Die "Gegenwart" 10 / 00
Ausgewählte Beiträge

 
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DBSV-Nachrichten

Beraten und beschlossen
Von Dr. Thomas Nicolai

Am 08. September tagte der DBSV-Vorstand in Bonn und traf u. a. folgende Festlegungen:

Am Abend des 07. September hatte der DBSV-Vorstand Mitarbeiter mehrerer Ministerien sowie aus dem Arbeitsstab des Beauftragten der Bundesregierung für die Belange der Behinderten zu einem Essen eingeladen. Die aufgelockerte Atmosphäre sorgte dafür, dass nicht nur "Arbeitsthemen" zur Sprache kamen.


In Kürze

Seminarangebote des DBBW

Nachstehend informieren wir Sie über Fortbildungsveranstaltungen des Deutschen Blindenbildungswerkes (DBBW). Nähere Auskünfte erteilt: DBBW gGmbH , Hauptstr. 40, 79576 Weil am Rhein; Tel.: (0 76 21) 79 92 30.

11.01.-14.01.2001 - Praktische Interneterfahrungen; HTML-Grundkenntnisse; Harz-Sanatorium Osterode;

14.01.-19.01.2001 - Internet für Fortgeschrittene; Harz-Sanatorium "Hermann-Schimpf", 32520 Osterode;

11.02.-15.02.2001 - Fortbildungsseminar für blinde und sehbehinderte Schwerbehindertenvertrauensleute, Kur- und Begegnungszentrum Saulgrub.

Tag der offenen Tür in der DZB

Am 14.10. informiert die Deutsche Zentralbücherei für Blinde zu Leipzig (DZB) an ihrem "Tag der offenen Tür" über ihr umfangreiches Literatur- und Serviceangebot für blinde und sehbehinderte Menschen. In der Zeit von 9.00 bis 13.00 Uhr erhalten Besucher in der Gustav-Adolf-Straße 7 Gelegenheit, zu erfahren, wie ein Braillebuch entsteht, Hörbücher aufgesprochen und tastbare Reliefdarstellungen gefertigt werden. Nähere Informationen unter Tel.: (03 41) 7 11 30.

Hilfsmittelausstellung des LHZ

14.10. Leipzig, DZB, 04.11. Hof, bei der Bezirksgruppe Hof des Bayer. Blinden- und Sehbehindertenbundes. Nähere Informationen unter Tel.: (03 51) 8 09 06 24.

Hilfsmittelausstellungen des VzFB

07.10. Detmold-Heidenoldendorf, beim Lippischen Blindenverein,
13.10. Kiel, beim Schleswig-Holsteinischen Blinden- und Sehbehindertenverein e. V.,
18.10. Bernburg, beim Blinden- und Sehbehindertenverband Sachsen-Anhalt e. V.,
11.11. Hamburg beim Blinden- und Sehbehindertenverein Hamburg e. V.
Nähere Auskünfte beim VzFB; Tel.: (05 11) 9 54 65-0.

Jahrestagung AK EDV

Der Arbeitskreis EDV des DBSV lädt zur 22. Jahrestagung ein, die vom 17. bis 19.11. im Hotel "Berghof" in Petersberg-Almendorf bei Fulda stattfindet.

Vorgesehene Themen: "Daisy, ein neuer Standard für Hörbücher", "Erste Schritte in der Programmierumgebung von Delphi", "Windows 2000", "Strukturieren von Websites mit HTML", "Zugangsprobleme zum Internet und Ausblicke zu WARP u. UMTS".
Nähere Informationen und Anmeldung bei:
AK-EDV, Lothar Huge, Fischpfortenstraße 20, 31785 Hameln, Tel.: (0 51 51) 92 50 66, E-Mail: info@arbeitskreis-edv.de.

Seminare im Storchennest 2001

Haus Storchennest lädt zu nachfolgenden Seminaren ein:
16.02. - 23.02. "Kneipp zu Hause"
30.04. - 06.05. Balkon- und Gartenfreunde treffen sich
07.05 - 13.05. Balkon- und Gartenfreunde treffen sich
Nähere Auskünfte bei: Haus Storchennest, Pillnitzer Str. 71, 01454 Radeberg; Tel.: (0 35 28) 43 97-0.

Künstlerische Werkstatt

Am 14. und 15. Oktober bietet das Archäologische Museum Frankfurt am Main Blinden und Sehbehinderten die Möglichkeit, selbst in Speckstein zu modellieren, nachdem in einer Führung Skulpturen ertastet werden konnten. Nähere Informationen unter (0 69) 21 23 58 95.

Fortbildung

Vom 16. bis 18.03.2001 veranstaltet die Arbeitsgemeinschaft Low Vision im Verband der Blinden- und Sehbehindertenpädagogen und -pädagoginnen e. V. (VBS) in Bonn eine Tagung zum Thema: "Bildung von Netzwerken zur pädagogischen Förderung sehbehinderter Kinder und Jugendlicher". Anfragen beim Sekretariat der Blindeninstitutsstiftung Würzburg; Tel.: (09 31) 20 92-261.

Computerkurse

Das Multi-Media-Center Bonn (MMC) ist das erste Studien-, Medien- und Internet-Cafe für Menschen mit und ohne Behinderung. Das Modellprojekt wird als Einrichtung der beruflichen Rehabilitation Behinderter vom Bundesarbeitsministerium gefördert. Im August startete eine Seminarreihe für Blinde und Sehbehinderte zu Grundlagen im Umgang mit dem PC. Zum Thema Internet und Internetrecherche gibt es auch im Oktober kostenlose Seminare und Workshops. Nähere Informationen Blinden- und Sehbehindertenverein Bonn; Tel.: (02 28) 69 22 00.

Seminare

Die Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben (ISL) in Berlin bietet u. a. folgende Seminare bzw. Workshops an:
26.10. "Spender, Stifter und Sponsoren";
05. - 07.11. "Biografiearbeit in der Beratung".
Nähere Informationen unter Tel.: (0 30) 44 34 19 25.

Jetzt spricht die ATZ-Homepage

Das Internet-Angebot der Aktion Tonband-Zeitung wird hörbar. Neben der ausführlichen Textinformation enthält die Homepage auch Audio-Dateien, die einen kleinen Vorgeschmack auf das Kassettenangebot geben sollen.

Das zum Hören nötige Programm ist der Real-Audio-Player, dessen einfachste Version im Internet kostenlos erhältlich ist. Die Aktion Tonband-Zeitung hat die Internet-Adresse: www.atz-blinde.de

Stadtplan Chemnitz

Die 2. Ergänzung zum Stadtplan Chemnitz ist da. Bestellungen nimmt die Beratungsstelle Gablenzer Str. 8-12, 09127 Chemnitz oder
Tel.: (03 71) 7 00 96 73 entgegen. Die komplette Kartensammlung mit insgesamt acht Übersichtskarten, vier Lageplänen und drei Stadtteilplänen, einem Stadtwappen sowie zwei Anhängern ist nur noch in wenigen Restexemplaren verfügbar.

Nachrichtendienst

Der Deutsche Verein ist wichtiger Ansprechpartner für die Politik in sozialpolitischen Fragen und in Fragen der sozialen Arbeit. Auch in der Geschäftstelle des Deutschen Vereins für Blinde und Sehbehinderte in Studium und Beruf e. V. (DVBS) wird der NDV genutzt. Der DVBS wird den NDV nun auch digital zur Verfügung stellen, wenn er dafür genügend Interessenten findet. Eine entsprechende Vereinbarung mit der Redaktion des NDV ist getroffen.

Der NDV erscheint monatlich auf Diskette im Einwegversand oder per E-Mail. Eine kostenlose Probenummer kann angefordert werden bei: DVBS, Aufsprachedienst, Frauenbergstr. 8, 35039 Marburg; Tel.: (0 64 21) 9 48 88-22.

Nicht nur Unterhaltung im "Regenbogen"

Unterhaltsame Texte und Tipps für den Alltag, Tiergeschichten, Reiseberichte, Verbraucher- und Gesundheitsthemen - das ist die erfolgreiche Mischung des Hörmagazins "Der Regenbogen". Eine kostenlose Probekassette gibt es bei der Aktion Tonband-Zeitung für Blinde, Postfach 1421, 37594 Holzminden; Tel.: (0 55 31) 71 53.

E-Mail-Adressen des Referates Öffentlichkeitsarbeit des DBSV

Damit elektronische Post immer gleich dort ankommt, wo sie bearbeitet wird, ist das Referat Öffentlichkeitsarbeit des DBSV jetzt über mehrere E-Mail-Adressen zu erreichen:
gegenwart@dbsv.org
(Post, die direkt für die "Gegenwart" bestimmt ist, einschließlich Anzeigen)
publik@dbsv.org
(Post, die die Öffentlichkeitsarbeit betreffen sowie Bestellungen von DBSV-Publikationen)
gegenwart@bln.de
(bleibt für eine Übergangszeit noch gültig).


Integration

Wenn Kinder fragen...

Hans Simon und Manfred Jahr

Nicht nur am Tag des weißen Stockes gibt es Informationsbedarf.

Was die Vereine mit gutem Willen und Einsatz bewegen können, unabhängig davon, was der DBSV als Thema zum Tag des weißen Stockes den Landesverbänden und deren Untergliederungen empfiehlt und selbst ausrichtet, gibt es für die Vereine in Stadt und Land sehr viel Spielraum, eigene Ideen zu entwickeln, um auf sich bzw. auf nichtsehende und sehbehinderte Menschen aufmerksam zu machen. Und das natürlich nicht nur am 15. Oktober.Dabei sollte möglichst im Blickpunkt stehen, die sehende Bevölkerung anzusprechen und aktuell zu informieren. Ohne permanente Öffentlichkeitsarbeit vor Ort bleiben wir in der Isolation.

In den Schulen anfangen

Da die Kinder von heute die Gesellschaft von morgen sind, gilt es, Berührungsängste und Vorurteile abzubauen. Dass sich ein solches Projekt über Jahre erstrecken kann, dass es gut vorbereitet werden muss, und dass damit viel Arbeit verbunden ist, war uns, als wir im Frühsommer 1999 Ideen hierfür zusammentrugen, klar.

Ursprünglich wollten wir auf alle Schulen in Ratingen zugehen, beschränkten uns dann aber auf die 17 Grundschulen. Nach einem Gespräch mit dem Behindertenkoordinator ebnete dieser zusammen mit dem Schulverwaltungsamt unbürokratisch den Weg für unser Vorhaben. In einem Brief, der vom Schulverwaltungsamt an die Grundschulen verteilt wurde, boten wir an, in einer Doppelstunde die Klassen zu besuchen, Punktschriftalphabete und Übungstexte mitzubringen, Blindenhilfsmittel zu zeigen, den Umgang mit dem weißen Stock vorzuführen, und die Fragen der Kinder und Lehrer zu beantworten.

Die Resonanz war toll: Nach kurzer Zeit meldeten sich bereits 8 Schulen und bekundeten großes Interesse. Unter Berücksichtigung der Wünsche der Schulen stellte sich heraus, dass wir insgesamt 43 Klassen mit über 1.100 Kindern besuchen und informieren mussten. Da die Schulen durch interne Aktivitäten und Termine nicht immer unsere Terminvorschläge annehmen konnten, kamen wir unter erheblichen Zeitdruck, weil bis zum 30. März 2000 unsere Aktion durchgezogen werden musste.

Also bestellten wir Punktschriftalphabete, fertigten mit dem PC Masken an, um benötigte Sätze und Wörter in größeren Stückzahlen ausdrucken zu können. Mit einer Schneidemaschine wurden die Blätter in handliche Zettel zerschnitten. Darüber hinaus suchten wir geeignete Blindenhilfsmittel aus. Abgerundet wurde das Material mit der Unterrichtseinheit des DBSV, die wir den Lehrern aushändigten.

Zuerst ein Probelauf

Ende November 1999 und kurz vor den Weihnachtsferien fanden zwei "Probeläufe" in zwei Schulen mit vier Klassen statt; denn wir wollten schließlich Erfahrungen sammeln, was in 90 Minuten alles machbar ist, und wie man die Kinder am besten anspricht. Am 17. Januar 2000 war der offizielle Startschuss angesetzt. Die Verfasser dieses Beitrags führten, zusammen mit ihren sehenden Ehefrauen, das Projekt in den 8 Schulen durch. Die Redakteurin der Lokalpresse schrieb eine "Reportage" über den Ablauf einer Doppelstunde. In weiteren Artikeln über unsere Arbeit und über die Mitgliederbetreuung stellten wir die Schulbesuche immer wieder in den Vordergrund, was zur Folge hatte, dass sich weitere Schulen meldeten, die bis zu den Sommerferien "bedient" wurden. Ab November 2000 wird eine zweite Phase anlaufen, in der wir die Grundschulen ansprechen, die noch nicht berücksichtigt sind.

Wie wird eine Doppelstunde aufgebaut? Vorweg informieren wir Lehrer und Kinder über den Sinn des Blindenvereins, erläutern an Beispielen seine Arbeit und erzählen von Früh- und Spät- erblindeten und davon, wie schwer es die Späterblindeten vielfach haben. Natürlich steht die Braille-Schrift im Brennpunkt. Alphabete werden an Lehrer und Kinder verteilt und eingehend erklärt. Um das System der 6 Punkte besser verständlich zu machen, malt der Lehrer diese mit zugehöriger Nummerierung vergrößert an die Tafel. Wenn die Kinder den Aufbau verstanden haben, bekommen sie einen Übungssatz, der mit Hilfe des Alphabetes zu übersetzen ist. Kinder und Lehrer sind mit Begeisterung bei der Sache. Die Sätze sollten nur eine Punktschriftzeile lang sein und zu den Kindern einen Bezug bilden, zum Beispiel: "Karin geht gern zur Schule" oder "Bald beginnen die Ferien". Kinder im ersten Schuljahr bekommen Wörter zum Übersetzen. Für die Punktschrift werden meistens 45 Minuten benötigt.

Dann geht es um Blindenhilfsmittel. Taktile und sprechende Uhren werden vorgestellt und herumgereicht. Über Knopfdruck die Zeit abzufragen, begeistert die Kinder.

Unter anderem wird auch erklärt, dass Späterblindete oft besser mit den sprechenden Hilfsmitteln zurechtkommen. Nicht fehlen darf eine Demonstration, wie der weiße Stock eingesetzt wird. Immer wieder wird bestaunt, dass man mit dem Stock die Hindernisse erkennt, die im Klassenraum herumstehen, also Tische, Stühle oder die Lehrer und Kinder, die sich gern in den Weg stellen. Bleibt danach noch Zeit, wird die Stenomaschine bestaunt.

Bleibende Kontakte

Interessant sind die vielen Fragen, die von Kindern und auch von den Lehrern gestellt werden und praktisch alle Lebensbereiche betreffen: "Wie kommen Sie mit Geld zurecht?" "Wie kaufen Sie ein?" "Wie erkennen Sie Farben?" "Möchten Sie mal ganz viel sehen?"

Überall wurden wir sehr freundlich und aufgeschlossen empfangen. Natürlich gibt es Berührungsängste, die sich in den Klassen aber schnell abbauen. Lehrer besuchen uns zu Hause und fragen nach Lehr- und Lernmaterial. Auf den Straßen sprechen uns die Kinder an. Schulen, in denen wir gewesen sind, bleiben in den Folgejahren unsere Ansprechpartner. In Schulleiterkonferenzen wird positiv über unsere Arbeit berichtet. Durch Mundpropaganda informieren sich Lehrer gegenseitig, und wir werden angerufen oder angeschrieben. Sogar Kinder schreiben uns und bitten, dass wir in ihre Klassen kommen. Auch aus anderen Städten erhalten wir Anrufe und Einladungen und werden gefragt, wo man Alphabete bekommt. Gern geben wir dann die Anschrift des zuständigen Blindenvereins an.

Da die Kinder die Punktschriftunterlagen mit nach Hause nehmen, können wir auch viele Erwachsene ansprechen und interessieren.

Den Schulleitungen und Klassenlehrern die Unterrichtseinheit für Grundschulen zu schenken, die beim DBSV-Referat für Öffentlichkeitsarbeit in Berlin für ganz wenig Geld gekauft werden kann (Lehrerheft 2 DM, Schülerheft 1 DM), ist für eine "Nachlese" in den Klassen hilfreich.


Sechs Richtige

- damit die Hände lesen können -

Die 1825 entwickelte Blindenschrift bleibt auch im Multimediazeitalter modern. Darauf verweist der Deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband e. V. (DBSV) in einer Presseerklärung zum Tag des weißen Stockes 2000.

Mit dem Verlust des Augenlichtes verlieren in Deutschland jährlich rund 28.000 Menschen - die meisten von ihnen im Seniorenalter - die Fähigkeit zu schreiben und zu lesen. Doch sechs tastbare Punkte können weiterhelfen, wenn die Hände lesen lernen.

Nichtsehenden - unabhängig davon, in welchem Alter die Erblindung eintritt - bietet die von Louis Braille entwickelte und längst weltweit verbreitete Blindenschrift (auch Punktschrift oder Braille-Schrift genannt) diese Chance.

Im Zeitalter neuer Medien gewinnt die Punktschrift noch an Bedeutung. Deshalb startet der DBSV am 15. Oktober 2000, dem Tag des weißen Stockes, die Aktion "Sechs Richtige" mit einem Kongress auf dem EXPO-Gelände in Hannover, zu dem 700 Teilnehmer aus ganz Deutschland erwartet werden.

"Auch im Multimedia-Zeitalter ist die Punktschrift für blinde Menschen das wichtigste Medium für Information und Bildung, für berufliche Qualifikation und für eine selbständige Lebensführung", bekräftigt DBSV-Präsident Jürgen Lubnau. Daher müssten die Voraussetzungen für die stärkere Verbreitung der Blindenschrift weiter verbessert werden. Der DBSV setzt sich im Interesse der rund 155.000 blinden Menschen in Deutschland insbesondere dafür ein,

Sechs Richtige! Die Schrift des Louis Braille, die mit sechs Punkten - wie bei der 6 auf einem Würfel angeordnet - durch verschiedene Kombinationen alles darstellen kann, was sich in Schriftform mitteilen lässt, ist ein Hauptgewinn für die Blinden, wenn keiner vergisst, dieses "Los" einzulösen.

(Mehr über die Blindenschrift ist zu finden im Internet: www.dbsv.org.)


Bedenkenswert

Geschichten auf Mohnbrötchen...
Von Dr. Thomas Nicolai

Dieser Witz ist nun wirklich beinahe so alt wie die Punktschrift selbst. Nicht genau bekannt ist allerdings, wann tatsächlich das erste Mohnbrötchen über den Ladentisch ging. Warum essen also Blinde so gern diese Backwaren? Klar: Weil da so spannende Geschichten drauf stehen.

Wenn wir uns über diesen Spaß amüsiert haben, sollten wir noch ein wenig mehr darüber nachdenken. Irgendwie wird ja unterstellt, dass "die Blinden" die "spannenden Geschichten" alle lesen können. Das wäre schön. Doch erstens stehen keine drauf, und zweitens können nur rund 20 Prozent der Blinden die tastbare Schrift lesen.

Leider kommt die Mehrzahl der späterblindeten Menschen nicht mehr in den Genuss, die Braille-Schrift zu lernen. Woran liegt das? Nur am Alter? Ich glaube nicht.

Wieder lesen und schreiben lernen - das geht nicht von allein. Motivation und Anleitung sind nötig; gemeinsames Lernen würde über die erste riesige psychologische Hürde "Das schaffe ich sowieso nicht" hinweg helfen. Mit den Händen lesen ist auch das Eingeständnis, dass es mit den Augen nicht mehr geht. Das will man nicht wahr haben, solange wie möglich.

Sind da noch die treu sorgenden Angehörigen "die Omma braucht das doch nicht mehr" und die professionellen Pfleger im Altenheim "die Zeitung kann der Herr S. schon lange nicht mehr lesen; aber wenn er uns bittet, schalten wir ihm das Radio ein".

Auf Elementarrehabilitation, zu der auch das Punktschriftlernen gehört, haben Späterblindete keinen Rechtsanspruch. Wenn die Sozialhilfe nicht greift, müssen sie selbst dafür bezahlen.

Wir wollen nicht schwarz malen, denn immerhin wird Punktschrift nicht nur in den Schulen und Berufsbildungszentren, sondern auch in den Blinden- und Sehbehindertenvereinen gelehrt und fleißig gelernt. Suchen wir also lieber nach positiven Beispielen. Die finden wir immer dort, wo sich Leute engagieren, wo "alte Hasen" anderen helfen.

Wir haben uns bei allen DBSV-Landesvereinen danach erkundigt, wo und wie man in ihrem Zuständigkeitsbereich die Punktschrift lernen kann. Fakt ist: Überall gibt es Möglichkeiten dazu. Und von den 1.600 Punktschriftlesern der "Gegenwart" ist sicher mancher bereit, "Anfängern" zu helfen, die ersten Tasterfahrungen mit den Punkten zu machen.

Der DBSV hat für den Tag des weißen Stockes 2000 das Motto "Sechs Richtige" gewählt, weil die aus sechs Punkten bestehende Blindenschrift genau das richtige Medium ist, um Information und Bildung, Selbständigkeit und Integration blinder Menschen zu fördern.

Die Nutzung der Punktschrift wird nicht erst dann sinnvoll, wenn man an Schnelllesewettbewerben teilnehmen kann; viel ist gewonnen, wenn man gelernt hat, eine Telefonnummer, eine Adresse zu notieren und wieder zu entziffern oder wenn man im eigenen Haushalt Gegenstände beschriften kann, zum Beispiel Schallplatten oder CDs, Konserven oder Gewürze.

Mit dieser Ausgabe sind wir der genialen Schrift des Louis Braille, die er 1825 der Öffentlichkeit vorstellte, auf ganz unterschiedliche Weise auf der Spur. Kommen Sie mit auf die Entdeckungsreise rund um die Blindenschrift.


Stichwort: "Unterwegs"

Von der Fibel bis zum Bücherwurm
Von Willi Kürpick

Ich lese gern und viel Braille-Schrift und tue dies außerdem oftmals nicht nur zu meinem eigenen Vergnügen, sondern auch zur Freude anderer Zuhörer.

Bis etwa zu meinem siebenten Lebensjahr verfügte ich über ein äußerst geringes Restsehvermögen. Viele Krankenhausaufenthalte erschwerten mir den Schulbesuch, so dass selbst das Lernen der Blindenschrift nicht regelmäßig gewährleistet war. Trotzdem war die Punktschriftfibel mein ständiger Bettnachbar. Irgendwann konnte ich sie auswendig hersagen.

Wie groß war dann meine Freude, als ich - wahrscheinlich durch meine Eltern - das erste Vollschriftbuch erhielt, dass nicht als Lehrmaterial erstellt war, sondern sich als ein "richtiges" Buch mit kurzen Geschichten entpuppte. Welch literarische "Weltreisen" konnte ich dann mit den Zeigefingern unternehmen, als ich die Kurzschrift und später - in den Siebziger Jahren - die reformierte Kurzschrift "inhalierte", von Lernen konnte schon gar keine Rede mehr sein!

Eines ist sicher: Nicht jeder Bestseller, nicht jede Weltneuheit, ist blinden und hochgradig sehbehinderten Menschen unmittelbar verfügbar. Zeitungen, Zeitschriften, Broschüren und andere Informationen bedürfen des gesprochenen Wortes, weil diese Informationen billiger und schneller für unseren Personenkreis zur Verfügung stehen. Auch das Hörbuch hat auf jeden Fall mehr als nur eine Daseinsberechtigung. Hörfilme - ein völlig anderes Medium als ein "gutes Buch" - dürfen auch nicht fehlen, genauso wie Hörspiele und Rundfunksendungen.

Trotz alledem: Literatur selbst lesen, das bedeutet für mich, die Welt selbst erfahren! Und urch Louis Brailles Erfindung bin ich nicht nur ein lesender, sondern auch ein schreibender Mensch geworden. Merci Louis Braille!

Meinen bereits frühen Lesefanatismus kann gewiss manche Ordensschwester noch bezeugen, die vor 27 Jahren über meine Erziehung und Bildung in der Blindenschule Paderborn wachten. Einen Krankenhausaufenthalt nutzten mein Freund Winfried und ich für literarische Ausflüge in die Welt von Winnetou und Old Shetterhand. Dem Krankenhausalltag entrückt, kämpften wir Stunde um Stunde mit den Helden der Karl-May-Bücher um Ruhm und Anerkennung. Winfried und ich waren schon zum damaligen Zeitpunkt begnadete Braille-Schriftleser, sodass die armen Schwestern gar nicht schnell genug die Bücherpakete heranschleppen konnten. Unser Zimmergenosse Hannes war fasziniert, wie flott unsere Finger die Seiten überflogen. Einen Mordsspaß für uns und eine große Überraschung gab es für ihn, als er in Ausübung seiner Autorität uns eines Abends aufforderte, das Lesen einzustellen, da Schlafenszeit sei. "Ich mach jetzt das Licht aus!" Gesagt, getan! Zwar hatten Winfried und ich uns nicht abgesprochen, dennoch verweilten wir noch einige Zeit trotz Dunkelheit und Hannes´ Order in den Prärien des Wilden Westens. Das Rascheln der Buchseiten erweckte aber doch Hannes` Argwohn. Welch ein dummes Gesicht mag er wohl gemacht haben, als er feststellen musste, dass Blinde auch im Dunkeln lesen können.


Louis Braille (1809 - 1852)

Louis Braille wurde am 04. Januar 1809 in Coupvray bei Paris geboren. Als er drei Jahre alt war, hatte er in seines Vaters Sattlerei mit Werkzeugen gespielt und sich dabei ein Auge schwer verletzt. Die Entzündung erfasste auch das andere Auge und führte bald zur Erblindung des Jungen.

Louis Vater schickte seinen sehr aufgeweckten und intelligenten Sohn in Alter von 10 Jahren auf die von Valentin Haüy 1784 in Paris gegründete erste Blindenanstalt der Welt. Zunächst fiel Louis auf durch seine besonderen handwerklichen, musischen und geistigen Fähigkeiten. Schon bald wurde er als Hilfslehrer im Blindeninstitut eingestellt.

Doch nebenbei arbeitete er zielstrebig und ausdauernd an der Entwicklung einer brauchbaren Punktschrift für Blinde.

Er kam mit einem Schriftsystem in Berührung, an dessen Entwicklung der französische Artilleriehauptmann Charles Barbier seit 1815 arbeitete. Es bestand aus 11 Punkten und sollte für Soldaten die Nachrichtenübermittlung auch im Dunkeln ermöglichen. Louis erkannte, dass man mit dieser Schrift Sinnvolleres tun könnte, das es dafür aber notwendig wäre, sie zu vereinfachen und zu verbessern.

1825 hatte Louis Braille schließlich das für Blinde geeignete System der sechs erhabenen Punkte gefunden, das 63 Punktkombinationen zulässt.

Die Zeichen waren leicht erlernbar, liegen sich rasch und sicher lesen und mit Schreibtafel und Griffel mühelos schreiben. Trotzdem blieb die offizielle Anerkennung seiner Schrift jahrzehntelang aus.

Aber die Freunde Louis Brailles und seine Schüler verwendeten die sechs Punkte weiter und bewiesen ihren praktischen Nutzen durch höhere Leistungen im Unterricht. Dennoch wurde das 6-Punkte-Alphabet von der Pädagogischen Akademie Frankreich erst im Jahre 1850 offiziell anerkannt und in Paris eingeführt. Durch Beschluss des 1. Blindenlehrerkongresses in Wien 1873 wurde die Braille-Schrift auch im deutschsprachigen Raum verbindlich.

Den weltweiten Siegeszug seiner Schrift erlebte Braille nicht mehr. Er starb an einem Lungenleiden am 6. Januar 1852 in Paris. Seine Gebeine wurden am 21. Juni 1952 im Pariser Panthéon beigesetzt - eine besondere Anerkennung der Verdienste.

Erstmals war das Braille-System im Jahre 1827 für Auszüge aus dem Lehrbuch "La grammaire des grammaires' verwendet worden. Zwei Jahre später erschien ein von Louis Braille selbst verfasster Bericht über die neue Methode zur Übertragung von Buchstaben und Noten in Punktschrift unter dem Titel ,Verfahren, um Wörter, Musik und Kirchengesang zu schreiben mit Hilfe von Punkten, zum Gebrauch der Blinden und für sie zusammengestellt von Louis Braille, Blindenlehrer am Königlichen Institut für junge Blinde in Paris'.

Dieses 32 Seiten umfassende Werk war zwar noch im üblichen Reliefdruck verfasst; aber auf den Seiten 14 bis 16 enthielt es eine Tafel mit dem Alphabet und eine Anleitung zum Schreiben mit Tafel und Griffel.


So entsteht ein Buch für Blinde

Von Gabi Schulze und Dr. Thomas Kahlisch

Am Beispiel der Deutschen Zentralbücherei für Blinde zu Leipzig (DZB) soll erklärt werden, wie gestern und heute Bücher in Braille-Schrift entstanden und entstehen.

Im Zeitalter der Computer- und Medientechnik hört man immer wieder, dass es das klassische Buch und die klassische Tageszeitung bald nicht mehr geben wird. In Zukunft - so heißt es - kommen die Zeitung und das Buch digital über das Internet ins Haus, auf elektronischem Papier, das man überall lesen kann. Das E-Book, ein handlicher, schnurloser Computer, der bis zu 4000 Buchseiten speichert, ist bereits auf dem Markt. Dem e-Papier soll in zwei bis drei Jahren der Durchbruch gelingen.

In wie weit diese Prognosen das Ende des klassischen Buches heraufbeschwören, sei dahin gestellt. Doch können Sie sich eine Welt ohne Bücher, Zeitschriften und Zeitungen vorstellen? Wie langweilig und trostlos wäre das Leben!

Gutenbergs Erfindung des Buchdrucks vor 600 Jahren war eine der genialsten Leistungen, die es den Menschen ermöglichte, ihr Wissen zu verbreiten. Blinden Menschen aber blieben die Bücher noch Jahrhunderte verschlossen. Ohne lesen zu können wurden sie von den Sehenden isoliert und nicht gleichwertig behandelt.

Das sollte sich ändern, nachdem ein kluger junger Mann in Frankreich das faszinierende System der sechs erhabenen Punkte entwickelte - das Blindenschrift-Alphabet.

Gestern - Punktdruck mit der Punziermaschine

Die ersten Bücher in Braille-Schrift schrieb man in mühsamer Handarbeit mit Schreibtafel und Griffel. Die Punkte wurden seitenverkehrt - von rechts nach links - in das Papier gedrückt.

Die Einführung der Punktschriftbogenmaschine (um 1900) ermöglichte nicht nur die Produktion einer größeren Anzahl von Büchern, der Übertrager war jetzt auch in der Lage, eventuelle Fehler zu korrigieren. Die sogenannte "handschriftliche Übertragung" war lange Zeit ein Verfahren der Blindenbuchproduktion, das allmählich von einem zweiten Verfahren, dem Punzieren abgelöst wurde. Das Wort "Punzieren" ist dem Punzen, einer alten handwerklichen Blechbearbeitung, entlehnt. Großer Vorteil dieses Verfahrens: Aus einer punzierten Vorlage können Bücher mit mehreren Abzügen gedruckt werden.

Zur Herstellung von Büchern mit höheren Auflagen wurden dazu sogenannte Matrizen benötigt, von denen man beliebig viele Abzüge erhalten konnte. Eine Matrize ist z. B. eine Zinkblechplatte. Sie kann aber auch aus anderem Material sein, z. B. aus Aluminium oder PVC. In diese Platte erfolgte mit Hilfe einer Punziermaschine das Einprägen der Punkte, die auf der Rückseite versetzt geprägt wurden, sodass sie zwischen denen der Vorderseite standen.

Nach dem Punzieren der Metallplatte wurde Korrektur gelesen und irrtümlich gestanzte Punkte mussten eben geklopft werden. Danach konnte der Druck der Abzüge beginnen.

Waren die Punkte auf das Papier gedruckt, wurden die einzelnen Seiten zu Büchern gebunden.

Heute - Punktdruck mit Computern

Heute werden die Bücher nicht mehr mühsam mit der Punziermaschine auf Platte geschrieben. Computer übernehmen die Übertragung der Schwarzdrucktexte in Blindenschrift.

Bevor ein Buch in Blindenschrift übertragen und gedruckt werden kann, muss es "vorbereitet" werden. So wie jedes Schwarzdruckbuch hat auch jedes Braille-Buch ein bestimmtes Layout. In der Buchvorbereitung erhält das Buch seine äußere Form. Es wird festgelegt, welche Überschriften, Formeln, Gedichte, Tabellen beim Übersetzen gestaltet werden sollen und wie deren Umsetzung zu erfolgen hat. Tabellen, Grafiken und Bilder müssen in ein geeignetes Textformat gebracht werden. Die Struktur des Buches wird festgelegt. Dann erst kann mit der Blindenschriftübertragung begonnen werden.

Die Vorlage, das sogenannte "Schwarzdruckbuch", wird Seite für Seite gescannt und als Datei gespeichert. Ein speziell für die Blindenschriftproduktion entwickeltes Computerprogramm wandelt die Buchstaben der Schwarzdruckvorlage in die entsprechenden Braille-Zeichen um. Der Überträger gibt dem Rechner die für die verschiedenen Arbeitsgänge nötigen Befehle ein und überwacht deren Durchführung.

Korrektur - Ein Braille-Buch ohne Fehler

Ist das Buch dann vollständig übertragen, muss es korrigiert werden. Ein Probeauszug wird gedruckt. Die Korrektur führen jeweils zwei Korrekturleser, ein sehender und ein blinder, aus. Während der Sehende das Original verfolgt, überprüft der Blinde den in Braille-Schrift übertragenen Text. Dieses Korrekturlesen erfordert viel Konzentration, da z. B. wissenschaftliche Begriffe buchstabiert werden und im Zweifelsfall auf ihre Richtigkeit überprüft werden.

Haben die Korrekturleser ihre Arbeit beendet und wurden die Fehler berichtigt, steht dem Druck des Braille-Buches nichts mehr im Weg.

Drucken und Buchbinden - Ein Braille-Buch nimmt Gestalt an

Der auf Diskette gespeicherte Braille-Text wird entweder mit Hilfe von Schnelldruckern aufs Papier gebracht (ein Schnelldrucker arbeitet ohne Matrizen und druckt die Punkte sofort ins Papier) oder aber computergesteuerte Punziermaschinen prägen die Matrizen, von denen anschließend beliebig viele Abzüge gedruckt werden können.

Die bedruckten und gefalzten Bogen kommen dann in die Buchbinderei, wo sie genau wie ein Schwarzdruckbuch geheftet und gebunden werden. Einziger Unterschied zum Schwarzdruckbuch: Zwischen jeder Lage findet der Leser einen Falz, damit sich die Punkte im Laufe der Zeit nicht zerdrücken. Auf dem Rücken und dem Buchdeckel, der mit verschiedenen Materialen bezogen werden kann, erscheinen Titel, Autor und Nummer des Bandes in Farb- und Braille-Druck.

Das Braille-Buch ist fertig! Das Standardformat beträgt 27 x 34 cm. Ein Roman von 300 Schwarzschriftseiten kann in Punktschrift durchaus 4 bis 6 Bände (jeder etwa 7 cm dick) füllen. Entsprechend groß müssen die Bücherregale sein.

Reliefs - Die Bilder im Braille-Buch

Das ist kein Druckfehler - es gibt auch Bilder für blinde Menschen. Natürlich müssen diese erhaben dargestellt werden, d. h. die Linien und Flächen eines Schwarzdruckbildes sind im Relief unterschiedlich hoch und verschieden tastbar. Die Darstellungen werden auf das Wesentlichste beschränkt. Bei einem Drachen z. B. dürfen der gezackte Rücken, ein Maul mit scharfen Zähnen und eine züngelnde Zunge nicht fehlen.

Reliefs können aus unterschiedlichen Materialien bestehen. Punktreliefs z. B. entstehen auf Papier. Die Punkte werden hierbei wie bei der Braille-Schrift in das Papier geprägt. Für die meisten Reliefs verarbeitet man Folie aus PVC. Das Material ist gut tast- und haltbar. Die Folie wird auf die zuvor angefertigte Matrize gelegt und mit Hilfe des Vakuumtiefziehverfahrens in ihre entsprechende Form "gezogen".

Es ist zunächst das sinnliche Erlebnis, das jeder Bücherfreund genießt, hält er ein Buch in seinen Händen. Er erfreut sich am Duft des Papiers, fühlt seine Oberfläche, blättert die Seiten.

Erst dann beginnt er die ersten Sätze zu lesen und in die Welt des Buches einzutauchen.

Das Braille-Buch ermöglicht es auch blinden Menschen, dieses bezaubernde sinnliche Erlebnis zu genießen.

Die Kinder des Leipziger Computerkurses "Kids & Bits" konnten dies bei einem Besuch in der DZB nachvollziehen. Sie machten die Frage "Wie entsteht ein Braille-Buch?" zum Thema ihres Internetpraktikums. Das Ergebnis kann unter der Adresse www.dzb.de begutachtet werden.

 


Ein Denkmal auf Briefmarken

Von Franz-Karl Lindner

Dem weltumspannenden Kommunikationsmittel Braille-Schrift und seinem Schöpfer wurden auf Briefmarken in nahezu allen Ländern ein Denkmal gesetzt.

International wurde Louis Braille durch zahlreiche Briefmarken geehrt, die alle das gleiche Porträt zeigen. Schon 1935 verausgabte die Argentinische Post im Rahmen einer Freimarkenserie "Berühmte Persönlichkeiten" auch eine Marke mit seinem Porträt. Frankreich ehrte seinen berühmten Sohn erst im Jahre 1948 mit einer eigenen Zuschlags-Sondermarke. Es folgten fast bildgleiche Sondermarken verausgabt durch Postverwaltungen in nahezu allen Erdteilen: UdSSR 1959, DDR 1975, Argentinien 1976, Uruguay 1976, Peru 1976, Mali 1977, Luxemburg 1977, Saint Lucia 1981, Guyana 1981, Panama 1981, Barbuda 1982, Antigua&Barbuda 1992.

Dass das 6-Punkte-System Louis Braille's alle Schriften dieser Welt, seien es lateinische, kyrillische, arabische, japanische oder chinesische Schriftzeichen, für Blinde lesbar machen kann, wird deutlich, wenn man sich die überaus zahlreichen Briefmarken, Sonder-, Werbe- und Maschinenstempel aus nahezu allen Ländern der Erde anschaut. Erst hierdurch wird einem bewusst, dass die Braille-Schrift in der Tat international, weltumspannend ist. Sie hat sich bis in die letzten Winkel dieser Erde durchgesetzt! Es ist unmöglich, allein die zahlreichen Briefmarkenausgaben einzeln vorzustellen. Auch die Art der Darstellung der Braille-Schrift ist überaus vielfältig. Sehr oft findet man Punktschrift lesende Hände, so z.B. auf Sondermarken aus Ägypten, Belgien, Brasilien, China, Dänemark, El Salvador, Frankreich, Ghana, Indonesien, Jordanien, Korea, Kuwait, Marokko, Portugal, Südafrika, Surinam, Transkei uvam.

Einige Postverwaltungen verausgabten sogar in der Herstellung sehr teure Sondermarken, auf denen die Braille-Schrift nicht nur aufgedruckt sondern für Blinde lesbar eingeprägt wurde. Schon 1974 gab es anlässlich des "5. Weltkongresses des Generalkomitées für Blindenfürsorge" in Brasilien eine große Blockausgabe mit eingeprägter Blindenschrift. Von der gleichen Postverwaltung wurde 1979 ein weiterer Block mit Blindenschrift aus Anlass "150 Jahre Braille-Schrift" herausgegeben. Auf einer Gedenkmarke Venezuelas zum 100. Geburtstag von Helen Keller 1980 finden sich ihre Initialen in Punktschrift. 1983 gab es an den Postschaltern Uruguays eine Weihnachtsmarke zu kaufen mit einem tastbaren Eindruck "Felix Navidad". Anlässlich des 100.Jahrestages der Entwicklung einer japanischen Braille-Schrift durch den Tokioter Blindenlehrer Kuraji Ishikawa am 1.11.1890 verausgabte die Japanische Post eine Sondermarke mit Prägedruck und einen entsprechenden Sonderstempel und Sonderumschlag. Auch die französische Post ließ es sich nicht nehmen, eine Sondermarke mit eingeprägter Blindenschrift herauszugeben. Dies geschah 1989 "Pour le bien des aveugles". Eine Freimarke mit dem höchsten jemals herausgegebenen Nennwert von sage und schreibe 10 Pfund erschien 1993 in Großbritannien. Die Zahl "ten" wurde dabei in Punktschrift eingeprägt.

Die Abbildung von Braille-Schrift findet man auf Sondermarken und Stempeln zu vielen anderen Anlässen in Verbindung mit Blindheit. Gründungsjubliäen von Blindenbildungseinrichtungen können solche Anlässe sein wie z.B. in Mexico-City, Zagreb, Janesville, Rio de Janeiro oder auch Soest!. Aber auch zur Eröffnung des Louis-Braille-Hauses des Österreichischen Blindenverbandes in Wien gab es 1993 einen Sonderstempel auf einem Sonderumschlag. Auch der Internationale Tag des Buches war der Post Ghanas Anlass genug, auf einem Briefmarkenblock auch eine Marke abzubilden, die auf Blindenbücher aufmerksam macht.

Noch auf eine weitere Blockausgabe möchte ich aufmerksam machen, diesmal herausgegeben von der Postverwaltung Dominicas zum Internationalen Jahr der Behinderten. Erst auf den zweiten Blick ist Blindenschrift abgebildet zu erkennen. Die Marke zeigt die Bedienelemente eines Aufzuges. Bei genauem Hinsehen kann man neben den Zahlen der einzelnen Etagen auch die entsprechenden Punktschriftzahlen erkennen.

Abschließen möchte ich die philatelistische Verbeugung vor Louis Braille und seiner Blindenschrift mit einer Blindensendung aus dem China der 40er Jahre. Ein Blinder aus Chinkiang schrieb auf eine Postkarte einen chinesischen Text in Punktschrift, die Braille-Schrift als weltumspannendes Kommunikationsmittel für Blinde!


Mosaik

Fernseh- und Rundfunkprogramme für die Finger

Um das Angebot für blinde Leser erweitern und verbessern zu können und um aufwendige Doppelproduktionen zu vermeiden, wurde zwischen dem Blindenhilfswerk Berlin und der Deutschen Zentralbücherei für Blinde zu Leipzig (DZB) folgende Vereinbarung getroffen:

Ab 01. Januar 2001 bietet ausschließlich das Blindenhilfswerk Berlin Fernsehprogramme in Blindenschrift an. Ausführliche Informationen zu Programminhalten der öffentlich/rechtlichen Hörfunkanstalten erhalten Brailleleser auch weiterhin aus Leipzig von der DZB.

Beide Zeitschriften erscheinen in gedruckter Form in Blindenkurzschrift sowie auf Diskette wahlweise in Voll- oder Kurzschrift; Jahresbezugspreis jeweils 60 DM.

"Braille-TV" erscheint wöchentlich. Bestell- und Abonnentenservice: Blindenhilfswerk Berlin, Rothenburgstr. 15, 12165 Berlin;
Tel.: (0 30) 7 92 50 31.

Die erweiterte und neu gestaltete Wochenzeitschrift Braille-RADIO" der DZB enthält ausführliche Programminformationen.

Bestell- und Abonnentenservice: DZB,
ostfach 1 0 02 45, 04002 Leipzig, Tel.: (03 41) 7 11 31 20.

Notenschrift im Unterricht

Die Blinden-Notenschrift darf als wichtigstes Medium zur Verbreitung von Musik nicht aus dem Schulalltag verschwinden. Jedes blinde Kind, das in der Lage ist, die Braille-Schrift zu lernen, sollte auch die Möglichkeit erhalten, sich Grundlagen in der Blinden-Notenschrift anzueignen. Das ist die wichtigste Forderung, die die Fachgruppe Musik des Deutschen Vereins der Blinden und Sehbehinderten in Studium und Beruf in einer Resolution erhebt. Unter Federführung der Fachgruppe soll bundesweit ein Netz von Ansprechpartnern entstehen, die aktiv mit der Braille-Notenschrift arbeiten.

Geschulte "HBS-Trainer

Der fachgerechten Übertragung und Gestaltung von Texten in Braille-Schrift galt eine Fortbildungsmaßnahme im Berufsbildungswerk Soest. Erstmals wurden nicht nur Anwender in der Nutzung des Punktschriftübersetzungsprogramms "Hagen-Zürich-Eichstädter-Softwaresystems (HBS-SBS-SegBra)" geschult, sondern die Teilnehmerinnen und Teilnehmer haben sich im Rahmen der Fortbildung zu Trainern qualifiziert, die in der Praxis dringend gebraucht werden. Von der Installation der Software bis zur qualitätsgerechten Umsetzung eines Buches haben die Teilnehmer unter Anleitung von Richard Heuer (Fernuniversität Hagen) auch alle "Ecken und Kanten" kennen gelernt, die auf dem Weg zur Blindenkurzschrift zu Hindernissen werden könnten.

Begreifbare Schriftplastik und Initial-Schmuckcollier

Die Künstlerin Edith Maria Krötz hat eine begreifbare dreidimensionale Schriftplastik vorgestellt. Sie besteht aus einer modifizierten Form der Blindenschrift. Die einzelnen Buchstaben werden aus fast quadratischen Würfeln gebildet, die durch eine dünne Stahlkonstruktion an der für den Buchstaben entsprechenden Stelle gehalten werden.

Die bildnerische, grafische Qualität eines Textes wird neu deutlich bei Schriften, deren Semantik wir nicht verstehen können, wie arabische Schriften, bei Codes wie dem Waren-Strichcode oder wenn man sich statt auf das Lesen ganz auf die bildnerisch lebendige, grafische Wirkung einlässt. Die Braille-Schrift, ebenfalls ja ein Schrift-Code, funktioniert in der künstlerisch modifizierten Form, die in einem speziellen Konstruktions- und Satzprogramm auf dem Computer erstellt ist, in ihrem grafischen Erscheinungsbild wie eine normal lesbare Schrift:

Sie gestaltet die Fläche durch die konsequente Anwendung der festgelegten Formen im Sprachbezug.

Durch die plastische Umsetzung wird das "Schriftkunstwerk" zur haptischen Lesbarkeit zurückgeführt. Dadurch ist das doppeldeutige "Begreifen" wieder gegeben.

Die Buchstabenskulpturen von Frau Krötz sind 90 cm hoch und 35 cm breit, wobei die (fast) Würfel, die die Punkte des jeweiligen Buchstabens darstellen, jeweils 12 x 12 x 14 cm groß sind.

In Form und Material fast gleich, fertigt sie Kleinplastiken als Initial-Schmuckcolliers aus schwarzem Holz und Edelstahl. Durch die einerseits für Nichtsehende interessante Herangehensweise an die altbekannte Schrift und die ästhetisch ansprechende Form auch für Sehende, stellen diese Kleinplastiken eine herausfordernde Verbindung von Blinden und Sehenden dar und bringen die Braille-Schrift einem größeren Publikum näher.

Hörbuch mit Begleitbuch in Blindenschrift.

Auguste Rodin - "Kunst ist nichts als Empfindung". Nach Briefen und persönlichen Äußerungen von Auguste Rodin sowie Auszügen

aus dem Buch seines Sekretärs Rainer Maria Rilke, dessen Briefen und anderen Texten entstand dieses Hörbuch von Katja Schönberg auf einer Audio-CD; ca. 60 Minuten (ISBN 3-933663-10-5).

Ein Buchteil mit 30 Seiten enthält zur Ergänzung des Hörerlebnisses Zeichnungen, Bilder, Zitate, Texte und weitere Informationen von und über Auguste Rodin und seine Zeit. Die Texte gibt es auch in Punktschrift.

Als Rilke mit dem Auftrag ein Buch über Auguste Rodin zu schreiben, am 01.09.1902 nach Paris kam, war Rodin bereits 62 Jahre alt und ein weltweit anerkannter Bildhauer. Rilke war voller Bewunderung für den Menschen Rodin und sein Werk und versuchte, ihn und seine Arbeitsweise zu ergründen.

"Die Schönheit ist überall. Nicht sie versagt sich unseren Augen, sondern unsere Augen versagen, sie zu gewahren." (Auguste Rodin)

Die Audio-CD enthält zusätzlich eine Textdatei im ASCII-Format, die alle Texte des Buchteils beinhaltet. Diese Datei kann von jedem geeigneten Programm mit Sprachausgabe oder einer Braillezeile gelesen werden.
Weitere Informationen unter www.tympano.de
Bestellungen über den Buchhandel oder unter Tel.: (0 89) 38 17 09 40.

Rund um die Bundesliga

Die Fußball-Fans können sich auch in der gerade begonnenen Saison wieder in Punktschrift informieren. Eine Sonderausgabe des "Kicker-Sportmagazins" kann in Brailledruck oder als Diskette bezogen werden bei der Deutschen Blindenstudienanstalt in Marburg.
Tel.: (0 64 21) 60 64 17.


Sechs Richtige: Der Hauptgewinn meines Lebens

Von Norbert Müller

Hier sitze ich nun im ICE von Hamburg nach Basel, auf meinem Schoß ein Gerät, in dessen Speicher ich diesen Text schreibe. Nein, kein Laptop oder "reguläres" Notebook - da wären ja die Akkus leer, bevor ich in Kassel ankomme. Es ist ein spezielles Gerät für Blinde, in das ich den Text in Braille-Schrift eingeben und über ein Brailledisplay lesen kann. Ich brauche keinen Kopfhörer, weil ich das Geschriebene nicht höre, sondern mit den Fingern lese. Dadurch entgeht mir nicht, wie die zwei jungen Damen mir gegenüber darüber spekulieren, wie dieses Gerät und unsere Schrift wohl funktioniert. Am besten, ich schalte mich jetzt in die Unterhaltung ein und erkläre es ihnen.

Sechs Punkte, die in zwei senkrechten Reihen zu je 3 Punkten nebeneinander angeordnet und so optimal ertastbar sind, bilden die Grundform. Man stelle sich einen Eierkarton mit 6 Eiern vor. Die Eier (oder Punkte) können wir nun nummerieren. Links oben ist Punkt 1, darunter Punkt 2, darunter Punkt 3. Rechts oben ist Punkt 4, darunter 5 und unten rechts ist Punkt 6. Die Buchstaben der Blindenschrift bestehen nun aus Kombination dieser Punkte: Steht Punkt 1 alleine, haben wir ein "a", Punkt 1 + 2 ergeben ein "b", Punkt 1 + 4 ein "c" ...

Louis Braille entwickelte für seine Schrift auch ein Schreibgerät, mit dem man schreiben kann, indem man die Buchstaben Punkt für Punkt in ein Papier sticht. Man braucht dazu eine Art Schablone, die wir als Tafel bezeichnen.

Inzwischen gibt es auch andere Geräte, mit denen man Punktschrift schreiben oder drucken kann. Bei der Punktschriftmaschine ist jedem Punkt eine Taste zugeordnet. Beim Schreiben eines Buchstabens drückt man einfach die Tasten gleichzeitig, die man zur Erzeugung dieses Zeichens braucht. Mit der Punktschriftmaschine kann man deshalb schneller schreiben als mit der Tafel. Tafeln gibt es in allen Größen (von DIN A4 bis hin zur einzeiligen Tafel, die man zur Beschriftung von Prägeband nutzen kann. Der Vorteil der Tafel gegenüber einem elektronischen Notizgerät besteht darin, dass man Geschriebenes auch ohne das Hilfsmittel lesen kann, mit dem es notiert wurde. Die Tafel ist sozusagen der Kugelschreiber der Blinden. Meine Tafel hat auch Schlitze, durch die man Prägeband in den Breiten 9 und 13 mm führen und dieses dann bedrucken kann. Das schmalere Prägeband passt genau auf den Rücken von CDs. Mit dem breiteren kennzeichne ich Gewürzdöschen, verschiedene Flaschen, Kassetten, Disketten, Ordner u. v. m.

Ich bin dienstlich und ehrenamtlich sehr viel unterwegs und muss oft in großen Hotels übernachten. Nicht alle Hotels haben Zimmernummern, die man ertasten kann. Mit meiner Tafel und Prägeband ist das kein Problem für mich: Ich schreibe mir mein Nummernschild selbst und klebe es - ja, wohin am besten? An der Tür selbst wird es oft von übereifrigem Reinigungspersonal entdeckt und entfernt. - Also klebe ich es auf die Unterseite der Türklinke. Dort ist es leicht zu finden, und kein "Unbefugter" hat es bisher vorzeitig entfernt.

Schrift und Streit

Ob Louis Braille auch schon an derlei Tricks gedacht hat, weiß ich nicht.

Bei seinen Schulkameraden kam seine Schrift gleich sehr gut an: Endlich konnten sie sich gegenseitig (Liebes-)Briefchen schreiben, und keine Lehrer konnten ihnen auf die Schliche kommen. Diese lehnten die neue Schrift nämlich ab, weil sie so wenig Ähnlichkeit mit der der Sehenden hatte. Man versuchte lieber, tastbare Buchstaben der Druckschrift herzustellen, was mühsam zu lesen und noch mühsamer zu schreiben war. Der französische blinde Philosoph Pierre Villey hat deutlich gesagt, worin der logische Fehler solcher Reliefschriften liegt: "Sie sprechen zu den Fingern in der Sprache der Augen." Wie mühsam es gewesen sein muss, diese Erkenntnis und mit ihr die sinnvolle Alternative, die Braille'sche Blindenschrift, durchzusetzen, mögen folgende Fakten beweisen:

Schrift und Emanzipation

Die Entwicklung der Braille-Schrift, mit deren Hilfe blinde Menschen erstmals die Möglichkeit hatten, sich auch schriftlich auszudrücken, war die größte Revolution in der Entwicklung des Blindenwesens. Gab es früher nur vereinzelte blinde Menschen, die ein durchschnittliches oder höheres Bildungsniveau erreichten, so wurde dies plötzlich allen möglich. Wer aber eine umfassende Bildung hat und seine Interessen selbst ausdrücken kann, der sieht nicht mehr ein, warum immer andere über sein eigenes Geschick das Sagen haben sollen. Die Geburtsstunde der Blindenselbsthilfebewegung hatte geschlagen. 1874, als die Braille-Schrift noch nicht ganz 50 Jahre alt war, wurde in Berlin der erste Blindenverein gegründet, und in vielen anderen deutschen Ländern folgte man diesem Beispiel.

Auch außerhalb des eigentlichen Blindenwesens wurde der Nutzen dieser Schrift erkannt. So entstanden in allen Ländern Braille-Schriftdruckereien und -bibliotheken. Da nicht jeder eine solche Bücherei in seiner Nähe hat, können die Bücher per Fernleihe ausgeborgt werden. Voraussetzung dafür, dass dieses System funktioniert ist eine Regelung, die Anfang des 20. Jahrhunderts in Kraft trat und inzwischen weltweit gilt: Braille-Schrift braucht mehr Platz als reguläre Druckschrift. Punktschriftbücher haben häufig das Format 27 x 34 cm und, was ihre Dicke anbetrifft, wäre ein Telefonbuch eher ein dünneres Werk. Die Portokosten, die unsere Verlage und Büchereien, aber auch wir selbst, bezahlen müssten, wären also enorm. Punktschriftsendungen dürfen deshalb bis zu einem Gewicht von 7 kg portofrei verschickt werden. Politiker, für die das Prinzip "sparen" über das Prinzip "Vernunft" geht, haben bereits mit dem Gedanken gespielt, diese Regelung abzuschaffen. Die Folgen kann sich jeder denkende Mensch selbst ausmalen. Einen solchen Rückschritt darf es nie geben.

Schrift fürchtet keine Konkurrenz

Die Braille-Schrift ist für Menschen wie mich, die wir sie täglich in unterschiedlichsten Situationen nutzen, nichts Zweitrangiges. Deshalb kämen wir nie auf die Idee, dass sie durch etwas anderes ersetzt werden könnte. Es gibt aber immer wieder Menschen, die das anders sehen. Als der Phonograph erfunden und zum Tonbandgerät und Kassettenrekorder weiter entwickelt wurde, gab es viele, die behaupteten, das sei jetzt das Ende der Braille-Schrift. Sie sei nun überflüssig. Wie unsinnig eine solche Vorstellung ist, kann jeder leicht selbst testen. Man braucht nur eine Adressenkartei mit 100 Einträgen auf Kassette zu lesen und dann zu versuchen, schnell eine bestimmte Anschrift zu finden.

Außerdem kann man sich Dinge, die man selbst liest, viel besser merken als solche, die man sich vorlesen lässt. Das wird jeder geübte Leser selbst bestätigen können. Im Übrigen: All diese segensreichen Erfindungen stehen auch sehenden Menschen zur Verfügung; wieso kommt keiner auf die Idee, dass solche Geräte das Ende der Schrift überhaupt bedeuten könnten?

Man kommt heute kaum umhin, von Computern zu sprechen, wenn es ums Lesen und Schreiben geht. Auch hier gab es wieder die Unkenrufe über das Ende der Braille-Schrift. Und auch hier hat sich wieder gezeigt, dass das Gegenteil der Fall ist: Die Produktion von Materialien in Braille-Schrift wurde durch die Möglichkeiten, die der PC bietet, wesentlich erleichtert. Dem Punktschriftleser steht jetzt ein größeres Informationsangebot in seiner Schrift zur Verfügung als je zuvor. Punktschriftdrucker sind inzwischen so erschwinglich geworden, dass sich auch Privatpersonen ein solches Gerät leisten können. Aber auch wer keinen Punktschriftdrucker besitzt, und das sind noch immer die meisten von uns, braucht am Computer nicht auf Braille-Schrift zu verzichten: Es gibt Brailledisplays (auch als Braillezeile bezeichnet), bei denen auf Piezzo-elektronischem Weg Stifte entsprechend den Buchstaben der Braille-Schrift hochgedrückt werden. Der Bildschirm kann dadurch zeilenweise ausgelesen werden. Solche Geräte sind leider noch sehr teuer: Eine 40-stellige Zeile kostet um die 10.000 DM. Gerade wenn es darum geht, Texte zu lesen, die tabellarisch angeordnet sind (z. B. Rechnungen, Kontoauszüge udgl.), hilft eine reine Computersprachausgabe, die alles flüssig am Stück vorliest, kaum weiter. Wenn endlich eine Technik gefunden wird, die die Herstellung preiswerter Braillezeilen ermöglicht, kann man statt einer Zeile vielleicht eine ganze "Braille-Seite" an den Computer anschließen. Welch herrliche Zeiten kommen dann erst auf uns zu!

Sparsam mit Punkten umgehen

Eine 6-Punkte-Zelle, wie wir sie in der Braille-Schrift haben, ermöglicht 63 Punktekombinationen. Louis Braille musste also sparsam mit seinen Punkten umgehen. Das hat er unter anderem dadurch erreicht, dass er darauf verzichtet hat, eigene Zeichen für Großbuchstaben zu definieren. Wir praktizieren also in der Blindenschrift seit weit über 100 Jahren die absolute Kleinschreibung und haben keine Probleme damit. Natürlich können wir die Großschreibung darstellen: Wir verwenden Hilfszeichen, die z. B. besagen, dass der nächste Buchstabe im Originaltext groß geschrieben wurde. Ähnlich verhält es sich mit Zahlen. Für die Zahlen 1 - 0 verwenden wir die Buchstaben "a" bis "j". Vor die erste Ziffer setzen wir das sogenannte "Zahlenzeichen", das uns anzeigt, dass jetzt nicht eine Buchstaben- sondern eine Zahlenfolge kommt.

Sechs Punkte bleiben das Richtige

Als nun der PC Einzug in unser Leben hielt, standen wir plötzlich vor der Notwendigkeit, für eine 80-stellige Bildschirmzeile nur eine 80-stellige Braillezeile zur Verfügung zu haben. Hinzu kam, dass es Zeichen gab, an die Louis Braille nicht einmal im Traum gedacht hat, z. B. der Backslash oder der Klammeraffe. Man musste sich also etwas einfallen lassen, und das war der 8-Punkte-Computer-Code. Eine 8-Punkte-Schrift hatte es schon vorher gegeben: Sie sollte es blinden Stenotypisten ermöglichen, noch schneller bei Debatten mitzuschreiben, als sie dies mit der Stenografieschrift ohnehin konnten.

Beiden 8-Punkte-Systemen sind 2 Dinge gemeinsam: Sie bauen auf der Braille-Schrift auf, wobei die zusätzlichen Punkte unter Punkt 3 und 6 gesetzt wurden. Und sie sind eine Hilfsschrift. Leider gibt es inzwischen Blindenlehrer/innen, die aus der Not eine Tugend machen wollen, indem sie diese Hilfsschrift zu dem Schriftsystem machen, das sie blinden Kindern als Erstes beibringen wollen. Es ist ja so praktisch, wenn blinde Kinder dann die gleichen Lehrbücher benutzen können wie sehende Erstklässler. Wir von der Blindenselbsthilfe sehen das ganz anders: So wie es unsinnig war, den Fingern der blinden Menschen eine Schrift aufzuzwingen, die "die Sprache der Augen" spricht, ist es auch verhängnisvoll, blinde Schüler mit Lehrbüchern zu unterrichten, die für die Bedürfnisse der Augen und nicht für die der tastenden Finger entwickelt wurden. Die Schrift, die ein Mensch als erste und wichtigste lernt, muss die sein, die in der Literatur vorkommt, und nicht die, die wir auf dem Computerdisplay lesen.

Inzwischen besteht die Notwendigkeit der 1 : 1 Darstellung der Bildschirmzeile nicht mehr. Auf Initiative des Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbandes e. V. (DBSV) läuft ein Forschungsprojekt an, als dessen Ergebnis es möglich sein wird, auf einer Braillezeile alle erforderlichen Zeichen im altbewährten 6-Punkte-System darzustellen.

Schrift und noch mehr

Vieles hätte ich den Damen im Zug noch erzählen können: Von der Blinden-Notenschrift, die ebenfalls von Louis Braille entwickelt und inzwischen gemäß seiner Grundlage aktualisiert wurde, von der Kurzschrift, bei der Silben und ganze Wörter gekürzt werden, und die in vielen Ländern, darunter auch die deutschsprachigen, die gebräuchliche Schriftform ist; von Speisekarten in Punktschrift, die immer häufiger zu finden sind; von den Zeitschriften in Punktschrift, die ich im Zug lese, von der Braille-Schrift auf den Eintrittskarten zur EXPO 2000 u. v. m. Aber sie wollten ja auch noch andere Dinge wissen: Was ich beruflich mache, und wie ich die verschiedenen Verrichtungen des Alltags, die sie sich nicht ohne Sehvermögen vorstellen können, erledige. Und natürlich redet man nicht nur über die Blindheit.

Eines steht jedenfalls fest: Ohne Braille-Schrift hätte ich nicht die Qualifikation erworben, die ich als pädagogischer Leiter des Deutschen Blindenbildungswerkes brauche - ja ohne die Möglichkeit, die eine eigene Schrift blinden Menschen bietet, gäbe es wahrscheinlich kein Blindenbildungswerk; ohne lesen zu können, hätte ich es nicht geschafft, Fremdsprachen zu erlernen und wäre wohl kaum Generalsekretär der Europäischen Blindenunion geworden, die es wohl auch nicht gäbe, wenn blinde Menschen sich nie selbständig in schriftlicher Form hätten ausdrücken können.

Ein Sechser im Lotto verändert sicher das Leben des Glücklichen, der den Treffer gelandet hat. Die Sechs Richtigen, die uns Louis Braille beschert hat, ermöglichen uns aber überhaupt erst ein Leben in Würde und Selbstbestimmung, und die Chancen, mit diesem Sechser den Hauptgewinn zu erzielen, liegen nicht bei 1 : 14 Millionen. Fast jeder blinde Mensch - auch derjenige, der erst im Alter erblindet, kann sie noch erlernen.

Louis Braille war ein Genie! Und auf dieses Genie werde ich jetzt, da ich nicht mehr im Zug sitze, ein Gläschen trinken. Natürlich aus einer Flasche mit Braille-Schrift-Etikett!


Sport:

Paralympics Sydney 2000

Kurz nach den diesjährigen Olympischen Spielen wird die australische Stadt Sydney erneut im Mittelpunkt des Interesses Sportbegeisterter aus aller Welt stehen: Vom 18. bis zum 29. Oktober finden hier die "Paralympic Games 2000" statt, die weltweit größte Veranstaltung des Behindertensportes. 4000 Athleten aus 125 Ländern werden sich an den Wettkämpfen in 18 Sportarten beteiligen.

Der Deutsche Behinderten-Sportverband erhofft sich einen ähnlichen Erfolg wie 1996 in Atlanta. Mit 149 Medaillen erreichte das deutsche Team damals den 2. Platz in der Medaillenwertung. Die Chancen für eine Neuauflage des Erfolges stehen gut: Mit 252 Sportlern ist die Mannschaft für Sydney die größte, die das Nationale Paralympische Komitee je zu Paralympischen Spielen entsandt hat. Übrigens: 30 Blinde und Sehbehinderte werden in der Leichtathletik, beim Schwimmen und beim Radsport sowie beim Goalballturnier und in den Sportarten Judo, Segeln und Tischtennis antreten.

ARD und ZDF sind dabei.

Das öffentliche Interesse ist seit den ersten Weltspielen der Behinderten 1960 in Rom enorm gewachsen. Die australischen Organisatoren erwarten 2000 Medienrepräsentanten. Täglich werden ARD und ZDF abwechselnd vom Geschehen informieren. Die Eröffnungsfeier wird am 18.10, live von 10.03 bis 13 Uhr im ZDF übertragen. Die täglichen Sendetermine: ARD jeweils ab 14.03 Uhr, ZDF jeweils ab 14.15 Uhr (abwechselnd); Ausnahme: 28.10., ZDF, 15.00 Uhr.
Am letzten Tag der Spiele, dem 29. 10, sendet die ARD ab 14 Uhr ein Special zur Schlussfeier und das ZDF ab 16.15 Uhr ein Paralympics-Feature.

Skat
VI. Skatturnier in Wernigerode

Vom 27. bis 29.10. findet im Blindenerholungsheim Wernigerode, Am Großen Bleek 46, 38855 Wernigerode das VI. Skatturnier um den Rathauspokal des Oberbürgermeisters von Wernigerode statt.

Teilnahmeberechtigt sind alle blinden und sehbehinderten Skatspieler aus den Landesverbänden des DBSV. Anmeldungen bitte bis zum 15.10.2000 bei Frau Peter im Blindenerholungsheim; Tel./Fax: (0 39 43) 63 28 18.

Tandemfahren

Nur ein gewöhnlicher Fahrradausflug ?

Irgendwann, vor einigen Wochen hatten wir die Idee, eine gemeinsame Tandemfahrt zu unternehmen. Allerdings war es ein relativ langer Weg von der Idee bis zur Realisierung. Zuerst einmal war die Frage zu klären, wer denn die Piloten stellen kann und wer außerdem dazu bereit sein könnte. Bei den Esslinger "Lionisten" erhielten wir die entsprechende positive Resonanz, denn es fanden sich dort sieben Fahrerinnen und Fahrer, die dieses Abenteuer mit uns eingehen wollten. Darüber hinaus wurde uns zugesagt, eine moderate Fahrstrecke auszuwählen und, was ganz wichtig war, auch für das leibliche Wohl zu sorgen.

Woher können wir sieben Tandems erhalten? Auch diese Frage war relativ schnell "abgebacken", denn die Nikolauspflege war bereit, ihre Tandems an dem besagten Wochenende zur Verfügung zu stellen.

Jetzt fehlten nur noch diejenigen, die mitfahren wollten. Ein Anruf bei Frau Eckert-Lenz bei der Blindengemeinschaft Esslingen schaffte Klarheit, dass genügend Teilnehmer mitfahren wollten.

Jetzt galt es nur noch, einen Beschluss über gutes Wetter für jenen Sonntag, den 21.5.2000, herbeizuführen. Dieser Beschluss wurde von allen Organisatoren einstimmig gefasst, wobei wir insgeheim durchaus noch einen Alternativplan in der Tasche hatten.

Los ging's am Morgen, nachdem die Sättel auf die richtige Höhe eingestellt und eine kleine Probefahrt durchgeführt war, denn fast alle Piloten hatten keine Erfahrung im Tandem fahren. Ach ja, beinahe hätte der Schreiber vergessen, dass er selbst als 8. Pilot, zusammen mit Hans Martin Schrempf gefahren ist. Ziel war einer der Baggerseen bei Wernau am Neckar. Aber weit gefehlt, denn dort angekommen, durften wir nach kurzer Rast, so quasi bis die Würste fertig gebraten waren, noch eine kleine Runde von etwa 30 Kilometern drehen.

Das anschließende Picknick war großartig, denn die fleißigen Helferinnen und Helfer hatten alles vorbereitet. So gestärkt konnten wir die letzte Etappe, nämlich die Heimfahrt in Angriff nehmen. Glücklich und etwas abgekämpft kamen wir wieder an unserem Ausgangspunkt an und waren uns alle einig, dass dies ein großartiger Tag war und dass wir eine solche Fahrt vielleicht im Herbst wiederholen sollten.
Hans Mildenberger

9. Platz im Tandemfeld für touch-Team

Bei den HEW-Cyclassics vom 06.08.2000 haben die Teams von touch, der Werkstatt für integrative Blindenhilfsmittel die Plätze 9, 11, 14 und 18 belegt. Nur die ersten 18 Plätze kamen überhaupt in die Wertung. Die Konkurrenz im Tandemfeld war sehend - bei den touch-Teams waren die Co-Piloten blind.

"Das Gefühl, mit jemandem zu fahren, der blind ist, war schon etwas ganz besonderes!" André Güttler-Jansen (Tischler-Meister bei touch und Tandem-Pilot):

"Integration ist unser Ziel! Auch Ex- Drogenabhängige und Blinde können im Sport etwas leisten. Wir sind enorm stolz auf unsere Teams", sagt Martin Beyer (Leiter und Dipl. Designer von touch).


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