und das sich dadurch entwickelnde Selbstbewusstsein. Hilfreich war auch, dass blinde Menschen trotz ihrer behinderungsspezifischen Defizite dennoch in der Lage waren, ihre eigenen Interessen gegenüber der Gesellschaft zu artikulieren. Durch die damals entstandene einzigartige Stellung der Blindenselbsthilfe wurden schon bald in Vereinen gut organisierte nationale Strukturen aufgebaut. Gemeinsame soziale Zielsetzungen und eine unter dem Motto " Blinde helfen Blinden" zusammenwachsende Selbsthilfegemeinschaft führten zu nachhaltigen Erfolgen. Die Lebens- und Arbeitsbedingungen Blinder verbesserten sich stetig und über Jahrzehnte eingeforderte Sozialleistungen, wie ein einkommens- und vermögensunabhängiges Blindengeld konnten durchgesetzt werden. Die Blindenselbsthilfe war als vergleichsweise kleine Organisation neben den großen Wohlfahrtsverbänden zu einem ernst zu nehmenden eigenständigen Partner für die Politik geworden. Ihre Stärke lag in der großen Fachkompetenz aus der eigenen Betroffenheit heraus, aber auch in der Kontinuität der gestellten Forderungen, deren Durchsetzung nicht zuletzt wegen der Überschaubarkeit des betroffenen Personenkreises möglich wurde.

Für die etablierten Wohlfahrtsorganisationen begann in den 60er Jahren des 20sten Jahrhunderts eine Zeit, in der das eigene Selbstverständnis bezüglich der Interessenvertretung für behinderte Menschen einem stetigen Wandel unterlag.

Selbsthilfevereinigungen und -gruppen entstanden in großer Zahl und nahmen die eigenen Interessen selbst in die Hand. Die Blindenselbsthilfe verstand es, diese neue Entwicklung zu nutzen und sich als zwar schon lange etablierte, aber in der Selbsthilfebewegung verankerte Organisation in der sozialpolitischen Diskussion zu behaupten. Die Vielzahl von neuen Selbsthilfeorganisationen und die daraus resultierenden breit gefächerten Forderungen an ein durch knappe Haushaltsmittel immer brüchiger werdendes soziales Netz in der Bundesrepublik Deutschland führten dazu, dass die politisch Verantwortlichen verstärkt darauf drangen, Vertretungsmechanismen zu schaffen, die behinderungsübergreifend soziale Fragen beantworten können. Behindertenbeauftragte und -beiräte sollten nicht nur beraten, sondern übernahmen mehr und mehr auch die Rolle als Verhandlungspartner. Durch diese Vorgehensweise wird es für Fachverbände, wie dem DBSV, immer schwerer, die spezifischen Interessen blinder und sehbehinderter Menschen im politischen Geschehen erfolgreich zu vertreten.

Die Eigenständigkeit der Organisation und effiziente Verbandsstrukturen waren in mehr als 125 Jahren Blindenselbsthilfearbeit Garant dafür, dass unsere Gemeinschaft den von Mitgliedern und der Gesellschaft an sie herangetragenen Erwartungen und Forderungen gerecht werden konnte. Ein immer schnellerer Wandel der sozialen Bedingungen in Deutschland und Europa wirft aber die Frage auf, ob wir allein auf uns gestellt den zukünftigen Anforderungen durch Politik und Gesellschaft gerecht werden können. Es wird notwendig sein, im Bemühen, die Lebenssituation blinder und sehbehinderter Menschen zu verbessern, nach Verbündeten zu suchen, um die vorhandenen Kräfte zur Erreichung gemeinsamer Ziele vernetzt zu bündeln. Aus der vorliegenden Situationsbeschreibung ergeben sich für die Blindenselbsthilfe verschiedene Fragen:

1. In den vergangenen Jahren hat die "Familiensinn-Diskussion" gezeigt, dass die Blindenselbsthilfe regional auf sehr unterschiedlichem Niveau arbeitet.
Wird die Eigenständigkeit in den Strukturen unserer Verbände in der Zukunft zum Hindernis?
Kann eine engere interne Vernetzung zu einer Angleichung des unterschiedlichen Niveaus führen?

2. Die Politik verändert Ebenen ihrer Entscheidungsfindung nachhaltig, sodass es Verbände wie der DBSV schwerer haben, Einfluss zu nehmen.
Welche Auswirkungen hat eine solche Entwicklung auf die Blindenselbsthilfe?
Wie können wir unsere Einflussmöglichkeiten wahren bzw. verbessern?

3. Auf der Suche nach sozialpolitischen Partnern werden wir uns öffnen müssen.
Beginnt mit dieser Öffnung der Ausverkauf der Blinden- und Sehbehinderten-Interessen?
Führt eine solche Öffnung zu einem Identitätsverlust innerhalb der Organisation?

4. In den nächsten Jahren wird die Umgestaltung und Entwicklung des sozialen Netzes in Deutschland und Europa eine herausragende Rolle spielen. Wie stehen unsere Chancen, starke Verbündete für die notwendige Interessenvertretung zu finden?
Welche Voraussetzungen müssen wir schaffen, um bei unseren neuen Partnern ernst genommen zu werden?

Wenn wir besonders an die letzte Frage nach den Voraussetzungen anknüpfen und geeignete Maßnahmen erarbeiten wollen, müssen wir uns von dem Gedanken leiten lassen, dass die Entwicklung zu mehr Markt und Wettbewerb in der "Sozialbranche" und damit die Ausrichtung zu "Dienstleistern" schon weit voran geschritten ist. Die weiter sinkende Förderung durch öffentliche Gelder und auch die zunehmende Konkurrenz durch private Anbieter sprechen eine deutliche Sprache. Durch ein unverwechselbares eindeutiges Profil ist es möglich, sich im Wettbewerb im Sinne unserer Aufgabenstellung richtig zu positionieren und dann auch kompetenter Ansprechpartner zu sein/werden.
Hans-Werner Lange (Moderator der Arbeitsgruppe 1)

Der DBSV in Europa - unsere Ziele, unser Beitrag

Die soziale Dimension der Europäischen Gemeinschaft, d.h. die Gesamtheit der Rechtsvorschriften und Maßnahmen, die der sozialen Gestaltung Europas dienen, wird immer wichtiger. Mit dem Amsterdamer Vertrag haben die Mitgliedstaaten ihr Bekenntnis zu den sozialen Grundrechten bekräftigt. Art. 13 des Vertrags verbietet die Diskriminierung u.a. auch aus dem Grunde der Behinderung. Damit wird die Union in die Lage versetzt, gegen die Diskriminierung behinderter Menschen vorzugehen.

Der Vertrag eröffnet der Blinden- und Sehbehindertenselbsthilfe die Chance, bei der Gestaltung der sozialen Dimension der Europäischen Gemeinschaft maßgeblich mitzuwirken, indem sie insbesondere die speziellen Bedürfnisse blinder und sehbehinderter Menschen bei den politischen Entscheidungsträgern europäischer Sozialpolitik umfassend und verständlich darstellt und für Entwicklungen und Strukturen sorgt, die diesen Bedürfnissen entsprechen. Das ist schon deshalb notwendig, weil die europäische Bürokratie von der Vielfalt der Behinderungen und der ihr entsprechenden Unterschiedlichkeit der Bedürfnisse behinderter Menschen abstrahiert; der zu Recht gefürchtete "Behinderteneintopf" ist die Folge.

Das Ziel, die besonderen Belange blinder und sehbehinderter Menschen im Konzert der vielen Behindertenorganisationen und der von diesen artikulierten ja besonderen Eigeninteressen deutlich zu machen, können wir auf europäischer Ebene am besten erreichen, indem wir unsere Fachkompetenz in die Arbeit der Europäischen Blindenunion (EBU) einbringen.

Gegenwärtig stellt der DBSV den Generalsekretär der EBU; Vorstandsmitglieder sowie weitere Experten arbeiten in den EBU-Kommissionen. Die Entwicklung der Informationsgesellschaft, die bereits spürbaren demographischen Veränderungen und ihre Auswirkungen auf die Sozialstrukturen sowie die Erweiterung der Europäischen Union stellen uns vor neue Herausforderungen, bieten jedoch auch Chancen.

Welche Ziele haben wir in einem immer enger zusammenwachsenden Europa? Was haben wir von Europa zu erwarten? In welchem Umfang wollen wir uns künftig an der Gestaltung des sozialen Europas beteiligen? Nachstehende Thesen stehen zur Diskussion:

1.) Die Beteiligung an der Lobbyarbeit der EBU führt zu Beschlüssen und Rahmenrichtlinien, die den Alltag verbessern helfen.

* Der Umgang mit dem Euro wurde für Blinde und Sehbehinderte erleichtert!

* Die taktile Kennzeichnung gefährlicher Stoffe ist Pflicht!

* Die Rechte blinder und sehbehinderter Fluggäste werden berücksichtigt!

* Die Urheberrechtsrichtlinie gewährleistet Zugang zu urheberrechtlich geschützten Werken!

2.) Die Gestaltung des sozialen Europas bedarf der nachhaltigen Stärkung europäischen Bewusstseins durch umfassende Informationsangebote und Förderung von Kontakten durch den DBSV und seine Mitglieder.

* Mehr Informationen über zugängliche Hotels für Blinde anbieten, die die EBU- Partnerorganisationen betreiben!

* Verstärkt über Studienmöglichkeiten in der EU informieren!

* Studienprogramme für den Einzelnen zugänglich machen!

* Hilfen bei der Bewältigung von Sprachbarrieren anbieten!

* Fortbildungsmaßnahmen für ehrenamtliche Mitarbeiter für internationale Aufgaben entwickeln!

* Förderung von Patenschaften und Kontakten zu europäischen Partnerstädten auf regionaler und lokaler Ebene als Aufgabe des Gesamtverbandes!

* Verbreitung von E-Mail verbessern, um Kontakte zu Blinden und Sehbehinderten in europäischen Ländern zu fördern!

* Reichen die Angebote des DBBW hierfür aus oder sind diese zu ergänzen?

* Das Interesse an der EBU stärken und Vorteile der Mitgliedschaft aufzeigen!

* Informationsangebote von EBU und EDF für die "Gegenwart" filtern!

* Informationen über die EU und Europa durch neuen Rundschreibendienst ("EU-Mitteilungen") verbessern!

3.) Die Beteiligung an der europäischen Lobbyarbeit soll Harmonisierung nach unten abwenden und anderen Ländern zu einem möglichst hohen Standard verhelfen.

* Wie können wir die sozialen Rechte durchsetzen?

* Droht mit der Harmonisierung die Umsetzung von Standards der mittleren Art und Güte?

* Welche Teilharmonisierungen können wir unterstützen?

Beispiele hierfür sind:

- unentgeltliche Beförderung der Begleitperson im Luftverkehr über die Staatsgrenzen hinweg;

* Rechte der Führhundhalter;

* Harmonisierung des Postverkehrs;

* Ziele müssen sein: Erreichung sozialer Bestandsschutzgarantien nach innen

und möglichst hohe Standards für sozialökonomisch schwächere Länder;

* Offene wichtige Arbeitsbereiche für Richtlinien klären!

Beispiel: Verbraucherelektronik (HiFi-Geräte);

* Ist die Vergabe von Preisen für zugängliche Produkte als Ergänzung zur Richtlinie sinnvoll?

4.) Das Europäische Jahr der Menschen mit Behinderungen 2003 ist zu nutzen, um unseren Beitrag für Europa deutlich zu machen

* Welche Vorschläge der EBU zur Gestaltung des Europäischen Jahrs können wir unterstützen, welche Kampagnen sollen wir führen?

* Europäischer Richtlinienentwurf eines Gleichstellungsgesetzes?

* Verbesserung des empirischen Wissens über die Lage behinderter Menschen in der Gemeinschaft?

* Schaffung einer Beobachtungsstelle für die sozialen Rechte Behinderter in der EU?

* Begriffliche Klärung der Philosophie des "Mainstreaming"? Droht Isolation in der Integration?

* Europäische Verantwortung für die Dritte Welt und Möglichkeiten des DBSV zur multilateralen Entwicklungsländerarbeit;

* Einbeziehung der Lage behinderter Menschen in die Agenda der Erweiterung der EU?

Wolfgang Angermann (Moderator der AG 3)

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DBSV bei der AAD

Auch auf der diesjährigen Augenärztlichen Akademie Deutschland (AAD) in Düsseldorf, dem mit rund 3000 Teilnehmern größten deutschen Augenärztekongress, war der DBSV wieder vertreten. Im Rahmen eines Gemeinschaftsstandes mit anderen Selbsthilfeorganisationen verteilte der DBSV Informationsmaterial und klärte die interessierten Augenärzte über Möglichkeiten der Rehabilitation von Blinden und Sehbehinderten auf.
Bild 1: Erwartungsvolle Stimmung vor der Preisverleihung.
Bild 2: Bei der Preisverleihung (v.l.n.r.) Jürgen Lubnau, Armin Kappallo, Mario Adorf, Ulrike Leutheuser, Hans Janke.
Bild 3: Wie Frau Sandra Maischberger zeigte viel Prominenz Interesse...
Bild 4: Die Demo 2001 in Bremen - auch eine Gemeinschaftsaktion.
Bild 5: Reges Interesse fand der Gemeinschaftsstand von DBSV und anderen Selbsthilfeorganisationen.


In Kürze:

Wiedereröffnung in Wernigerode
Das Blindenerholungsheim in Wernigerode, Amelungsweg 8, wird unter dem neuen Namen AURA-Hotel Brockenblick ab 1. Mai 2002 wieder eröffnet; Träger ist das Blindenförderungswerk Sachsen-Anhalt gGmbH.

Nach vollständiger Renovierung und Modernisierung sind hier 9 Einzel- und 6 Doppelzimmer entstanden, die alle mit Dusche, WC, Radio und Telefon ausgestattet sind. Weiterhin steht im Haus der Speiseraum zur Verfügung, und ein Clubraum lädt zum Verweilen ein. Reservierungen können erfolgen unter Tel.: (0 39 43) 62 65 90.

Neue Jobline-Adresse

Die neue Jobline der Stiftung Blindenanstalt Frankfurt am Main lautet:
www.jobline-reha.de. Rückfragen unter Tel.: (0 69) 95 51 24-60.

Garten & Therapie

Der erste Therapiegarten-Kongress findet vom 13. bis 15.06 in Bad Lippspringe statt. Auch der Taubblindendienst e.V. Radeberg wird seine umfangreichen Erfahrungen einbringen.
Nähere Auskünfte unter Tel.: (0 64 01) 91 01-0.

Tag der offenen Tür in Düren

Anlässlich des 25-jährigen Bestehens am Standort Karl-Arnold-Straße veranstaltet das Berufsförderungswerk Düren am 06.07. von 10 -16 Uhr einen Tag der offenen Tür. Eingeladen dazu sind neben der Dürener Bevölkerung vor allem Menschen, die sich für eine Aus- und Weiterbildung interessieren und die Einrichtung einmal kennenlernen möchten. Zum Rahmenprogramm gehören ein Dunkelcafe, Führungen unter der Augenbinde, Massageanwendungen und die Präsentation einer Blindenführhundschule. Weit anreisende Besucher haben die Möglichkeit, in der Einrichtung selbst oder in einem nahegelegenen Hotel zu übernachten. Verbindliche Anmeldungen müssen bis zum 15.06. im Sekretariat, Tel.: (0 24 21) 5 98-1 15/1 16, erfolgen.

Fortbildungstagung des VBS

"Barrierefreies Bauen und Gestalten für sehbehinderte Menschen; Wahrnehmung - Orientierung - Sicherheit"; das ist das Motto einer Fortbildungstagung, die vom 26. bis 28.09. in Leipzig stattfindet. Themen sind u. a.: Barrieren für sehbehinderte Menschen im öffentlichen Raum, Auswirkungen von Sehbehinderungen auf die visuelle Wahrnehmung, Norm: "Optische Kontraste im öffentlich zugänglichen Bereich", optimale Beleuchtung. Der Leipziger Hauptbahnhof soll aus der Sicht sehbehinderter Menschen begutachtet werden.
Nähere Informationen gibt Dorothée Lemke; Tel.: (0 64 21) 1 69 88-29.

Seminare im Storchennest

01. bis 07.07. "Botanik pur" (Pflanzen beobachten und kennen lernen im Botanischen Blindengarten Storchennest und woanders);
14. bis 18.10. Selber mixen, mischen, riechen, schmecken
Nähere Auskünfte unter Tel.: (0 35 28) 43 97-0.

Wohlfühl-Wochenende

Vom 29.05. bis 02.06 sind im Rudolf-Kraemer-Haus in Bad Liebenzell noch einige Wohlfühl-Plätze frei (Wandern, Muskelentspannung, Tanzen, Diskussionen). Nähere Auskünfte bei: PRD e. V., Peter Ellinger; Tel.: (07 11) 44 53 06.

Flechtseminar

Der Blindenbund in Hessen bietet vom 12. bis 19.10. in der Aura-Pension in Mündersbach ein Flechtseminar an. Das Arbeiten mit Peddigrohr kann erlernt werden; Hobby-Bastler können Gegenstände ihrer Wahl selbst fertigen (Brotkörbchen, Spiegel oder Ähnliches). Nähere Informationen beim Seminarleiter, Herrn Bier; Tel.: (0 64 24) 17 88.
Anmeldungen direkt bei der Aura-Pension Mündersbach; Tel.: (0 26 80) 9 51 00.

Hilfsmittelausstellungen des VzFB

Mannheim: 08.06. von 10.00 bis 16.00 Uhr; beim Badischen Blinden- und Sehbehindertenverein, Augartenstraße 55.
Dortmund: 13.06. von 09.00 bis 18.00 Uhr; auf der "Mini-Cebit West" im Dietrich-Keuning-Haus, Leopoldstr. 50-58.
Düren: 28.06. von 12.00 bis 16.00 Uhr; anlässlich des 75-jährigen Bestehens des Blinden- und Sehbehindertenvereins Düren e.V., Anna-Schoeller-Haus, Roonstr. 8.
Ausgestellt werden Alltagshilfen und ein Querschnitt aus dem Sortiment.
Weitere Informationen beim VzFB; Tel.: (05 11) 9 54 65-0.

Mini-Cebit

Die Mini-Cebit findet am 31.05. sowie am 01.06., jeweils von 10.00 bis 18.00 Uhr im Louis-Braille-Haus, Holsteinischer Kamp 26, 22081 Hamburg statt. Die Ausstellung des Blinden- und Sehbehindertenvereins Hamburg e.V. zeigt elektronische Hilfsmittel für Blinde und Sehbehinderte. Ein Schwerpunkt liegt dabei auf Computer-Arbeitsplatzausstattungen.Nähere Informationen unter Tel.: (0 40) 20 94 04-0.

7. Internationales Jugendtreffen der Leos

Vom 14. bis 28.07. veranstalten die Leos ihr 7. Internationales Jugendtreffen für blinde und sehbehinderte Jugendliche in Klingenberg (in der Nähe von Scharbeutz) an der Ostsee. Teilnehmen können Jugendliche im Alter von 16 bis 28 Jahren, die durch ehrenamtlichen persönlichen Einsatz helfen. Die Freizeit wird mit Mitteln der norddeutschen Leos finanziert. Die Leos sind die Jugendorganisation des internationalen LIONS Club. Zu ihren Zielen gehört u.a. die Förderung der internationalen Verständigung. Nähere Informationen: Andrea Manke, Finkenweg 34, 24558 Henstedt-Ulzburg; Tel.: (0 41 93) 96 7548.

Speak you English or Denglish?

Ein differenziertes Angebot an Englischkursen bietet die britische Privatschule "Eye Talk English" in Tonbridge (Kent) allen Blinden und Sehbehinderten, die ihr "rusty old English" auffrischen möchten oder sich gezielt auf Prüfungen vorbereiten müssen. Die Kurse sind auf die individuellen Bedürfnisse Einzelner oder kleiner Gruppen zugeschnitten. Neben dem Erlernen und der Perfektionierung der Alltagsprache kommen auch Freizeit und Kultur nicht zu kurz. Auf dem Programm stehen Exkursionen u.a. nach London und Canterbury. Nähere Auskünfte: Eye Talk English, 141, St. Mary's Road, Tonbridge, Kent, TN9 2 NL, England; Tel.: 0044 17 32 50 85 92, E-M ail: eyetalkenglish@lineone.net, Internet: http://website.lineone.net/~eyetalkenglish/index.html

DZB-aktuell

Europa - Staaten mit 4 Karten, dazu sind jetzt die Länder Dänemark und Frankreich mit je 2 Karten lieferbar, als nächstes folgt Polen. Alle Karten sind als Relief, in Großdruck oder gleich als Relief mit Großdruck unterlegt lieferbar. Der gesamte Komplex wird 30 Kartenwerke umfassen.
Weitere Informationen unter Tel.: (03 41) 71 13-119.

BIT-TIPP

Schnaubelt, Kurt: "Neue Aromatherapie"
Erschienen bei vgs, Köln, 1997; Gesundheit und Wohlbefinden durch ätherische Öle.Sumaya, Farhat-Naser: "Thymian und Steine"

Erschienen bei Lenos, Basel, 2001; eine palästinensische Lebensgeschichte. (Diese Titel sind auf Hör-Kassette lieferbar.)
Bayerisches Staatsministerium der Justiz: "Vorsorge für Unfall, Krankheit und Alter" (Stand: April 2001). Die vorliegende Informationsschrift will dazu beitragen, im Bewusstsein der Menschen die Notwendigkeit einer Vorsorge für den rechtlichen Betreuungsfall stärker als bisher zu verankern. Sie soll konkrete Vorschläge für denjenigen liefern, der sich zu einer Vorsorgevollmacht oder Betreuungsverfügung und möglichst auch zu einer Patientenverfügung entschließt.
(Dieser Titel ist wahlweise auf Hör-Kassette oder in Punktschrift lieferbar.)
Weitere Informationen unter Tel.: (0 89) 5 59 88-134.

Berichtigung
Der Tag der offenen Tür des Badischen BSV findet am 08.06. statt. In der April-Ausgabe war der 06.06. genannt worden.

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Interview:

Hier ist Corinna, hallo

Die Leser der "Gegenwart" drücken Corinna May die Daumen für ihren Start in Tallin am 25. Mai. Wir interviewten sie per Telefon:

Wenn man einen so schönen Erfolg errungen hat, was verändert sich da?

Corinna May: Man ist auf einmal wieder gefragt, es interessieren sich wieder Leute, die sich vorher überhaupt nicht für mich interessierten. Man ist wieder begehrt bei der Presse, aber das ist ja ganz normal.

Jetzt hat Sie ein Millionenpublikum als Siegerin erlebt. Werden Sie darauf angesprochen, wenn Sie unterwegs sind?

Ja, auf jeden Fall, ganz oft.

Haben die Leute eher Hemmungen oder geht das locker zu?

Meistens fragen sie die Leute, mit denen ich unterwegs bin, und wenn sie mich dann selbst fragen sollen, haben sie echt ganz große Hemmungen. Ich habe schon erlebt, dass meine Freundin sagte, sie sollen doch mich fragen, und dann haben sie eben nicht gefragt. Aber dann tut es mir leid, dann bekommen sie kein Autogramm. Irgendwann müssen es die Menschen doch mal lernen, einen blinden Menschen anzusprechen oder einen Prominenten anzusprechen; ich weiß nicht, woran es nun liegt. Ich finde das so unhöflich; manche unterhalten sich tatsächlich permanent mit demjenigen, mit dem ich gerade unterwegs bin: "Wann ist sie denn mal wieder im Fernsehen? Wann kann man sie denn mal wieder sehen? Wann gibt sie denn ein Konzert?"

Irgendwo ist dann wohl doch so eine Scheu vorhanden?

Ja, muss wohl, aber ich verstehe das eigentlich gar nicht. Wir sind "nur blind", ansonsten sind wir doch ganz normal.

Wie erleben Sie das im Show-Geschäft, unter Kollegen, mit den Musikern?

Ganz normal komischerweise; bei den Musikern klappt das sofort, die sprechen ganz unbefangen mit mir, und bei den Technikern auch.

Verraten Sie uns doch einmal ein paar Tricks, wie man bestimmte Sachen überspielt oder für sich regelt, damit man auf der Bühne sicher auftritt...

Ich habe eigentlich kein Problem; das Einzige, was ich vorher mache, ist, die Bühne abgehen, mir die Bühne anzugucken.

Wer berät Sie eigentlich? Stell dich mal so hin, also bezüglich der Körpersprache und Ausstrahlung für schöne Bilder?

Je nach dem wer dabei ist, meine Mädels, die mit auf der Bühne sind. Wenn wir Fotos machen, die Stylistin; das macht sie aber nicht nur bei mir, sondern bei Modells auch. Die werden auch in eine bestimmte Pose gestellt und dürfen sich erst wieder bewegen, wenn das Foto geschossen ist.

Mir muss der Fotograf dann vielleicht noch einmal sagen, in welche Richtung ich gucken soll, aber sonst läuft das ziemlich normal ab.

Manche denken gar nicht mehr dran, dass ich nicht sehen kann, und das ist doch das Schönste, was mir passieren kann.

Tallin steht vor der Tür mit sicher stressigen Vorbereitungswochen. Gehen wir doch noch einmal ein Stück zurück. Wann haben Sie sich entschlossen zu sagen, ich will jetzt eigentlich nur noch singen?

Ganz früh eigentlich. Ich habe als Masseurin gearbeitet, aber mit einem Jazz-Trio und einer Jazz-Bigband so viele Auftritte gehabt, dass ich meine Arbeitszeit reduzieren musste, 30, 25, 20 Stunden. Am Anfang habe ich nebenbei gesungen, und das hat sich dann immer mehr zum Gesang hin verlagert. Ich habe meinen Beruf als Masseurin geliebt, aber dann doch gemerkt, Sängerin ist meine Berufung...

Mein ehemaliger Chef ist heute mein größter Fan. Er hat immer gesagt, ich gehöre auf die Bühne.

Auch meine Bekannten und Freunde haben alle irgendwie an mich geglaubt. Da hat keiner gesagt, du spinnst; gedacht haben es wahrscheinlich einige, aber...

Sie sind ja in Hannover in die Schule gegangen. Wahrscheinlich haben Sie da auch schon fleißig gesungen...

Ja, ganz normal, im Schulchor wie alle. So mit 13, 14 war es uncool im Schulchor zu sein, also bin ich ausgetreten, weil ich Nena besser fand als Volkslieder. Aber irgendwie hatte immer jemand eine Gitarre, und wir haben viel gesungen.

Wie haben Sie denn Ihre Stimme geschult?

Gar nicht, ich bin Autodidakt. Nachdem ich in Mainz meine Ausbildung gemacht hatte, bin ich hier in Bremen in einen Gospelchor eingetreten. Irgendwann fragten dann manche Leute, wer denn hier so eine "dolle" Stimme hätte. Ich hatte gar nicht wahrgenommen, dass meine Stimme irgendwie heraussticht.

Das kann doch manchem Mut machen, man sollte es probieren...

Natürlich, vor allem darf man nicht auf Grund seiner Behinderung sagen, ich kann das nicht. Es ist für jeden schwer, ob man sehend ist oder blind. Man muss schon selber agieren.

Sind Ihre Auftritte mehr mit Band oder mit Halb-Playback?

Ich habe eine Band, insgesamt neun Personen. Aber ich trete auch mit Halb-Playback auf; ist ja immer auch eine Kostenfrage für den Veranstalter. Macht nicht ganz so viel Spaß. Wenn man die Band dabei hat, passiert natürlich etwas.

Sie wohnen in Bremen. Wie sieht eigentlich Ihr Alltag aus?

Ich habe eine eigene Wohnung, ganz normal.

Sind Sie verheiratet, verliebt, verlobt?

Nein, zur Zeit Single.

Wie regeln Sie die alltäglichen Dinge? Gehen Sie allein durch die Stadt?

Allein durch die Stadt ist manchmal etwas nervig, wenn man prominent ist. Aber ich mach das alleine, Wohnung, Einkaufen... Einkaufen gehe ich immer gern mit einer Freundin, weil das doch ziemlich nervig ist in großen Supermärkten. Außerdem geht es schneller.

Wenn Sie nicht gerade singen, was machen Sie gern?

Ich gehe gern aus, Kino, Disco, Rummel; habe einen tollen Freundeskreis, vor allem aus der Zeit, als ich noch als Masseurin gearbeitet habe. Ich lese gerne - über die Hörbücherei. Ich höre gern Musik, eigentlich jede Art, aber es muss mir gefallen. Ich bin für alles offen, und lasse mich auch selbst nicht in eine Schublade stecken. Reisen gehört dazu, habe auch ein Fitness-Gerät für eine halbe Stunde am Tag. Aber wenn ich mal keine Zeit habe, macht das auch nichts.

Wie erarbeiten Sie neue Musikstücke?

Noten kann ich überhaupt nicht, die sind in Punktschrift auch nicht gerade einfach. Ich bekomme das Stück als Demo geschickt. Meistens hat da ein Studiosänger schon mal drauf gesungen. Ich höre mir das an, überlege meine Interpretation. Ein Scanner mit Sprachausgabe liest mir die englischen Texte vor...

Was würden Sie anderen Blinden oder Sehbehinderten als Erfahrung übermitteln?

Die Leute bewerten den Gesang, und nicht ob jemand blind ist oder im Rollstuhl sitzt.

Meinen Sie nicht, dass da noch so ein Bonuspunkt dabei ist?

Ne, mag sein, dass ein paar dabei sind, die gesagt haben, stimmen wir mal für die "Arme". Das kann man nicht ausschließen. Aber ich habe in Jazz-Clubs gespielt, und das Jazz-Publikum ist knallhart. Wenn es denen nicht gefällt, gehen die wieder. Bei mir sind sie nicht gegangen, wir hatten manchmal zehn Zugaben, und sicher nicht deshalb, weil ich blind bin.

Ein Ratschlag ist schwer, aber man sollte sich einfach mal testen, rausgehen, einfach mal sehen, wie man ankommt. Man muss ein bisschen Mut haben und selber agieren, nicht zu Hause sitzen, denn da kommt keiner. Man muss auch lernen, mal Kritik einzustecken, auch negative Schlagzeilen muss man aushalten können. Irgendwann muss man sich ein dickes Fell zulegen, und wenn es nur nach außen ist.

Das gilt für jeden, nur, wenn man blind ist, muss man sich auch damit abfinden, dass die Behinderung immer mal wieder zum Anlass genommen wird für irgendwelche blöden Äußerungen oder so...

Blinde Sängerinnen gibt es noch nicht allzu viele. Das sollte sich doch mal ändern. Es wäre doch schön, wenn die Medien endlich mal schreiben würden, Corinna May, die Sängerin, und das blind dann irgend wann weg ist...

Zugabe: Gesang von Corinna May durch das Telefon, und nur für die Hörer der "Gegenwart".

(Das Gespräch führte Dr. Thomas Nicolai, Kassetten-Ausgabe Originalton.)

Bild: Proträt Corinna May.

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Diskussion:

Staunen und Dispute beim Integrationstreff
Von Angelika Farley

Die Mutter eines blinden Kindes schildert ihr Erleben und zeigt Knackpunkte bei der Beschulung blinder und sehbehinderter Kinder in Bayern.

München im Schneeregen ist erträglich, weil sich das BIT-Zentrum gleich am Hauptbahnhof befindet und dort die Seminareinführung durch Frau Judith Faltl und Herrn Christian Seuß erfolgte.

In der Hilfsmittelausstellung gab es für viele das große Staunen, weil vieles für viele ganz neu war. Dann Saulgrub mit langen Gesprächen am Abend im Bierstübel, nachdem sich bei der Vorstellungsrunde herausgestellt hatte, dass Kinder aus verschiedenen Altersstufen mit den unterschiedlichsten Formen von Sehbehinderungen gekommen waren. Bei den Eltern saßen "alte Hasen" neben "Neueinssteigern".

Verschiedene Modelle

Die unterschiedlichen Modelle der Beschulung wurden dann aus der Sicht von Schülern, Eltern und Pädagogen vorgestellt.

Christian Spindler, der seine gesamte Schulzeit integriert beschult wurde, zeigte auf, dass dies nur durch den intensiven Rückhalt bzw. durch das Engagement seiner Mutter möglich wurde. Als unkompliziert beschrieb er seinen Schulverlauf, machte aber auch deutlich, dass er am Gymnasium mit Hilfe eines Zivildienstleistenden den Stoff erarbeiten konnte. Hilfreich fand er die Skiurlaube mit der Klasse, die ihn nicht zum Outsider, sondern Insider machten.

Herr Bauer, Vater eines blinden Jungen, erklärte, dass integrative Beschulung ein sehr steiniger Weg sein kann. Die Zusammenarbeit mit Kostenträgern, Schulämtern, Lehrern wurde von ihm hervorgehoben und machte deutlich, dass die Beschulung eines blinden Kindes eine erzieherische, wie auch bürokratische Herausforderung für Eltern und Lehrer darstellt.

Schließlich wurde von Frau Weiß-Gschwendtner vom ISB (Staatsinstitut für Schulpädagogik und Bildungsforschung) die Entwicklung der integrativen Beschulung von Blinden und Sehbehinderten aufgerollt. Anfang der 70er Jahre gab es bereits erste Modellversuche an Gymnasien. Später gab es dann den "Olchinger Schulversuch" an einer Grundschule (Lehrerin: Frau Zollitsch).

Gegenwärtig gibt es zwei Formen der Beschulung.

Die familien- und wohnortnahe Beschulung an allgemeinen Schulen, wenn sonderpädagogische Förderung gewährleistet ist.

Diese Förderung erfolgt durch den Mobilen Sonderpädagogischen Dienst. Hierbei betreuen Lehrer ambulant und beraten, unterrichten und fördern. Schulen für Blinde und Sehbehinderte haben ihre Schulen für Sehende geöffnet. Noch ist diese Form ein Schulversuch, der durch den ISB begleitet wird.

Lernende Eltern

In zwei Gruppen gab es dann Informationen für Eltern, wie sie ihre Kinder ergänzend unterstützen können. In der Low-Vision-Gruppe wurde von sehbehinderten Kindern verdeutlicht wie wichtig gute Beleuchtung ist. Hier sind ganz besonders Kaltlichtlampen (Dulux) hilfreich.

Kontraste gilt es zu verstärken, z.B. am Küchentisch durch helles Geschirr und dunklen Untergrund. Jede Bezirksgruppe hat eine/n Low-Vision-Trainer/in , die kostenlose ambulante Beratungen für Betroffene durchführen.

Die optimale Beleuchtung steigert die Merkfähigkeit, wurde wissenschaftlich festgestellt. Deutlich wurde, die Akzeptanz von Sehhilfen z.B. durch Hyperokkulare stellt für die Betroffenen das größte Problem dar, und dies ist vom Alter völlig unabhängig. In der anderen Gruppe wurden Spiel- und Fördermaterialien für Blinde vorgestellt.

Bedingungen unzureichend

In einer sehr hitzigen Diskussion zwischen den Vertretern vom ISB und der Schulleitung in Unterschleißheim wurde deutlich, dass die Rahmenbedingungen an den Förderschulen sich nicht verbessern, sondern Förderschulen einen harten Kampf ums Überleben führen (dies zeigte die Schließung der Blindenschule in München).

Es gibt zu wenig ausgebildete Blindenlehrer.

Die integrative Beschulung von Sehbehinderten und Blinden scheine in Bayern ein aus der Not geborenes Kind zu sein. Die Hilfsmittelausstattung unterscheide sich gravierend und auch die Formen der Lernstoffvermittlung gehe von anderen Voraussetzungen aus. Dieses Projekt musste offenbar ganz schnell installiert werden, um die Lücke in München zu schließen.

Musische Förderung nicht vernachlässigen

Gabriele Firsching, Lehrkraft für Musik, erklärte, wie blinde Schüler ein Instrument spielen lernen, welche Bereicherung der Chorgesang für blinde Kinder sein kann und dass Noten mit Hilfe der Punktschrift erlernt werden können.

Voller Begeisterung für ihre Lehrtätigkeit erklärte uns Elke Zollitsch, dass Malen mit Blinden auch den Sehenden neue Welten eröffnen kann, wenn Sehende sich in die Bilderwelt von Nicht-Sehenden einführen lassen. Frau Zollitsch schaffte es mit einem kleinen Batzen Ton, unsere Herzen zu erweichen und unsere eigene Verletzlichkeit wieder zu spüren. Ein gelungener Abschied für ein ganz besonderes Seminar.

Mein Fazit

Den Lehrern an den Regelschulen fehlen die nötigen Informationen, und vor diesem Hintergrund ist zu verstehen, dass sie annehmen, eine Integration ist bei den hohen Schülerzahlen eine enorme zusätzliche Belastung. Wenn allerdings die Mobilen Dienste nur Zulieferer für die Förderschulen werden, damit diese mit den nötigen Zahlen aufwarten können, dann ist diese Entwicklung sehr bedauerlich.

So sehe ich den Bayerischen Blinden- und Sehbehindertenbund auch als Vermittler an Schulen und auch für Eltern, was auf Kreisebene durch die Kreisbeauftragten größtenteils passiert. Dennoch die Adressen des BBSB müssen schon in den Arztpraxen und Uni-Kliniken ausliegen, dass Hilfen so bald als möglich eingeleitet werden können.
Bild: Auch die Kinder waren eifrig bei der Sache.

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Rechtsauskunft:

Gesetz zur Gleichstellung behinderter Menschen (BGG) im Bundestag verabschiedet

Das BGG wurde am 28.02.2002 vom Bundestag verabschiedet. Nach Zustimmung durch den Bundesrat tritt es am 01.05.2002 in Kraft. Erste Informationen von Karl Thomas Drerup:

Das BGG dient der Verhinderung und dem Abbau von Barrieren. Es spricht diesbezügliche Verpflichtungen für Bundesbehörden aus, sieht für bestimmte Bereiche den Erlass spezieller Rechtsverordnungen vor und regelt ein Verfahren zum Aushandeln von Zielvereinbarungen, in denen sich Unternehmen oder Unternehmensverbände mit Behindertenverbänden auf konkrete Maßnahmen zur Schaffung der Barrierefreiheit einigen können. Das BGG, das vom Bundesarbeitsministerium erarbeitet wurde, soll ergänzt werden durch ein zivilrechtliches Antidiskriminierungsgesetz (ZAG), an dem das Bundesjustizministerium arbeitet.

Hinsichtlich der Regelung über die Wahlschablonen ist der Bundestag dem Vorschlag des Bundesrates gefolgt, wonach die Verteilung über die Blindenvereine erfolgen soll. Am Verbandsklagerecht hat der Bundestag festgehalten. Er hat aber den Individualklagen einen grundsätzlichen Vorrang eingeräumt. Eine Verbandsklage ist demnach im Falle der Möglichkeit einer Individualklage nur dann zulässig, wenn nachweislich eine Vielzahl gleichgelagerter Fälle vorliegt. Unserem Wunsch nach einer eindeutigen Regelung, die den freien Zutritt für Blinde mit Führhund sichert, wurde leider nicht entsprochen. Aus dem Vorschlag des Bundesrates, dieses Thema in die Berichtspflicht der Bundesregierung aufzunehmen, ist wohl zu schließen, dass man ganz bewusst eine gesetzliche Regelung ablehnt, jedenfalls gegenwärtig.
(Ausführlicheres in den nächsten Ausgaben)

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Gesetz zur Verhinderung von Diskriminierungen

Ein Diskussionsentwurf des Bundesjustizministeriums (BMJ) für ein Gesetz zur Verhinderung von Diskriminierungen im Zivilrecht (ZAG) war am 10.12.2001 vorgelegt worden:

Der gemeinsame Arbeitskreis Rechtspolitik hatte sich mit diesem Entwurf befasst und hat auch eine umfangreiche schriftliche Stellungnahme abgegeben, und zwar zur Vorbereitung auf eine Diskussion mit den Behindertenverbänden, die am 19.02. im BMJ stattfand und an der Dr. Hauck für den DVBS und ich für den DBSV teilgenommen haben.

Das ZAG ist nicht nur ein Gesetz für Behinderte. Es betrifft Diskriminierungen wegen der Rasse, wegen des Geschlechts oder der sexuellen Identität, wegen der Herkunft, wegen der Religion oder der Weltanschauung, wegen des Alters und eben auch wegen einer Behinderung.

Mit dem Gesetz soll eine bereits in Kraft getretene EU-Richtlinie in nationales Recht umgesetzt werden. Da sich das BMJ sehr eng an die Vorgaben dieser Richtlinie gehalten hat und weiterhin halten will, ist, wie sich bereits zeigte, der Spielraum für Änderungen am Text und für diesbezügliche Diskussionen nur minimal.

Das Gesetz trifft Regelungen für den Fall einer "Benachteiligung", das ist kurz gesagt die sachlich unbegründete Schlechterstellung wegen eines der kritischen Merkmale sowie für den Fall einer "Belästigung", die die Würde einer Person verletzt.

Zur Frage der Zulassung Blinder zum Schöffenamt hat das BMJ in der Begründung des ZAG-Entwurfs eine aus unserer Sicht unhaltbare negative Position vertreten, die sich nicht mit derjenigen deckt, die Frau Minister Däubler-Gmelin dem DBSV gegenüber vertreten hat. Wir haben auf diesen Widerspruch aufmerksam gemacht und gehen davon aus, dass die betreffenden Sätze im Text gestrichen werden. Eine Lösung des Problems wird in jedem Fall die anstehende Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts im gegenwärtig anhängigen Fall bringen. Erklärt das Gericht den pauschalen Ausschluss Blinder für verfassungswidrig, so wird es keiner weiteren Regelung durch den Gesetzgeber mehr bedürfen, um diese Position auch in anderen Fällen durchsetzen zu können. Entscheidet das Gericht anders herum, so wird sich der Gesetzgeber in dieser Sache auch nicht mehr rühren.
(gekürzt aus: Mitteilungen der DBSV-Rechtsabteilung Nr. 7/2002)

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Neuer Weltpostvertrag

Regelungen, Blindensendungen betreffend, haben sich grundsätzlich nicht geändert:

Der Weltpostvertrag regelt die Beziehungen der Postverwaltungen untereinander und bezieht sich nur auf den grenzüberschreitenden Postverkehr. Der einzelne Postkunde kann keine Ansprüche aus diesem Vertrag herleiten. Für ihn gilt ausschließlich der Tarif des Postunternehmens, dessen Kunde er ist.

Der Weltpostvertrag wurde am 15.09.1999 auf dem Weltpostkongress in Peking überarbeitet und neu beschlossen. Er soll nunmehr in Deutschland in Kraft gesetzt werden (BT-Drucksache 14/7977). Die Blindensendungen sind jetzt in Art. 8 Ziff. 4 geregelt. Dort heißt es: "Blindensendungen sind von allen Postgebühren mit Ausnahme der Luftpostzuschläge befreit." Weiterhin gilt, dass sie das Höchstgewicht von 7 kg nicht überschreiten dürfen. Außerdem dürfen Blindensendungen weder Vermerke noch Schriftstücke mit dem Charakter einer aktuellen und persönlichen Mitteilung und keine entwerteten oder nicht entwertete Postwertzeichen oder Formblätter mit eingedruckter Freimachung bzw. Papiere mit Werteigenschaft enthalten.

Wichtig ist auch Art. III im Schlussprotokoll zum Weltpostvertrag, in dem Ausnahmen geregelt sind:

"1. Abweichend von Artikel 8 Absatz 4 können die Postverwaltungen von St. Vincent und den Grenadinen und der Türkei, die in ihrem Inlandsdienst keine Postgebührenfreiheit für Blindensendungen gewähren, Freimachungsgebühren und Gebühren für besondere Dienste erheben, die jedoch nicht höher als ihre Inlandsgebühren sein dürfen.

2. Abweichend von Artikel 8 Absatz 4 können die Postverwaltungen von Deutschland, Amerika (Vereinigte Staaten), Österreich, Kanada, des vereinigten Königreichs Großbritannien und Nordirland, von Japan und der Schweiz die Gebühren für besondere Dienste erheben, die in ihrem Inlandsdienst für Blindensendungen gelten."

Das bedeutet, dass es für die Blinden in der Türkei praktisch keine portofreien Blindensendungen gab und gibt.

Und für besondere Dienste, zum Beispiel Einschreibesendungen, sind die diesbezüglichen Gebühren zu zahlen.

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Zutritt von Blinden ohne Begleitperson zu Schwimmbädern

Im vergangenen Jahr wurde einem Blinden aus Würzburg der Zutritt zu einem Schwimmbad verwehrt. Begründung: Die Benutzung eines Schwimmbades durch einen Blinden ohne Begleitperson sei wegen der Risiken generell nicht zulässig. Dies ergebe sich aus der geltenden Haus- und Badeordnung, und diese wiederum entspreche der Musterordnung, die der Bundesfachverband Öffentliche Bäder e.V. herausgegeben habe.

Der DBSV schrieb daraufhin den genannten Bundesfachverband an und argumentierte, dass es zwar im Einzelfall für einen Blinden ohne Begleitperson im Schwimmbad gefährlich werden könnte, insbesondere dann, wenn der Betreffende noch keine Mobilitätsschulung absolviert hat, und dann könnte auch ein Ausschluss gerechtfertigt sein, - dass aber der pauschale Ausschluss in dieser Form überzogen und diskriminierend ist. Diskriminierend war vor allem auch der Wortlaut im Text der Musterordnung. Dort wurden Blinde pauschal gleichgestellt mit Geistes- und Anfallskranken und mit Kindern unter 7 Jahren. Ergebnis: Der Bundesfachverband ließ sich überzeugen und nahm die kritisierte Passage aus dem Text heraus. Inzwischen, so erfuhren wir, darf auch der Blinde aus Würzburg seine einsamen Runden im Schwimmbecken drehen.
(Gekürzt aus Mitteilungen der DBSV-Rechtsabteilung Nr. 6/2002)


Aus aller Welt:

Mosaik

EBU-Studie Zugänglichkeit von Museen

Jeder hat das Recht, ungehindert am kulturellen Leben der Gesellschaft teilzunehmen, Kunst und Literatur zu genießen und am wissenschaftlichen Fortschritt teilzuhaben, heißt es in Art. 27 der Universellen Deklaration der Menschenrechte aus dem Jahre 1948. Wie weit dieser hohe Anspruch bereits Wirklichkeit ist, hat die EBU-Kulturkommission mit einer Studie am Beispiel der Zugänglichkeit von Museen untersucht, deren Ergebnisse jetzt vorgelegt wurden. Gefragt wurde dabei nicht nach der Zugänglichkeit der Gebäude, sondern der Ausstellungen, was also getan wurde, um blinden Menschen Kultur näher zubringen. Einbezogen in die Studie waren 32 Museen in sieben europäischen Ländern, die von einem Blinden getestet wurden. Die Auswahl umfasste reine Blindenmuseen, wie z. B. das Museo Tiflologico in Madrid, aber auch große bedeutende Einrichtungen wie das Pergamon-Museum in Berlin, den Louvre in Paris oder das Britische Nationalmuseum in London. Die EBU-Studie kommt zu dem Ergebnis, dass nicht zuletzt aufgrund des Engagements der Selbsthilfe den Belangen blinder und sehbehinderter Museumsbesucher heute stärker als noch vor zehn Jahren Rechnung getragen wird und die Bereitschaft der Museumsleitungen zugenommen hat, ihre Sammlungen zugänglicher zu machen. Zu den begrüßenswerten Bestrebungen zählt z. B., dass in manchen Museen ein Teil der Ausstellungsfläche für taktile Dauerausstellungen reserviert ist. Dennoch kann ein halbes Jahrhundert nach Verabschiedung der UN-Deklaration sowie zahlloser Resolutionen und Erklärungen der Folgejahre von einer gleichberechtigten Teilhabe Blinder und Sehbehinderter am kulturellen Leben nicht gesprochen werden. Nur in knapp einem Viertel der untersuchten Museen ist es blinden Menschen erlaubt, die Exponate mit einem speziellen Handschuh zu ertasten. Nicht einmal die Hälfte der getesteten Museen veranstalten spezielle Führungen für Blinde. Informationen in Punktschrift, Reliefkarten oder -zeichnungen bilden eher die Ausnahme.

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Jugendkonferenz in Dänemark

Zum Auftakt seiner EU-Präsidentschaft lädt Dänemark vom 30.06. bis 14.07.2002 zu einer Konferenz "Jugend 2002" ein. Im Anschluss an die in Kopenhagen stattfindende Eröffnungsveranstaltung verteilen sich die 1.000 jungen Delegierten auf 13 verschiedene Volkshochschulen des Landes, um die Chancen der Demokratie im Zeichen der zunehmenden Globalisierung, die Europäische Verfassung und das Weißbuch zur europäischen Jugendpolitik nachzudenken. Ziel der Beratungen ist die Erarbeitung einer gemeinsamen Empfehlung zur Rolle der Jugend im künftigen Europa, die nach der Konferenz dem EU-Präsidenten übergeben werden soll. Teilnahmeberechtigt sind junge Leute zwischen 18 und 25 Jahren, die aus einem der übrigen 14 EU-Mitgliedsländer kommen und gute Englischkenntnisse haben.

"Jugend 2002" ist keine Behindertenkonferenz. Die Teilnahme behinderter Jugendlicher wird jedoch von Seiten des Rates und der EU-Kommission ausdrücklich gewünscht, um die Erwartungen behinderter Menschen an die EU sichtbar zu machen. Bewerbungsformulare und nähere Informationen sind erhältlich auf der Webseite www.youth2002.org. Konferenzanschrift ist: Youth 2002 Secretariat, Brandbergvej 12, DK-6200 Jelling, Denmark (Tel.: 0045 7020 1425)

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EBU-Eingabe zur Steuerpolitik erfolgreich

Das EU-Parlament hat in seiner Sitzung vom 18. März 2002 den Vedova Bericht mit den von der EBU geforderten Änderungsanträgen angenommen. Damit wurde die von der EBU-Kommission für Verbindung zur EU koordinierte Lobby-Kampagne, die der DBSV mit einer schriftlichen Eingabe an die deutschen EU-Parlamentarier mit unterstützt hatte, erfolgreich abgeschlossen. Mit der Annahme des Berichts wurde dem Anliegen der EBU, Verbänden die Rückerstattung der Mehrwertsteuer zu ermöglichen, die sie für spezielle gemeinnützige Aktivitäten zu entrichten haben, umfassend Rechnung getragen.
(Zusammengestellt von Hans Kaltwasser)

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Der duftende Garten Mai 2002

Duft-Pelargonie (Pelargonium)
Von Ruth Zacharias

Gerade ist es sieben Jahre her, als ich die erste Duft-Pelargonie in meiner Hand hatte. Bald danach hatte ich sechs verschiedene Arten; in diesem Jahr sind es zwischen 50 und 70 Arten, die auf den großen Terrassen im Garten des Storchennestes gedeihen. Nach Frider Plenzat wird für mich im Umgang mit ihnen unter anderem dazugehören: "Für den Duftfreund ergibt sich die interessante Aufgabe, aus der reichhaltigen Skala von Düften Akkorde von Wohlgerüchen zusammenzustellen und Dissonanzen zu vermeiden. Dass bei der Gruppierung auch noch auf die Harmonie von Gestalt und Wuchs zu achten ist, erhöht wohl die Schwierigkeit, aber auch den Reiz des Unternehmens."

Beim Duft geht es vorwiegend um Berührungsduft, der beim Ausputzen und Pflegen der Pflanze in einer großen Vielfalt von Duftrichtungen zur Nase kommt: nach Rosen und Kokosnüssen, nach Zitronen und Äpfeln, nach Orangen und Erdbeeren, nach Mandeln und Mohrrüben, nach Kiefern und Fichten, nach Zimt und Pfefferminze u.v.a.m. Blatt- und Wuchsform sind ebenfalls sehr vielfältig, sodass sie für tastende Hände ein immer neues wohltuendes Erleben sind. "Meine Lebensqualität hat sich wesentlich verbessert, seitdem ich auf meinem Balkon Duft-Pelargonien habe", höre ich von blinden und sehbehinderten Leuten, die ein Seminar "Pflanzenfreunde treffen sich" im Storchennest miterlebt haben. So soll es sein, denke ich, und wir alle wünschen, dass unter uns immer mehr zu Kennern und Liebhabern, zu kleinen Spezialisten in diesem Pflanzenbereich werden.

Beheimatet sind sie in Afrika. Sie sind nicht winterhart, können aber durch Stecklinge gut erhalten und vermehrt werden. Wer keine geeignete Möglichkeit zur Überwinterung hat, sollte jährlich neu beginnen, was ohnehin zu raten ist, um möglichst viele aus dem großen Artenreichtum nach und nach kennenzulernen.

Sie lieben viel Sonne, können in Töpfen, Kübeln, Ampeln, Kästen und im Garten gepflanzt werden. Wichtig dabei ist, ihre Wuchsform und -größe zu beachten. Ihre Beschaffung gelingt mühelos über Dieter Stegmeier, dem deutschen Pelargonienzüchter, der bereit ist, telefonisch zu beraten und eine einzige Pflanze zu verschicken: Tel.: (0 73 65) 2 30.

Duft wird subjektiv sehr verschieden beschrieben und wahrgenommen, sodass es schwierig ist, Arten nach Tast- und Duftqualitäten zu empfehlen. Ich wähle die aus, die besonders beliebt sind und die außerdem für Tees, Salate, Soßen, Liköre und Weine verwendet werden können. Alle Duft-Pelargonien sind essbar.

- Pelargonium Tomentosum - flach und breit wachsend, "Pfefferminze-Fellchen", ein bis zwei Blätter verbessern geschmacklich jeden Kräutertee,

- Pelargonium Scabrum - aufrecht wachsender Busch bis zu 50 Zentimeter Höhe mit reinem Zitronenduft,

- Pelargonium Stroberie - aufrecht wachsender Busch bis zu 40 Zentimetern Höhe mit angenehmen Erdbeerduft

- Pelargonium Cinnamomum - kleiner etwas rankender Busch mit Zimtduft,

- Pelargonium Apple Mint - niedrig wachsender Busch mit Apfel-Orangeduft.

Aus diesen Arten könnte, in etwa gleichen Teilen, ein wohlriechender und gut schmeckender Likör auf herkömmliche Weise hergestellt werden.

- Pelargonium Graveolens - aufrecht wachsender Busch bis zu 80 Zentimeter Höhe mit Rosenduft könnte zur Herstellung eines Weines dienen.

- Pelargonium Denticolatum - aufrecht wachsender Busch bis zu 80 Zentimeter Höhe mit sehr filigranem, stark harzig-aromatisch duftendem Laub.

"Freundschaft mit Duftpelargonien" - ein vortreffliches Hobby zum Gärtnern, zum Mixen und Mischen für Getränke und Essen.
Nähere Informationen bei der Autorin; Tel.: (0 35 28) 43 97-0.

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Inhaltsverzeichnis (ohne Frames)