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Weltdiabetestag am 14. November
Liebe Leserinnen, liebe Leser,
in dieser Ausgabe finden Sie ein Interview mit der Augenärztin Dr. Norma Nenning. In dem Gespräch werden Zahlen genannt, die mir vorher nicht so bewusst waren: 5 Millionen Diabetiker in Deutschland; 3.000 Erblindungen jährlich durch Diabetesfolgen.
Der Weltdiabetestag, der alljährlich am 14. November in rund 140 Ländern begangen wird, hat in diesem Jahr den Schwerpunkt Auge, genauer gesagt die Retinopathia diabetica, also die Schädigung der Netzhaut durch die Folgen eines Diabetes.
Durch Früherkennung, effektive Behandlung sowie angepasste Ernährung und Lebensführung können Erblindungen vermieden oder verzögert werden. Der Weltdiabetestag will das Bewusstsein für diese Problematik schärfen.
Der 14. November wurde in Erinnerung an den Geburtstag von Frederick Banting gewählt, der zusammen mit Charles Best, als erster die Ideen entwickelte, die 1921 zur Entdeckung des Insulins führten.
Leider gehen längst nicht alle Diabetiker regelmäßig zum Augenarzt, wie mir Frau Dr. Nenning im Interview bestätigte. Erinnern wir Betroffene daran, damit ihr Augenlicht möglichst lange erhalten bleibt.
Ihr Dr. Thomas Nicolai
Hinweis:
Redaktionsschluss. Damit die Januar-Ausgabe der „Gegenwart“ pünktlich bei den Lesern sein kann, ist der Redaktionsschluss für die Ausgabe 1/2003 bereits der 20. November 2002. Dieser Termin gilt auch als Anzeigenannahmeschluss für die Januar-Gegenwart. Im kommenden Jahr bleibt es dabei, dass der Redaktionsschluss jeweils der 01. des Vormonats ist.
Ideen, Grundsätze, Aufträge
In den vier Arbeitsgruppen des DBSV-Verbandstages wurden Erkenntnisse und Ideen gebündelt, die es nun weiter zu diskutieren und umzusetzen gilt. Insbesondere die DBSV-Strategiekommission wird aus dem Fundus an Vorschlägen und Forderungen Schlussfolgerungen für die weitere Arbeit des DBSV ableiten, die Präsidium und Verwaltungsrat helfen sollen, zukunftsweisende Entscheidungen treffen zu können. Aus den Berichten der Arbeitsgruppen an den Verbandstag veröffentlichen wir nachstehend auszugsweise einige Fakten:
Eigenständigkeit und Vernetzung von Verbänden
Berichterstatter Hans-Werner Lange
Gegenseitige Information und Zusammenarbeit, das ist das, was Vernetzung in unserem Bereich ausmacht. Wie eng soll denn das Netz sein, das wir gemeinsam bilden wollen? Da müssen wir unterscheiden: Einmal die Vernetzung unter den traditionellen Mitgliedern des DBSV. Da war sehr schnell klar, dass wir nicht nur eine Vernetzung im Bereich der Information haben möchten, sondern wir wollen auch eine Vernetzung in der Zusammenarbeit haben. Es ist viel darüber gesprochen worden, dass das Niveau der Blinden- und Sehbehindertenselbsthilfe auch nach der Familiensinn-Diskussion nicht zusammenführt, sondern dass wir eher die Gefahr sehen, dass es auseinander driftet. Die noch engere Vernetzung könnte dazu führen, dass wir einen Niveauausgleich stattfinden lassen können.
Bezüglich der korporativen Mitglieder sieht man das Netz nicht so eng geknüpft. Man möchte unter dem Dach des DBSV wirken. Man möchte Informationsaustausch, in bestimmten Berührungspunkten Zusammenarbeit, aber man möchte auch einen Freiraum innerhalb des Gebäudes Blindenselbsthilfe behalten...
Was brauchen wir für Instrumente, um die gewollte Vernetzung umzusetzen? Hier haben wir ein Schlagwort geprägt, das wir in der Arbeit des DBSV gern sehen wollen: Strategiegespräche...
Vernetzung heißt letztlich die Absicht, Ziele gemeinsam mit anderen durchsetzen zu wollen. Wir müssen uns einfach mehr Gedanken machen über unsere Ziele und über die Strategie, wie wir diese gemeinsam mit anderen umsetzen wollen...
Die Helfer, die Mitarbeiter, die für den DBSV im jeweiligen Netzwerk tätig sein sollen, brauchen Entscheidungskompetenz. Diese kann der DBSV aber nur dann letztlich vergeben, wenn die Mitarbeiter in die Lage versetzt werden, adäquat für den DBSV zu sprechen und nachhaltig eine Diskussion, sagen wir zu sozialpolitischen Themen, zu beeinflussen oder wenigstens zu begleiten. Vergabe von Entscheidungskompetenz in engem Zusammenhang mit der Schulung dieser Mitarbeiter...
Netzwerk macht nur dann Sinn, wenn wir schnell kommunizieren. Wenn wir wahrgenommen werden wollen, müssen wir schnell und zeitnah agieren. Dazu ist es notwendig, dass wir überall technisch die gleichen Voraussetzungen vorfinden. Wir brauchen gleiche Standards. Der DBSV muss dafür die Plattform bieten, dass wir uns technisch gemeinsam weiterentwickeln und möglichst auch gemeinsam auf dem neuesten Stand sind...
Sich vernetzen wollen heißt auch, ständig nach neuen Partnern Ausschau zu halten. Neue Partner schon deswegen, weil wir nicht immer mit den gleichen Fragestellungen zu tun haben, schon gar nicht sozialpolitisch... Von der Frühförderung bis zur Seniorenarbeit, von ambulanten Diensten bis zu stationären Einrichtungen, das sind Aufgabenbereiche, die, wenn es Sorgen, wenn es Nöte, wenn es Probleme gibt, zur Folge haben, dass wir vielfältige Verbündete brauchen...
Wir sind uns einig darüber, dass der DBSV die Kontakte zur BAGH noch mehr intensivieren müsste, dass der DBSV über die BAGH zwar vertreten ist im Deutschen Behindertenrat, aber letztlich auch die Chance gehabt hätte, selbst Mitglied zu werden. Und das ist ein bisschen symptomatisch: Wir haben eine Chance verpasst, weil wir wieder einmal zu spät dran waren. Hier müssen wir künftig mehr aufpassen, um den Anschluss letztlich nicht zu verlieren...
Von Seiten der Diskussionsrunde kamen schon Bedenken auf, zumindest müssten wir aufpassen, wenn wir mit den großen Organisationen zusammen arbeiten, damit unser eigenes Profil dabei nicht auf der Strecke bleibt. Ich teile diese Befürchtung nicht. Wir haben aus unserer Tradition heraus letztlich viel zu bieten...
Neue Kontakte müssen aufgebaut werden. Die Arbeitswelt macht uns Sorgen. Die Gewerkschaften sind nach meiner Auffassung geeignete Verbündete, um für blinde Menschen auf Dauer Arbeitsmarktpositionen zu sichern.
Insbesondere im lokalen Bereich ist von Bedeutung, dass blinde Menschen sich noch mehr als bisher in Behindertenbeiräten organisieren sollten. Denn das ist ein wichtiges Forum für die lokale Arbeit. Und da fallen halt in vielen Fragen die Entscheidungen, die letztlich die Umwelt für behinderte Menschen gestalten. Da müssen wir dran bleiben, da müssen wir aktiv sein...
Wir möchten den DBSV auch auffordern, im Rahmen seiner finanziellen Möglichkeiten alles zu tun, die europäischen Netzstrukturen zu unterstützen und zu fördern...
Wenn ich Verbündete nach außen suche, dann muss ich das Vertrauen aufbauen, das notwendig ist, damit man zum entsprechenden Zeitpunkt eng und vertrauensvoll zusammen arbeitet. Die Verantwortlichen beim DBSV, aber auch bei den Landesverbänden, sind angehalten, diese Gesprächsplattformen zu suchen und letztlich zu finden. Wir können wohl kaum erwarten, wenn wir uns verstecken, dass andere zu gegebener Zeit dann für uns da sein würden...
Bild: Hans Werner Lange
Rehabilitation zur Bewältigung des Alltags
Berichterstatter: Dr. Alfred Preuße
Zunächst bekräftigte Dr. Preuße, dass wir auf allen Ebenen einen langen Atem brauchen, wenn es darum geht, das SGB IX mit Leben zu erfüllen und die Servicestellen zu den Einrichtungen zu machen, die sie sein sollten.
„Wir waren uns weiter darüber einig, dass die Rehabilitation in ihrer Ganzheit auf zwei Säulen stehen wird und stehen muss: einmal müssen die Möglichkeiten genutzt werden, die uns durch das SGB IX gegeben werden, die zweite Säule besteht in der Ausgestaltung, der Weiterführung, auch der Intensivierung der traditionellen ER- bzw. RBA-Arbeit. Es wäre fatal, wenn wir in den Untergliederungen eine Situation hätten, dass die Rehabilitation neuerblindeter Menschen vor Ort irgendwie Schaden leiden würde, weil es mit dem SGB IX an manchen Stellen nicht so richtig weiter geht...
Es ist wichtig, dass wir Modelle ausarbeiten und den Landesvereinen, den Untergliederungen sowie den Korporativen Mitgliedern zur Verfügung stellen, die es uns ermöglichen, mit den Krankenkassen ganz konkret arbeiten zu können, weil alles was mit dem Paragrafen 26 zusammenhängt (Mittel zur medizinischen Rehabilitation), muss erkämpft werden. All diejenigen unter uns, die wie ich anfangs auch die Illusion hatten, dass die Krankenkassen mit offenen Armen empfangen und sagen: Endlich haben wir Rechtssicherheit` und jetzt können wir das machen, erweist sich als nicht real. Was wir auf diesem Gebiet erreichen wollen, muss auf professionelle Weise erkämpft werden – über Modellversuche...
Folgen der Erblindung zu bewältigen im Sinne von Krankheitsbewältigung, das ist ja auch eine Gedankenkette, die in diesem Sinne tatsächlich neu ist. Hier müssen Modellierungen erfolgen. Das macht die weitere Arbeit der Projektgruppe erforderlich, das macht die weitere Tätigkeit des Arbeitskreises Rehabilitation zur Bewältigung des Alltags erforderlich...
Daraus ergeben sich Anforderungen an die Ausbildungseinrichtungen und an den Berufsverband der RehabilitationslehrerInnen; selbstverständlich in diesem Prozess unsere wichtigsten Verbündeten...
Wir brauchen auf allen Ebenen dieser Arbeit Verbündete. Die wichtigsten scheinen dabei die Augenärzte zu sein. Wenn etwas, das nach SGB IX möglich ist, verschrieben werden muss, wenn Ausgangspunkt der medizinische Befund ist, dann müssen wir bei den Augenärzten Verbündete suchen, die bereit sind, das in ihre Sprache zu übersetzen. Wir brauchen den medizinischen Begriffsapparat, wenn wir mit den Krankenkassen unter einen Hut kommen wollen...
Die Rehabilitation zur Bewältigung des Alltags ist ein Problemfeld, das ganz besonders auch für die älteren blinden und sehbehinderten Menschen zutrifft, die in Einrichtungen wohnen, in Senioren- oder in Pflegeheimen. Es kann einem schon weh tun, wie wenig die Bedürfnisse blinder und sehbehinderter Menschen in solchen Einrichtungen in der Regel berücksichtigt werden und wie groß andererseits der Aufwand ist, der betrieben werden muss, um dort etwas zu ändern. Wir haben manchmal sogar in den eigenen Einrichtungen Schwierigkeiten, das im Blick zu behalten, aber wir sind verpflichtet, uns dieser Problematik zu stellen...
Bild: Dr. Alfred Preuße
Der DBSV in Europa – Unsere Ziele, unser Beitrag
Berichterstatter Wolfgang Angermann
Der Amsterdamer Vertrag bietet Blinden- und Sehbehindertenselbsthilfeorganisationen die Chance, bei der Gestaltung der sozialen Dimension der Europäischen Union maßgeblich mitzuwirken. Mitwirkung heißt in diesem Zusammenhang zunächst und vor allem:
Beteiligung an der Arbeit der Europäischen Blindenunion. Deren Ziel ist die Erreichung von Beschlüssen und Richtlinien, die deutliche Verbesserungen für den Alltag Blinder und Sehbehinderter bringen. Ansprechpartner sind in diesem Zusammenhang insbesondere das EU-Parlament, der Ministerrat, der Europarat, die Europäische Kommission und innerhalb dieser Gremien die interfraktionelle, parteiübergreifende Gruppe des Europaparlaments, die sich speziellen Fragen der Behindertenpolitik widmet, als Lobbyträger insbesondere das E
Europäische Behindertenforum...
Stärkerer Handlungsbedarf wird auf folgenden Gebieten gesehen:
- Die Rechte behinderter Fluggäste werden zur Zeit in einem von der Europäischen Kommission vorgelegten Richtlinienentwurf neu geregelt. Die Arbeitsgruppe begrüßt und unterstützt diese Bestrebungen sowie ein in diesem Zusammenhang vom Europäischen Behindertenforum und von der EBU erarbeitetes Papier, das die Bedürfnisse blinder und sehbehinderter Fluggäste auflistet.
- Erfolge wurden auch bei der europäischen Urheberrechtslinie erzielt. So haben die nationalen Staaten die Möglichkeit (wir hätten es lieber als Pflicht gesehen) Ausnahmeregelungen zu Gunsten Blinder zu treffen. Die Inhaber von Urheberrechten sind darüber hinaus verpflichtet, technische Blockierungen, mit denen sie ihre Werke versehen, zu beseitigen, um sie Blinden und Sehbehinderten zugänglich zu machen. Dies ist auf europäischer Ebene schon festgeschrieben. Diese Erfolge gilt es jetzt durch Lobbyarbeit auf nationaler Ebene zu ergänzen bzw. abzusichern. Der DBSV wird deshalb aufgefordert, sich beim Bundesministerium der Justiz nachhaltig für das sofortige Wiederaufgreifen des diesbezüglichen Referentenentwurfs einzusetzen.
- Zu intensivieren sind auch die Bemühungen der EU-weiten Anerkennung der Behindertenausweise, um die Mobilität Blinder und Sehbehinderter zu verbessern...
- An den DBSV geht der Appell, den Informationsaustausch zu intensivieren und mehr Informationen über die Situation Blinder und Sehbehinderter in anderen europäischen Ländern zu vermitteln, z.B. über Nachteilsausgleiche und über Hotels und Erholungseinrichtungen.
- Die DBSV-Landesvereine sind zu internationalen Begegnungen in den AURA-Hotels zu ermutigen, bei denen Seminarthemen mit Freizeit- und Erholungsaktivitäten kombiniert werden könnten...
- An den DBSV ergeht der Appell, den Austausch von Berufstätigen und Anwärtern auf europäischer Ebene zu fördern und sich bei Bildungseinrichtungen dafür einzusetzen, dass Blinden und Sehbehinderten der Erwerb von Fremdsprachenkenntnissen erleichtert wird...
- Schließlich sollte der DBSV das Europäische Jahr der Menschen mit Behinderungen 2003 nutzen, um seine Aktivitäten darzustellen.
Bild: Wolfgang Angermann
Erziehung und Bildung nicht ohne uns
Berichterstatterin: Renate Reymann
Die Arbeitsgruppe war darin einig, dass für alle Bundesländer ein einheitlicher Qualitätsstandard gefordert werden muss, dass die Lernzielgleichheit eine Grundvoraussetzung für blinde und sehbehinderte Schüler ist. Die Arbeitsgruppe empfiehlt dem DBSV, gemeinsam mit dem VBS Qualitätsstandards für die integrative Beschulung und für Spezialschulen zu erarbeiten...
Diskutiert wurde ein Resolutionsentwurf, Blindenbildungseinrichtungen auch für Sehende zu öffnen. Hier kam die Arbeitsgruppe zu dem Ergebnis, dass sich zunächst Präsidium und Verwaltungsrat mit diesem Thema noch einmal gründlich befassen sollten, da der Meinungsbildungsprozess hierzu noch Zeit braucht.
Ferner wird empfohlen, den „Elternbriefkasten“ in der „Gegenwart“ wieder zu beleben und in den Landesvereinen verstärkt Elternseminare anzubieten.
Zum Punktschriftstreit:
In der Arbeitsgruppe bestand volle Übereinstimmung, einschließlich der anwesenden Lehrer und der Vertreter des VBS, dass die 6-Punkt-Schrift auf jeden Fall die Basis ist, und dass Spezialschriften, dazu gehören u. a. auch Noten-, Mathematik- und Chemieschrift, unbedingt auch immer dann mit gelehrt werden müssen, wenn die Schüler so weit sind und wenn sie die Schriften benötigen...
Bild: Renate Reymann
Tandem weiterhin auf der Schiene
Vor einigen Wochen war bekannt geworden, dass die Deutsche Bahn beabsichtige, künftig Tandems nur noch in besonderen Zügen zu befördern. Eine solche Regelung fand sich in einem uns vorliegenden Entwurf der Allgemeinen Geschäftsbedingungen. In Ziffer 8.2. heißt es hierzu: „Jeder Reisende darf nur ein Fahrrad mitnehmen. Die Mitnahme ist auf zweirädrige, einsitzige Fahrräder, zusammengeklappte Fahrradanhänger und Fahrräder mit Elektro-Hilfsmotor beschränkt. In besonderen Zügen können, sofern ausreichend Platz vorhanden ist, auch Liegeräder, Tandems und Dreiräder mitgenommen werden.“
Am 23.09. kündigte der DBSV energischen Protest für den Fall an, dass eine solche Regelung tatsächlich Eingang in gültige Bestimmungen finden sollte. Im DBSV-Schreiben heißt es u. a.:
„...Bei den `besonderen Zügen’ handelt es sich nach unseren Informationen um die in einigen wenigen Regionen Süddeutschlands ausschließlich an Sonntagen verkehrenden Schienenfahrzeuge. Weshalb derart gravierende Einschränkungen eines seit Jahrzehnten erfolgreich praktizierten Angebots der uneingeschränkten Mitnahme von Tandems vorgenommen werden sollen entzieht sich unserer Kenntnis.
Sollte die oben zitierte Regelung tatsächlich Eingang in die endgültige Fassung der neuen AGB der DB AG finden, würden die zahlreichen blinden und sehbehinderten Tandem-Nutzer einen enormen Mobilitätsverlust erleiden und im Vergleich zu den sehenden Fahrradfahrern diskriminiert, was wir auch vor dem Hintergrund der aktuellen Gesetzgebung zur Gleichstellung behinderter Menschen keinesfalls hinnehmen könnten. Schließlich ist das Tandem für die von uns vertretenen Personengruppen nicht nur als bloßes Fortbewegungsmittel anzusehen, sondern durch die Kombination von sehendem Fahrer und blindem Beifahrer ein wichtiges Hilfsmittel zur gesellschaftlichen Integration und Teilhabe Blinder und Sehbehinderter...“
Im Antwortschreiben der Deutschen Bahn vom 30.09. wird davon gesprochen, dass es sich offenbar um ein Missverständnis handelt. „...dass bei einer Vereinfachung und Entrümpelung komplizierter Tariftexte Missverständnisse nicht vollkommen ausgeschlossen werden können. Ich kann Ihnen versichern, dass wir keine Einschränkungen bei der Tandem-Mitnahme beabsichtigen. Im Fernverkehr werden wir sie wie bisher handhaben... Künftig wird übrigens kein Unterschied mehr gemacht zwischen verschiedenen Arten von Rädern, sodass für ein Tandem nicht mehr der Kauf einer doppelten Fahrradkarte erforderlich ist. In den Hochgeschwindigkeitszügen (ICE-Verkehr) ist die Fahrradbeförderung –wie bereits heute auch schon – leider nicht möglich...“
Weiter wird darauf verwiesen, dass im Nahverkehr bei der Fahrradmitnahme regionale Unterschiede bestehen. Hier sei die Bahn nur Leistungsersteller: „...Sie sollten – soweit Nahverkehrsleistungen betroffen sind – die Notwendigkeit der Tandem-Mitnahme auch gegenüber den Organisationen verdeutlichen, die in den jeweiligen Bundesländern für die Bestellung von SPNV-Leistungen zuständig sind...“
Bild: Tandem
Der Jahresbezugspreis für die „Gegenwart“ (alle Versionen, auch die DAISY-Ausgabe auf CD ROM, beträgt im Jahre 2003 35 Euro. Mit dieser leichten Anhebung des Abo-Preises musste der DBSV den gestiegenen Herstellungskosten Rechnung tragen. Abonnenten unter 21 Jahren zahlen auch künftig den halben Preis. Patenschaftsabos für Behörden oder Einrichtungen kosten weiterhin 15 Euro.
Seminarangebot des DBBW
22. bis 25.03.2003 Effektives Lesen für Braille-Schriftleser, Saulgrub.
Nähere Informationen bei DBBW, Hauptstr. 40, 79576 Weil am Rhein; Tel.: (0 76 21) 79 92 30, E-Mail: infi@dbbw.de.
Hilfsmittelausstellungen
Am 09.11. in der Zeit von 10.00 bis 18.00 Uhr führt der BSV Hamburg e. V. seine Hilfsmittelausstellung mit Verkauf, Trends und Technik für zu Hause, durch. Nähere Informationen unter Tel.: (0 40) 20 94 04 11.
Am 20. (11.00 bis 19.00 Uhr) und 21.11. (09.00 bis 16.00 Uhr) veranstaltet der Allgemeine Blinden- und Sehbehindertenverein Berlin gegr. 1874 e. V. in seinen Räumen die Ausstellung "Elektronische Hilfsmittel für Blinde und Sehbehinderte". Nähere Informationen unter Tel.: (0 30) 8 95 88-0.
Fachgruppe für Büroberufe des BSV Westfalen e. V.
Vom 31.03. bis 04.04.2003 veranstaltet die Fachgruppe für Büroberufe des Blinden- und Sehbehindertenvereins Westfalen in Zusammenarbeit mit der vereinigten Dienstleistungsgewerkschaft, Landesbezirk Düsseldorf, ein Seminar für Blinde, Sehbehinderte und interessierte sehende Mitglieder von Ver.Di. In diesem Zusammenhang suchen wir Kolleginnen und Kollegen, die "Arbeit von Zuhause" leisten und uns von ihren positiven oder negativen Erfahrungen im Seminar berichten können. Bitte melden bei: Willi Kürpick, Dollersweg 36, 44319 Dortmund, Tel.: (02 31) 90 64-2 94 d. oder priv. unter (02 31) 21 41 45 , E-Mail: muw.kuerpick@t-online.de.
Vortrag über Leben und Werk des Hieronymus Lorm
Der Dichter und Philosoph Hieronymus Lorm starb vor 100 Jahren am 03. Dezember. Selbst Spezialisten wissen heute wenig mehr von ihm , als dass er taub und blind war und einige schöne Gedichte schrieb. Jedoch für die mehr als 3000 Taubblinden
und ihre Freunde in der Bundesrepublik wird er als derjenige weiterleben, der, zusammen mit seiner Tochter, ihnen die Zeichensprache - das Lormen - schuf.
Dr. Hartmut Mehls stellt im Rahmen der Vortragsreihe des Museums für Blindenwesen Hieronymus Lorm als Mensch, Lyriker, Schriftsteller, Journalisten
und Philosophen vor.
Der Vortrag wird am 03.12. um 17.00 Uhr im Museum für Blindenwesen in Berlin-Steglitz, Rothenburgstr. 14, gehalten. Der Eintritt ist frei.
Das Blinden-Museum liegt etwa 10 Minuten Fußweg vom S- bzw. U-Bf. Rathaus Steglitz entfernt.
Punktspiele: Von Blinden nicht nur für Blinde
Unter dem Titel "Punktspiele" präsentiert die Deutsche Blindenstudienanstalt in Marburg vom 22. bis 28.11. das 1. Internationale TheaterTreffen von und für Menschen mit Sehbeeinträchtigungen. Theaterbegeisterte und künstlerisch ambitionierte Jugendliche aus Deutschland, Ungarn und der Schweiz werden erwartet. Im Mittelpunkt des Programms steht ein Schultheatertreffen mit Theatergruppen aus der Schweiz, Leipzig, Chemnitz, Schleswig, Königs Wusterhausen und Marburg, bei dem sehbehinderte und blinde Schülerinnen und Schüler ihre Produktionen präsentieren.
Das Festival wird von der Aktion Mensch, dem Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend sowie dem Marburger Kulturfonds unterstützt. Das ausführliche Programm ist im Internet unter www.waggonhalle.de/punktspiele abrufbar.
Umfrage
Im Rahmen einer Studie zum Thema mobilitätsgerechte Stadt- und Verkehrskonzepte führt der Lehrstuhl Stadttechnik der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus von Oktober bis Dezember eine schriftliche Umfrage durch.
Ziel dieser Umfrage ist es, ein bundesweites Gesamtbild zur Mobilität Behinderter zu erstellen, sowie die noch immer besonders für diese Gruppe auftretenden Probleme sowohl im Stadtbereich wie auch bei der Benutzung von öffentlichen Verkehrsmittel darzustellen.
Dazu werden Betroffene, Städte und Verkehrsbetriebe befragt.
Wer die Untersuchung unterstützen will, kann den entsprechenden Fragebogen ausfüllen.
Betreut und geleitet wird die Umfrage von Frau Kerstin Goroncy, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl Stadttechnik. Dort kann man auch den Fragebogen anfordern; Tel.: (03 55) 69 29 17, Fax: (03 55) 69 39 72, E-Mail: goroncy@tu-cottbus.de.
Studienreisen 2003
Der Ev. Blinden- und Sehbehindertendienst in Westfalen bieter für Blinde, Sehbehinderte und Sehende folgende Reisen an:
25.02. bis 09.03. Jemen-Rundreise mit Hadramaut,
16.04. bis 23.04. Rom und Assisi,
09.07. bis 19.07. Busrundreise Island,
02.08. bis 13.08. Busreise Schottland,
18.10. bis 31.10. Baltikum mit Königsberg und Kurischer Nehrung,
06.11 bis 21.11. Rundreise Ägypten mit Nilkreuzfahrt.
Nähere Informationen bei Carla M. Arning, Tel.: (0 57 33) 62 10.
Plattdeutsche Zeitschrift als Braille-Ausgabe in Planung
Alle 3 Monate gibt die Quickborn-Vereinigung für niederdeutsche Sprache und Literatur ein Heft in Plattdeutsch an ihre Mitglieder heraus. Damit das Magazin auch in Blindenschrift hergestellt werden kann, werden mindestens 10 Interessenten gesucht,
Nähere Informationen bei Mona Heynemann, Tel.: (0 57 31) 84 21 63 oder E-Mail: quickbornev@aol.com.
Neue Broschüre über Computerhilfsmittel
Im Rahmen des Projektes INCOBS und vom DBSV herausgegeben, ist eine neue "Information zur Arbeitsplatzausstattung" - Lesesprechgeräte (Vorlesesysteme) entstanden. Auch die schon erschienenen Handreichungen Bildschirmlesegeräte, Braille-Zeilen, Großbildschirme und Screenreader sind beim zuständigen Landesverein zu bekommen.
DZB aktuell
Weihnachtsgeschichten aus aller Welt, Märchenbände, Weihnachtskrimis, Literaturklassiker, Texte und Noten weihnachtlicher Musik für Akkordeon oder Klavier; Dr. Oetkers Weihnachtsbäckerei, farbige Relief-Glückwunschkarten und Neujahr mit Weihnachtsmusik auf Mini-CD. Vielleicht darf es auch ein Bücher-Gutschein sein? Informaationen über das Angebot unter Tel.: (03 41) 71 13 -1 19.
BIT-Tipp
Langen, Annette/ Droop, Constanza:
"Flaschenpost von Felix" ab ca. 6 Jahre
Erschienen bei Coppenrath, Münster, 2001.
Ein kleiner Hase sammelt Kochrezepte aus aller Welt. Der reiselustige Kuschelhase wirft eine wichtige Flaschenpost ins Meer. "Lieber Finder, egal wann und wo diese Flaschenpost ankommt, bitte schick uns dein Lieblingsrezept!". Eingebettet in spannenden Geschichten von Felix und Sophie finden sich 37 Kochrezepte aus 25 Ländern.
Das "Weihnachts-Backbuch" (vom BAUR Versand) hilft Ihnen gerne!
Lieblingsrezepte und Bräuche von BAUR Kunden. Ideen für die Weihnachtszeit.
Ob groß oder klein, der märchenhafte Charme der Weihnachtszeit verzaubert uns alle.
Zöpfl, Helmut:
"Ich wünsche dir ein frohes Fest"
Erschienen bei Rosenheimer Verlagshaus, Rosenheim, 2001.
Weihnachten - das Fest, an dem wir uns wieder besinnen: auf uns selbst, vor allem aber auf unsere Mitmenschen.
Diese Titel sind alle auf Hör-Kassette lieferbar
Mehr zu "Advent und Weihnachten" enthält unser Themenkatalog.
Lieferbar in Punkt- und Schwarzschrift.
Weitere Informationen unter Tel.: (0 89) 5 59 88-134.
"kobinet-nachrichten"
Der tagesaktuelle Online-Nachrichtendienst zur Behindertenpolitik "kobinet-nachrichten" ist seit kurzem unter einer neuen Internetadresse - www.kobinet-nachrichten.org - erreichbar.
Ottmar Miles-Paul
Gerichtsurteile kommentiert
Über einige Gerichtsurteile informiert Karl Thomas Drerup in den Mitteilungen der DBSV-Rechtsabteilung 13/2002:
- Versorgung mit einer Braille-Zeile (SG Karlsruhe);
- Versorgung mit einem Führhund aus einer „Führhundschule des Vertrauens“ (SG Frankfurt).
Versorgung mit einer Braille-Zeile
In gleich zwei parallelen Urteilen (S 5 KR 2416/01 und S 5 KR 2482/01) hat das Sozialgericht Karlsruhe am 18.2.2002 entschieden, dass ein Blinder, auch wenn er bereits ein Lesegerät mit Sprachausgabe von seiner Krankenkasse erhalten hat, unter den gegebenen Voraussetzungen einen Anspruch auf eine Braille-Zeile hat. Nachfolgend die wichtigsten Sätze aus der Entscheidungsbegründung:
Seinen Informationsbedarf vermag der Kläger im vorliegenden Fall mit einem Lese-Sprech-Gerät nicht ausreichend zu befriedigen. Dies steht nach der durchgeführten Beweisaufnahme zur Überzeugung der Kammer fest. Zwar ist nach Aussage des Zeugen Kopp, Mitarbeiter des Hilfsmittelproduzenten Novotech, ein Lesesystem mit Sprachausgabe bei einem fortlaufenden Text (etwa einem Buch) normalerweise zur fehlerfreien Wiedergabe in der Lage. Probleme und damit Verständnisschwierigkeiten ergäben sich aber, wenn ein Text graphisch unterteilt sei, z. B. in Spalten. Diese Zeugenaussage wurde in eindrucksvoller Weise durch eine praktische Demonstration im Rahmen der mündlichen Verhandlung bestätigt. So war mit der Sprachausgabe die sinnvolle Wiedergabe des eingelesenen Textes (Tagesordnung mit Zahlen, Abkürzungen und Spalten) nahezu unmöglich. Schwierigkeiten bereitete insbesondere die Gliederung der Vorlage in mehrere Spalten. Zwar ist es nach Aussage des Zeugen Kopp bei einem Lese-Sprech-Gerät grundsätzlich möglich, die Wiedergabe des Textes nach Zeilen oder Spalten einzustellen. Dies setzt indes nach Ansicht der Kammer voraus, dass der Benutzer die räumliche Struktur des Textes kennt. Daran fehlt es beim Sehbehinderten aber gerade. Eine räumliche Vorstellung lässt sich daher nur über eine Braille-Zeile vermitteln. Bestätigt wird diese Einschätzung durch das im Urteil des BSG vom 16.4.1998 (B 3 KR 6/97 R) zitierte Rundschreiben des Bundesministers für Arbeit und Sozialordnung vom 9.8.1994, BArbl 10/1094, 155, das die weitreichenden Erfahrungen der mit der Kriegsopferversorgung befassten Behörden wiedergibt. Die dortige Aussage, das Lesen von Arznei-Beipackzetteln, Kontoauszügen oder Telefonbüchern sei mit einem Lese-Sprech-Gerät nicht oder nur beschränkt möglich, hat nach Überzeugung der Kammer weiterhin Gültigkeit.“
Kommentar: Liest man das Urteil, so bekommt man leicht den Eindruck, dass sich der Anspruch auf eine Braille-Zeile im Wesentlichen daraus rechtfertigt, dass Lese-Sprech-Geräte technisch unvollkommene Geräte seien, die im Vergleich zur Braille-Zeile nicht viel taugen. Einen ähnlichen Eindruck bekam man aber auch schon beim Lesen des BSG-Urteils zur Braille-Zeile (vgl. RA 15/1998). Dies hat inzwischen einige Krankenkassen veranlasst, Anträge auf Gewährung der Braille-Zeile mit der Begründung abzulehnen, die Sprachausgabe sei inzwischen technisch verbessert, weswegen das BSG-Urteil überholt sei. Tatsächlich kann jedoch von apparate-technischen Mängeln der Sprachausgabe überhaupt nicht die Rede sein. Vielmehr ergeben sich bei der Nutzung von Sprach- und von Braille-Ausgabe für den Leser markante Unterschiede, die menschlich-physiologisch begründet sind. Dies wird deutlich, wenn man nicht den Urteilstext, sondern das Protokoll über die Verhandlung und die Beweisaufnahme im Karlsruher Verfahren sorgfältig liest. Der Zeuge Kopp begann seine Demonstration mit einer wichtigen Feststellung: Ein selber gelesener Text ist immer einprägsamer als ein vorgelesener. Und daraus ergibt sich, dass Tabellen über die Braille-Zeile erheblich besser zugänglich sind als über die Sprachausgabe. Warum? Die Informationen, die bei einer Tabelle durch den graphischen Aufbau übersichtlich, ja überhaupt erst zugänglich gemacht werden, müssen bei der Sprachausgabe gewissermaßen durch den Schlauch der sprachlichen Vermittlung wandern und müssen sodann im Gedächtnis des Empfängers erst wieder mühselig sortiert werden. Bei der Braille-Zeile hingegen können die Informationen gezielt abgegriffen werden, was dem visuellen Zugriff, den der Sehende hat, erheblich näher kommt. Dies aber ist nur einer der Vorteile, die die Braille-Zeile hat: Über sie wird generell nicht nur die im Wortklang, sondern auch die speziell in der Schrift enthaltene zusätzliche Information (Orthographie, Wortherkunft, Wortverwandtschaft) unmittelbar (und nicht erst auf Abruf) vermittelt. Leider kommen alle diese Vorteile im Urteil nicht zur Sprache.
Versorgung mit einem Führhund aus einer „Führhundschule des Vertrauens“
Von Herrn Riederle erhielt ich ein interessantes Urteil des Sozialgerichts Frankfurt am Main (vom 1.2.2002 – S 25 / KR 2166199): Ein Blinder mit zusätzlichen erheblichen Hörproblemen beantragte bei seiner Krankenkasse einen Blindenführhund und legte ein Angebot der Führhundschule Bürger in Wyhl vor, einer Zweigstelle der Österreichischen Schule für Blindenführhunde in St. Katharein. Dazu führte er aus, dass nur diese Schule den Ansprüchen gerecht werde, die sich bei der Versorgung eines in diesem Maße hörbehinderten Blinden mit einem Führhund ergeben. Die Krankenkasse erklärte sich jedoch nur bereit, Angebote von deutschen Führhundschulen zu berücksichtigen.
Im Laufe des Widerspruchsverfahrens erklärte sich die Krankenkasse dann aber doch mit der Ausbildung bei Bürger einverstanden, allerdings wollte sie dafür nicht mehr als 28.000 DM bezahlen. Der Rechtsstreit ging also nur noch um die Kostendifferenz. Das SG Frankfurt entschied zu Gunsten des Klägers. Die für die Entscheidung maßgeblichen Gründe waren im Wesentlichen fachliche Argumente, die das Gericht zwei Publikationen von Herrn Riederle entnahm. Im Urteil heißt es:
„Das Führgespann ist keine auf dem Hilfsmittelmarkt käufliche Sache und der vom Menschen isoliert gesehene Führhund ist eine „Sonderanfertigung“. Ein Führhund mit einem inadäquaten Wesen, fehlender physischer und psychischer Eignung und/oder unzureichender Führleistung ist eine zusätzliche Behinderung, ja sogar lebensgefährlich für seinen „Schützling“ und Dritte. Damit dem Führhundhalter das notwendige unbedingte Vertrauen zu seinem Führhund vermittelt werden kann, das wesentlich für das Gelingen der Versorgung des Blinden mit einem Führhund ist, muss ein Vertrauensverhältnis zwischen Führhundhalter und Fuhrhundausbilder bestehen. Ausgehend von diesen Grundsätzen (vgl. Riederle, Der Blindenführhund als Hilfsmittel der Krankenpflege, Die Sozialversicherung 1989, S. 127 bis 132, Riederle, Der Blindenführhund – ein sächliches Hilfsmittel?, Die Sozialgerichtsbarkeit 1999, S. 497 bis 501) war der Kläger berechtigt, sich den Blindenführhund als notwendiges und geeignetes Hilfsmittel von der Blindenführhundschule Bürger als der Blindenführhundschule seines Vertrauens zum Preis von 37.181,22 DM zu beschaffen, nachdem die von der Beklagten benannten Schulen keinen Führhund mit einem „intelligenten Ungehorsam“ liefern konnten. Gerade dieser „intelligente Ungehorsam“ des Blindenführhundes ist bei dem Kläger wegen seines zusätzlichen Handicaps der Schwerhörigkeit mit starker Beeinträchtigung des Richtungshörens besonders wichtig, weshalb der Kläger zu Recht die Führhundschule seines Vertrauens gewählt hat und wählen durfte.“
Soviel zu den fachlichen Aspekten (zu denen das Urteil noch viele weitere Einzelheiten enthält). Doch auch in rechtlicher Hinsicht enthält das Urteil wichtige Aussagen. Das Gericht stellt fest, dass die beklagte Krankenkasse (mit Sitz in Hessen) mit keiner einzigen Führhundschule einen Versorgungsvertrag nach § 127 SGB V geschlossen hatte. Aus dieser Feststellung zieht das Gericht sehr weit gehende Konsequenzen: Das Fehlen des Versorgungsvertrages sei eine „Systemstörung“, die den Versicherten gemäß § 13 Abs. 3 SGB V berechtige, sich die Leistung selber zu beschaffen und bei der Krankenkasse die Kosten geltend zu machen. Komme dann noch hinzu, dass ein einheitlicher Qualitätsstandard bei der Ausbildung von Blindenführhunden nicht garantiert sei (keine Qualitätskontrollen der Schulen), so könnten die erheblichen Preisunterschiede „nicht zu Lasten des Versicherten gehen“. Die Krankenkasse kann also in einem solchen Fall die Selbstbeschaffung des Hilfsmittels durch den Versicherten nicht verhindern und muss dessen Ausgaben ohne Wenn und Aber ersetzen. Ob sich auch andere Gerichte diesem Standpunkt anschließen, bleibt abzuwarten. (Ich bin skeptisch.) Das vorliegende Urteil ist jedoch auf jeden Fall ein deutliches Signal an die Krankenkassenverbände, Versorgungsverträge abzuschließen und die Qualitätskriterien durchzusetzen!
Hinweis: Ehrenamtliche Betätigung von Arbeitslosen
Arbeitslosen, die Leistungen vom Arbeitsamt erhalten, will man nicht verbieten, Ehrenämter in gemeinnützigen Organisationen zu übernehmen. Dies ist in § 118a SGB III und einer dazu ergangenen Rechtsverordnung vom 24.5.2002 – BGBl. I S. 1783 geregelt. Der Arbeitslose muss jedoch die ehrenamtliche Tätigkeit unentgeltlich ausüben. Ein ihm gewährter pauschalierter Auslagenersatz darf 154 Euro im Monat nicht übersteigen.
Ein Gespräch mit John Wall, Präsident der Europäischen Blindenunion (EBU) am Rande des DBSV-Verbandstages:
Mit welchen Aufgaben befasst sich die EBU in diesem Jahr?
John Wall: Wir bereiten eine Reihe wichtiger Sitzungen vor, insbesondere der EBU-Kommission für Menschen- und Sozialrechte. In einem Projekt soll der Status der Menschenrechte in den verschiedenen Ländern festgestellt werden.
Wir kriegen immer wieder Anfragen, wo der Behindertenausweis für Europa bleibt. Gibt es hier neue Ansätze?
John Wall: Im Oktober haben wir in Paris eine Konferenz über Transport und Mobilität. Was man braucht, um mobil zu sein, um in andere Länder in Europa zu reisen, ist ein spezieller Ausweis, der den Behörden sagt, dass der Träger dieses Ausweises ein Behinderter ist. Es gibt 23 Länder, die bereit sind, einen Reiseausweis für Blinde anzuerkennen, sodass der Blinde mit einem Begleiter fahren kann und der Begleiter nichts zu zahlen hat. Wir denken, dass wir dies als Ausgangspunkt für einen allgemeinen Behindertenausweis nehmen könnten.
2003 ist das Europäische Jahr der Menschen mit Behinderungen. Gibt es besondere Aktionen der EBU?
John Wall: Ja, wir haben drei wichtige größere Projekte. Im März wird es eine visionäre Konferenz geben, die darlegen soll, wie wir gern die Welt in 10 Jahren für Blinde sehen möchten. Die zweite wichtige Konferenz wird im Juli in Paris stattfinden. Sie wird sich mit dem Thema Beschäftigung für Blinde befassen. Wir möchten mit dieser Konferenz sicher stellen, dass den Organisationen bewusst wird, welche Möglichkeiten es gibt, Beschäftigungen für Blinde zu finden. Im Herbst wird es in Dänemark eine Konferenz geben, die sich mit Problemen Taubblinder befassen wird. Der Anteil der älteren Menschen steigt, und damit ebenfalls der Anteil der Menschen, die blind sind und das Gehör verlieren. Wir möchten sicherstellen, dass den Ländern bewusst wird, welche Hilfen diese Menschen brauchen.
Gibt es Hoffnungen, dass die Barrierefreiheit in Bezug auf die Bedienbarkeit von technischen Geräten durch die Kooperation mit großen Firmen verbessert wird?
John Wall: Es gibt zwei Initiativen, die sich hiermit befassen – einmal eine Initiative der Kommission für technische Hilfsmittel, das andere ist eine Fachgruppe, der Leute aus aller Welt angehören, sodass sichergestellt wird, dass Entwicklungen, die in Asien oder in Amerika stattfinden, hier verstanden und angewendet werden können.
Was das Internet angeht, da gibt es Pläne, Web-Seiten für blinde und sehbehinderte Menschen zugänglich zu machen.
Und wir hoffen, die Hersteller von technischen Geräten zu überzeugen, dass es viel billiger ist, bereits im Design-Stadium darauf zu achten, Geräte zugänglich zu machen. Hinterher steigen die Kosten.
Welche Rolle spielt der DBSV im europäischen „Konzert“?
John Wall: Der DBSV ist ja repräsentiert im EBU-Präsidium durch Norbert Müller als Generalsekretär. Daneben gibt es 14 Kommissionen, die sich mit speziellen Gebieten befassen. Der DBSV ist in 7 dieser Kommissionen vertreten.
Welchen Eindruck haben Sie vom Verbandstag, von der Atmosphäre?
John Wall: Das ist eine sehr aktive, eine vibrierende Atmosphäre, die nach vorne guckt.
Danke für das Gespräch.
(Das Gespräch führte Dr. Thomas Nicolai, Übersetzung: Hans Kaltwasser; Kassetten-Ausgabe Originalton.)
Bild: John Wall im Gespräch mit Norbert Müller.
Nach 19 Jahren wieder in Ungarn
In der über 80-jährigen Geschichte der Internationalen Kongresse Blinder Esperantisten (Ikbe) war in diesem Jahr zum 4. Male Ungarn Gastgeberland. Insgesamt 93 Blinde und Begleitpersonen aus 17 Ländern trafen sich in Balatonlelle, nicht weit vom Seeufer gelegen.
Das Thema „Blindheit heute“ bot eine Vielfalt an Diskussionsmöglichkeiten. In Vorträgen wurde die Situation blinder Menschen im 3. Jahrtausend auf verschiedene Weise dargestellt. Einigkeit bestand darin, dass es nicht hinnehmbar sei, wenn Blindenpädagogen die Braille-Schrift im Zeitalter elektronischer Hörmedien für überflüssig halten.
Zum Kongressprogramm gehörte auch ein Tagesausflug nach Budapest mit einem Mittagessen und einem Konzert in der dortigen Blindenschule sowie eine Schifffahrt über den Plattensee mit Weinverkostung. In der Generalversammlung der Ligo Internacia de Blindaj Esperantistoj (Liebe) wurde angekündigt, dass möglichst noch in diesem Jahr in Punktschrift ein Verzeichnis mit über 400 Anschriften blinder Esperantofreunden aus 42 Ländern erscheinen soll. Trotz der unbestreitbaren Vormachtstellung der englischen Sprache ist Esperanto noch keineswegs out. Durch seine relativ leichte Erlernbarkeit bietet es immer noch gute Möglichkeiten internationaler Kontakte, und die Atmosphäre einer internationalen Esperantoveranstaltung ist mit anderen Gelegenheiten, bei denen sich Menschen mit unterschiedlichen Sprachen begegnen, nicht zu vergleichen. Infos, Lernmaterial oder Wörterverzeichnisse sind auch im Internet relativ einfach abrufbar. www.esperanto.de ist dabei nur eine Möglichkeit.
Theodor Speckmann
Bild: Budapest
2. Internationaler O.N.C.E Forschungspreis
Die Gewinner des O.N.C.E Forschungspreises zur Entwicklung neuer Technologien für Blinde und Sehbehinderte (die Gegenwart berichtete über die Ausschreibung) sind ermittelt. Der 1. Preis mit 180.300 Euro geht an die schwedische Forschergruppe des Wallenstein Netzhaut Zentrums unter der Leitung von Prof. Theo van Veen für ihre klinische und experimentelle Studie zur Netzhautdegeneration und deren möglichen therapeutischen Ansätze. Der mit 60.100 Euro dotierte 2. Preis wurde zwei Mal verliehen. Diego Ruiz Quejido von Telefonica Investigacion y Desarrollo S. A. erhielt die Auszeichnung für den Prototyp eines Universial-Lesegerätes, das auf einem Handscanner und optischer Zeichenerkennung basiert. Des Weiteren wurde Ramon Ceres Ruiz mit seiner Forschungsgruppe des Instituto de Automatica Industrial del Consejo Superior de Investigaciones Cientifiacs gewürdigt. Das Team hatte den Movius entwickelt, ein konfigurierbares Ultraschallsensor-System, zur Verbesserung der Mobilität von Sehbehinderten.
Barrierefreies Bauen und Gestalten
Wenn Theorie und Praxis zusammen kommen, dann kommt auch meistens etwas dabei heraus. Der Arbeitskreis Umwelt und Verkehr der AG Orientierung und Mobilität des Verbandes der Blinden- und Sehbehindertenpädagogen und -pädagoginnen (VBS) und die Behindertenbeauftragte der Stadt Leipzig hatten vom 26. bis 28.09. zur Fachtagung „Barrierefreies Bauen und Gestalten für sehbehinderte Menschen eingeladen. Die Schwerpunkte waren, wie im Untertitel erkennbar: Wahrnehmung – Orientierung – Sicherheit.
In den Vorträgen und Workshops wurden insbesondere folgende Themen behandelt:
- Auswirkungen von Sehschädigungen auf die visuelle Wahrnehmung;
- Barrieren für sehbehinderte Menschen im öffentlichen Bereich;
- Die DIN 32975 „Optische Kontraste im öffentlich zugänglichen Bereich (Gelbdruck soll im November erscheinen);
- Kontraste, Licht und Beleuchtung;
- Orientierung bei Netzausfällen und im Brandfall;
- Erfahrungsberichte Sehbehinderter.
Auf der Teilnehmerliste standen rund 100 Namen, darunter Architekten und Städteplaner, Behindertenbeauftragte, Vertreter von Verkehrsbetrieben, Mobilitätstrainer und Pädagogen. Stark vertreten war auch die Blinden- und Sehbehindertenselbsthilfe. Dem Organisator, Herrn Dietmar Böhringer (Nikolauspflege Stuttgart) war es gelungen, profilierte Referenten zu gewinnen. Er kündigte an, dass es Anfang 2003 eine Dokumentation über die Veranstaltung geben wird (die „Gegenwart“ wird rechtzeitig darauf aufmerksam machen).
Eine Ausstellung, bei der verschiedene Hersteller Varianten für die Gestaltung von Leitstreifen, Aufmerksamkeitsfeldern und kontrastreichen Treppenstufen und weitere Orientierungshilfen präsentierten, fand reges Interesse. Auch die „Gegenwart“ und Broschüren des DBSV sowie Produkte der DZB wurden stark beachtet.
Sehbehinderungen und ihre Auswirkungen
Am Rande der Tagung sprach ich u. a. mit Frau Dr. Norma Nenning, niedergelassene Augenärztin:
Sie haben gerade gesprochen über Sehbehinderungen und deren Auswirkungen. Was sind die aktuellen Zahlen bezüglich der Blindheitsursachen?
Norma Nenning: Die häufigste Erblindungsursache im hohen Lebensalter ist die Makuladegeneration, davon sind etwa 2,5 Millionen Bundesbürger betroffen, etwa 35 Prozent der über 75-jährigen.
Eine weitere häufige Erblindungsursache ist der Diabetes. Bei 5 Millionen Diabetikern in Deutschland erblinden jährlich etwa 3.000 bis 4.000. Das Risiko, durch den Diabetes zu erblinden, liegt bei Patienten über 60 Jahren innerhalb von fünf Jahren bei 20 Prozent.
Eine andere häufige Erblindungsursache – auch im erwerbsfähigen Alter – ist das Glaukom oder der Grüne Star. Davon sind etwa 800.000 Bundesbürger betroffen, und davon erblinden jährlich etwa 1.350.
Die häufigste Augenerkrankung überhaupt ist natürlich der Graue Star oder die Katarakt, aber die kann man heute sehr gut behandeln, daran muss man nicht mehr erblinden.
Der Grüne Star ist ja etwas schleichend. Was muss man tun, damit man nicht zu spät kommt?
Norma Nenning: Es gibt eine Vorsorgeuntersuchung für das Glaukom, die sollte jeder Patient ab dem 40. Lebensjahr wahrnehmen. Ich empfehle sogar, ab dem 30. Lebensjahr alle zwei bis drei Jahre zum Augenarzt zu gehen, um den Augeninnendruck messen und den Sehnerv untersuchen zu lassen. Dadurch kann man ein Glaukom rechtzeitig erkennen und rechtzeitig behandeln. Es müsste eigentlich nicht zur Erblindung führen.
Das muss man aber seit einiger Zeit auch selbst bezahlen?
Norma Nenning: Richtig; die Vorsorgeuntersuchung kostet etwa 16 Euro. Ich denke, das sollte einem das Augenlicht wert sein. Wird ein Glaukom erkannt, wird die Behandlung von den Krankenkassen übernommen.
Ich komme noch einmal auf die Zuckerkrankheit zurück. Fünf Millionen Betroffene, das ist ja eine riesengroße Zahl. Was kann man tun? Die Leute kommen ja nicht gleich zum Augenarzt...
Norma Nenning: Das Problem ist, dass viele Patienten das, als sogenannten Alterszucker abtun. Viele kennen ihre Laborwerte nicht. Es gibt den HBA 1c Wert. Das ist ein Langzeitwert, der bei jedem Diabetiker vierteljährlich kontrolliert werden sollte und der sehr genau etwas über das Risiko aussagt. Hier sehe ich die Pflicht der Hausärzte, die Patienten zu führen, sie darauf hinzuweisen und sie wirklich jährlich zum Augenarzt zu schicken.
In Ihrer Statistik kam deutlich zum Ausdruck, dass Blindheit vor allem im höheren Lebensalter auftritt. Wie erleben Sie Patienten, deren Sehvermögen schlechter wird oder die mit der Prognose Erblindung zu Ihnen kommen.
Wie ist deren Wille, sich mit der Situation abzufinden und was können Sie tun, um ihnen dabei zu helfen?
Norma Nenning: Man muss dem Patienten immer noch Hoffnung lassen, man muss ihm Möglichkeiten anbieten, mit seiner Behinderung umzugehen. Ich kann also nicht sagen, wir können hier nichts machen, sondern man muss die Möglichkeiten aufzeigen, die optische Rehabilitation, die Angebote der Blinden- und Sehbehindertenvereine. Ob er dann immer gleich beim ersten Mal diese Möglichkeiten nutzt, ist fraglich, aber ich bestelle den Patienten wieder und versuche, sie immer wieder darauf anzusprechen, sie zu motivieren, aus ihrem Sehrest das optimale rauszuholen.
Ich weiß aber, dass es viele Patienten gibt, die erst einmal in ein tiefes Loch fallen und sich abkapseln.
Welche Rolle spielen eigentlich die Familien dabei?
Norma Nenning: Hier wäre es sicher schön, wenn die Familien eher merken würden, dass sie ihre Angehörigen längere Zeit nicht mehr lesen sahen, dass sie keine Zeitung mehr lesen oder gar nicht mehr allein aus dem Haus gehen. Das scheint manchen Familien gar nicht aufzufallen. Manche sind schon jahrelang nicht mehr allein aus dem Haus gegangen oder haben nicht mehr gelesen, und dann ist es sehr schwierig, diese Patienten noch mit Hilfsmitteln auszustatten; sie haben wirklich das Lesen einfach verlernt.
(Das Gespräch führte Dr. Thomas Nicolai; Kassetten-Ausgabe Originalton.)
Mit Blaulicht bei Rot über die Kreuzung
Von Dr. Thomas Nicolai
Als wir Banzkow – natürlich per Tandem – erreichten, lagen bereits mehr als 500 km hinter uns. Mecklenburg-Vorpommern aus Radlerperspektive verhalf uns zu ganz neuen Sichtweisen auf das Land der Seen und Wälder: das Staunen über beachtliche Erhebungen um Güstrow herum, die Ostsee zur Rechten auf der Fahrt von Rostock nach Boltenhagen, lauschige Radwege an der Steilküste und gut befahrbare kleine Straßen rund um Boltenhagen; das füllte 14 Tage Urlaub auf einmalige Weise aus. Und dann die Lewitz bei der 12. bundesweiten Tandemtour:
Das Drumherum
Vom 31.08. bis 08.09. wurde dieses landschaftlich reizvolle Gebiet von 30 Tandems erkundet. Die Teilnehmer der 12. Bundesweiten Tandemtour des DBSV waren in diesen Tagen die Attraktion in der Umgebung. In Banzkow und Spornitz, wo die Team-Radler in gemütlichen Hotels Quartier nahmen, hießen Begrüßungsschilder die Freizeitsportler aus 12 Bundesländern herzlich willkommen. Ein Dankeschön den Schulkindern aus Spornitz, die mit viel Kreativität und Freude die Schilder gemalt hatten. Nicht ganz so viel Begeisterung wie die Kinder brachten manche Autofahrer auf; denn in dieser Woche hatten die Tandems immer Vorfahrt, auch wenn die Ampel für sie eigentlich Rot zeigte. Die freundliche Besatzung der beiden Polizeimotorräder sorgte dafür, dass die Tandemschlange immer gut und sicher vorankam, gelegentlich unter Einsatz von Sondersignalen. Dass die Helfer vom DRK kaum Arbeit bekamen, war allen nur recht. Denn bis auf einen kleinen Sturz des Berichterstatter-Tandems war nichts passiert. Und dieser diente auch mehr Recherchezwecken. Es sollte überprüft werden, ob der Inhaber des Fahrradladens in Parchim tatsächlich zu einer Sofortreparatur aufbricht, wenn er gerufen wird. Und Herr Fricke kam, beseitigte eine kräftige Acht im Hinterrad, zog eine neue Speiche ein und montierte einen neuen Rückspiegel. Auf der Rechnung standen nur die Materialkosten. Bereits zuvor hatte er zwei Fahrradhelme übergeben, die jetzt im Aura-Hotel Boltenhagen auf Urlauber warten, die sich dort einmal ein Tandem ausleihen wollen.
Gesellige Abende mit humorvollen Kulturprogrammen und Tanz, eine Kanufahrt auf der Elde, ein Besuch der Landesgartenschau in Wismar und ein dann aber ausgefallenes Lagerfeuer gehörten zum vielseitigen Programm, das von Edith Schmitt vom BSV Mecklenburg-Vorpommern mit so viel Engagement vorbereitet worden war.
Teilnehmer und Gäste
Ja, die meisten kannten sich, und jetzt kennen sich alle. Die „verschworene“ Gemeinschaft ist angewachsen. Sieben „Neulinge“ kamen aus den neuen Bundesländern. Die jüngste Teilnehmerin war 19, die älteste 82.
Begegnungen mit Bürgermeistern und einer Stadtpräsidentin sowie mit der Sozialministerin von Mecklenburg-Vorpommern zeugen von der großen Aufmerksamkeit, die der Tour entgegengebracht wurde.
Dr. Martina Bunge, Sozialministerin, auf dem Schweriner Marktplatz mit Erinnerungen an das EXPO-Projekt „Tandem-Kids“::
„Ich bin von Schwerin bis Hagenow mitgefahren, mit der riesen Verantwortung, ein blindes Mädchen hinten drauf zu haben. Ich bin das erste Mal Tandem gefahren. Es hat geregnet. Wir hatten wunderbares Kopfsteinpflaster, und dann ging die Gangschaltung nicht. Ich sollte dann ausgetauscht werden, aber ich bin, da ich ganz enthusiastische Radfahrerin bin, die 45 km bis Hagenow durchgefahren...
Ich glaube, das ist eine ausgezeichnete Gelegenheit, sich wirklich aufeinander einzustellen, miteinander klarzukommen. Ich meine, das braucht die Gesellschaft viel, viel mehr. Denn Menschen, die eine Behinderung haben, wird die Teilhabe vor allem dadurch schwer gemacht, dass die Gesellschaft sie behindert...“
Die Vorsitzende des BSV M-V und DBSV-Vizepräsidentin, Renate Reymann, besuchte die Teilnehmer mehrmals, übergab am Schluss persönlich die Urkunden, und alle erinnerten sich dabei gern an das Fass Bier, das sie ausgegeben hatte. Die Lewitz war für die meisten Neuland und eine wahre Entdeckung.
Die Touren
Die Tandem-Tour begann mit einer Busfahrt, vorbei an der höchsten Erhebung (18 m), entlang der Kanäle und bis zum Horizont reichenden Wiesen und Weiden, mit Stop an den Fischteichen, wo sich der Seeadler – wie auf Bestellung – zeigte.
„Wir wollen als Auftakt für Ihre Tandem-Tour uns gemeinsam diese wunderschöne norddeutsche Landschaft ansehen. Banzkow liegt mitten in Mecklenburg und ungefähr 11 km südlich von Schwerin. Und diese einmalig schöne Landschaft ist in der Eiszeit entstanden. Am Südufer des Schweriner Sees hat der große Eisberg gelegen, der war etwa 1 km hoch und ist süd-südöstlich abgeschmolzen und hat hier eine riesengroße „Badewanne“ ausgehoben. Sie beginnt in Schwerin ganz schmal, ungefähr zwei Kilometer breit, und wird in Richtung Süden immer breiter und weitet sich bis auf 20 x 20 km aus. Diese Landschaft heißt Lewitz...
Links haben wir schon einen ersten Blick in die unendliche Wiesenlandschaft, am Horizont sehen wir den Lewitzwald, ungefähr 10 x 10 km Feuchtwaldgebiet mit Erlen und mit Mischwald. Hier war schon immer die Wildkammer der Herzöge. Es gibt jetzt noch ungefähr 150 Stück Rotwild...
Es ist eine riesengroße Wiesenfläche mit sehr wenig Bäumen, deshalb kann man weit gucken und die Tiere gut beobachten. Es fällt auf, dass die Wiesen eine wunderbar grüne Farbe haben...“
Und das haben die Wiesen der regulierbaren Feuchtigkeit zu verdanken. Wir hören viel von der Vogelwelt, dem hier zu Tausenden auftretenden Kiebitz, vom mächtigen Seeadler, von großen Rinderherden von über 2.500 Pferden.
Auf Reliefkarten mit Blindenschrift konnte man sich im Trent-Hotel einen Überblick über das Gebiet der Lewitz verschaffen und die Touren noch einmal nachvollziehen.
An den meisten Tagen waren zwei Touren im Angebot, sodass die Entscheidung nicht immer leicht fiel, denn bei kürzeren Fahrten blieb mehr Zeit für Besichtigungen. Der Berichterstatter blieb dann aber doch an allen Tagen einem Grundsatz treu: Erste Priorität: Radfahren, also immer die langen Strecken. Das abwechslungsreiche Touren-Programm bot neben der sportlichen Seite kulturelle Höhepunkte, Naturerlebnisse und gastronomische Überraschungen. Zu den Stationen gehörten: der Schlosspark in Ludwigslust sowie Schwerin mit Stadtrundgang, Schlossbesichtigung und Fahrt um bzw. über den See, Besuch des Gestütes Schockemühle, einer Schauwerkstatt Spinnen und Töpfern sowie einer Schmiede und der Wachtelfarm Rosenow, eine Begegnung mit dem legendären Räuber Vieting, Besichtigung der beiden Kirchen in Parchim mit Orgelkonzert.
Die Stimmung
Für das Wetter kann niemand, um so besser, dass an allen Tagen die Sonne schien. Am letzten Tag fing ich ein paar Meinungen über die Tour ein, die die Stimmung vielleicht ganz gut wiedergeben:
„Es hat uns gut gefallen, dass wir Polizei- und DRK-Begleitung hatten. Das gibt doch Sicherheit und beschleunigt die ganze Tour...“
„Mir haben die Fahrten alle sehr gut gefallen. Interessant war die Pferdezucht, auf der Wachtelfarm, die Stadtführung in Schwerin. Mecklenburg habe ich mir nicht so schön vorgestellt...“
„Das Fahren auf den kleinen Landstraßen, fast autofrei, das war schon prima, das kennen wir vom Frankfurter Raum überhaupt nicht...“
„Ich fand es schön, dass wir mal hier oben waren. Das war früher ja nicht so möglich. Jetzt hat man mal einen Eindruck bekommen...“
„Das Tempo hat uns sogar überrascht, denn man hat die Erfahrung ja auch nicht, wie schnell so eine Truppe mit dem Tandem fährt“, so die Jungs von der Autobahn-Polizei, die „Geleitschutz“ gaben.
Und wie kommt man eigentlich zu einer Pilotin? Steffen wusste sich zu helfen: „Auf der Straße kennengelernt. Ich brauchte in Magdeburg Hilfe, um den richtigen Weg zu finden. Wir kamen irgendwie aufs Radfahren...“
„In der Vorbereitung war es schon sehr anstrengend, aber die Tour war für mich ein ganz tolles Erlebnis. Ich würde jedem empfehlen, das einmal zu versuchen... Durch die Fahrt in der Lewitz, die ein wunderbares Radfahrgebiet ist, denke ich das sich das herumspricht... Im Trent-Hotel in Banzkow und auch im AURA-Hotel in Boltenhagen stehen jeweils zwei Tandems zur Ausleihe bereit...“
Das Tandem
Man fragt sich, warum nicht längst mehr Leute das Tandem für sich „entdeckt“ haben. Ich meine nicht nur Menschen, die wegen ihrer Sehprobleme auf dem hinteren Sattel Platz nehmen müssen. Das Tandem ist ein äußerst kommunikatives Fortbewegungsmittel. Beide Fahrer können sich während der Tour gut unterhalten. Irgendwie findet ein Konditionsausgleich statt, die Kräfte summieren sich; keiner bleibt zurück. Etwas trainierte Radler können mit guten Tandems ganz schöne Geschwindigkeiten erreichen. Man schätzt, dass in Deutschland jährlich etwa 1.500 bis 2.000 Tandems verkauft werden, Tendenz leicht steigend. Tandems sind im Straßenbild immer noch etwas Seltenes, was man den Reaktionen von Passanten deutlich anmerkt: Aufmerksamkeit, Erstaunen, Anfeuerungsrufe, Suche nach dem richtigen Begriff (Zweisitzer, Doppelrad), witzige Bemerkungen wie: „der hinten tritt nicht mit“ oder „so gut möchte ich es auch mal haben“. Auf jeden Fall bemerken alle irgendwie, dass Tandemfahren ungeheuren Spaß macht, und wenn 30 Teams zusammen unterwegs sind, werden sie auch schon mal mit Beifall empfangen.
Die goldene Klingel
Hartmut hat sie übernommen und lädt damit zur 13. Tandem-Tour ins Lipper Land, nach Bad Meinberg, ein.
„Man kann zur Weser runter fahren, ins Paderborner Land, Richtung Bielefeld, schöne Abfahrten... Es muss schon etwas Kondition mitgebracht werden. Für die Schwierigkeiten gibt es eine Sterneklassifizierung, Touren mit zwei Sternen werden schon dabei sein...“ „Und in Mecklenburg, kann man da auch schon von Sternen sprechen?“ „Na ja, das sind Garagenauffahrten... Aber wir werden schon Strecken aussuchen, die nicht so schwierig sind. Aber man wird mehr Zeit einplanen müssen... Ich sag immer, wenn’s hoch geht, geht’s auch wieder runter.“
Bilder: Verschiedene Fotos zur Tandemtour.
Langenfelder cSc „gemeinsam rollts“
Am diesjährigen Langenfelder cSc haben 440 aktive Teilnehmer aus 6 Nationen (Österreich, Deutschland, Niederlande, Polen, Italien und Finnland) in 11 Wertungsklassen, wobei die 200 Inline Speedskater die größte Kategorie bildeten, teilgenommen. Die polnischen Tandemfahrer waren am erfolgreichsten.
Bild: Die Speedskater in voller Fahrt.
Leben auf Pump
Erfahrungen und Informationen zur Insulinpumpen-Therapie
Herausgegeben vom INSULINER-Verlag, 1. Auflage Oktober 2002, 152 S.,
ISBN 3-925618-05-08
„Leben auf Pump“ ist das neue Buch zur Behandlung von insulinpflichtigen Diabetikern. Außergewöhnlich ist, dass Erfahrungen von langjährigen Pumpenträgern direkt vermittelt werden. Ergänzt werden diese Erfahrungen durch Beiträge von Ärzten, Psychologen, Ernährungs- und Diabetesberatern.
Die Insulinpumpe ist derzeit die medizinisch beste Behandlungsmöglichkeit eines Typ 1-Diabetes. „Leben auf Pump“ richtet sich an insulinpflichtige Diabetiker, die sich über den Umgang mit einer Insulinpumpe informieren wollen oder bereits eine solche tragen. Gleichermaßen sind Mitarbeiter im Diabetes-Schulungsteam angesprochen.
Es ist überaus wichtig für den Erfolg einer Insulinpumpen-Therapie, wie und aus welchen Gründen sich jemand dafür entscheidet. „Genauso habe ich mich gefühlt, so ist es mir ergangen“ sind erste Kommentare zu dem fundierten, umfangreichen Kapitel: Psychologische Aspekte. Auch Art und Qualität der Schulung sind ausschlaggebend und werden in „Leben auf Pump“ aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet. Der tägliche Umgang mit der Insulinpumpe und dem Accessoiremarkt sind ebenso Themen wie besondere Lebenssituationen, z.B. Schwangerschaft, Operation, Blindheit, Sport und die Behandlung von Kindern und Jugendlichen. Verschiedene Anträge zur Kostenübernahme der Pumpentherapie durch die Krankenversicherung machen den Praxisbezug komplett. Zum Abschluss wird die Entwicklung der Insulinpumpen-Therapie aus wissenschaftlicher und aus medizinischer Sicht beschrieben und begründet.
„Leben auf Pump“ kann direkt beim INSULINER-Verlag, Narzissenweg 17, 57548 Kirchen, Tel.: (0 27 41) 93 00 40, Fax: (0 27 41) 93 00 41, oder im Buchhandel bezogen werden. Das Buch erscheint für Sehbehinderte und Blinde preisgleich auf Kassette und Diskette/CD.
Materialien und Kopiervorlagen
Zu Jana Frey: Der verlorene Blick
In der Ausgabe 6/7 der „Gegenwart“ hatte Susanne Siems das Buch von Jana Frey rezensiert, in dem das durch einen Autounfall erblindete Mädchen Leonie authentisch über ihre Befindlichkeiten spricht. Jetzt ist der Titel auch als Taschenbuch erschienen, Hase und Igel Verlag GmbH. Das Besondere daran ist, dass der Verlag dazu Materialien und Kopiervorlagen herausgebracht hat, die Lehrer bei der Behandlung des Buches im Unterricht gut verwenden können.
Dieses Material umfasst 32 Seiten im A4-Format. Durch interessante Unterrichtsideen sollen die Lektüreeindrücke der Schüler vertieft werden. Es gibt Anregungen, um Situationen und Handlungsweisen aus dem Buch nachzuspielen.
Die acht übersichtlich gestalteten Abschnitte des Materials beginnen mit Zusammenfassungen des jeweils zu behandelnden Textabschnittes. Es folgen Vorschläge für Gespräche, für schriftliche Arbeiten und für kreatives Spiel.
Der Stoff eignet sich außerordentlich für die Sensibilisierung der Schüler zum Thema „Blindheit und Sehen“.
Erfreulich, dass der Autor, Patrik Eis all jenen, die noch tiefer in die Thematik einsteigen wollen, Handreichungen bietet, so die Abbildung der Motivpostkarte des DBSV „Immer eine Stocklänge voraus“ mit bundesweiter Rufnummer, den Hinweis auf die „Gegenwart“ und zahlreiche Anschriften, ganz oben die vom DBSV.
Taschenbuch (Bestell-Nr.: 5038-8) und Material (Bestell-Nr.: 6038-3) sind nur beim Verlag erhältlich:
Hase und Igel Verlag, Postfach 1364, 85731 Ismanning; Tel.: (0 89) 96 21 23 70, Fax: (0 89) 96 21 23 71, E-Mail: shop@hase-und-igel.com, Leseproben unter: www.Hase-und-Igel.com.
Die Redaktion