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Liebe Leserinnen, liebe Leser,
auf der Erde leben mehr als 50 Millionen blinde Menschen, die meisten in der dritten Welt. Das ist eine Zahl, die kaum vorstellbar ist.
In der „Woche des Sehens“, die der Deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband gemeinsam mit sieben anderen Organisationen vom 10. bis zum 15. Oktober - dem Tag des weißen Stockes - durchführte, war ein Schwerpunktthema die Vermeidung von Blindheit. Dieser Aufgabe widmen sich einige unserer Partner mit großem Einsatz. Die Blinden- und Sehbehindertenselbsthilfe unterstützt diese Aktivitäten. Unser Aufgabenfeld ist naturgemäß verstärkt die Verbesserung der Lebenssituation blinder Menschen.
Mit der ungeheuren Zahl 50 Millionen Blinden konfrontiert, drängen sich einige Fragen sofort auf:
Vieles erscheint uns selbstverständlich. In den Ländern der Dritten Welt herrschen extrem andere Bedingungen.
Die medizinische Versorgung erfolgt auf niedrigstem Niveau. Wäre sie besser, könnte mehr als der Hälfte der blinden Menschen durch relativ einfache operative Eingriffe geholfen werden.
Die Staaten der dritten Welt sind außerstande, Blinden und Sehbehinderten behinderungsbedingte Nachteilsausgleiche - wie sie in Deutschland seit 1949 erstritten wurden - zu gewähren. Gleiches gilt für Eröffnung qualifizierter Bildungs- und Berufschancen. Und auch die Selbsthilfeverbände in diesen Staaten bedürfen - soweit sie überhaupt existieren - der Unterstützung.
Verschärft wird die Situation blinder und sehbehinderter Menschen durch ein augenscheinliches Ansteigen von Naturkatastrophen (Erdbeben, Wirbelstürme, Überschwemmungen sowie Vulkanausbrüche), um nur einige Ursachen zu nennen. Not und Elend bricht überdies durch Krieg und Bürgerkrieg über die Zivilbevölkerung herein.
Wir helfen bei der Verbesserung von Bildungs- und Berufsmöglichkeiten. Bei uns wird gegebenenfalls leidenschaftlich um die 6- oder 8-Punktschrift gestritten; dort besteht häufig überhaupt keine Möglichkeit Braille-Schrift zu erlernen. Das Erlernen der Blindenschrift ist Grundlage für eine planmäßige Beschulung.
Der Deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband hilft in erster Linie durch die Bereitstellung von Blindenschriftschreibmaschinen und Punktschrifttafeln.
Durch Ihre Spenden, liebe Leserinnen und Leser, können wir helfen, blinden Menschen in den ärmeren Regionen unserer Erde eine Zukunftsperspektive zu eröffnen.
Präsidium und Geschäftsführung des DBSV wünschen Ihnen schöne und erholsame Weihnachten und ein gesundes, friedliches Jahr 2003.
Ihr Jürgen Lubnau
Spendenkonto:
Sparkasse Bonn
Kontonummer: 20 02 09 39
Bankleitzahl: 380 50 00
Die Redaktion der „Gegenwart“ schließt sich diesen guten Wünschen an.
Der DBSV-Verwaltungsrat tagte am 25. Oktober in Kassel. Erstmals nahmen die drei gewählten Vertreter der Korporativen Mitglieder mit Stimmrecht an der Tagung teil. Es sind dies der Deutsche Verein der Blinden und Sehbehinderten in Studium und Beruf (DVBS), der Verband der Blinden- und Sehbehindertenpädagogen und -pädagoginnen (VBS) und die Nikolauspflege Stuttgart.
In Stichpunkten soll über eine Sitzung berichtet werden, durch die Würdigung von Helmut Kahler als DBSV-Ehrenmitglied und durch die Verabschiedung von Dr. Alfred Preuße den großen Bogen der Zusammengehörigkeit in der Blinden- und Sehbehindertenselbsthilfe besonders deutlich machte. Aber auch alle anderen Themen der 19 Punkte umfassenden Tagesordnung zeigten vielleicht direkter als bei manch anderer Verwaltungsratssitzung auf, dass ohne gewollter und gestalteter Gemeinsamkeit künftig vieles nicht mehr funktioniert.
Mit Zuversicht ins nächste Jahr
Ein Interview mit dem Geschäftsführer des DBSV, Hans-Dieter Später nach der Verwaltungsratssitzung, insbesondere zu den Themen Wahlschablonen, Zielvereinbarungen, Corporate Design, Haushaltsplan 2003 und Bauvorhaben Berlin-Hirschgarten:
Erstmals konnten bei der Bundestagswahl Blinde und Sehbehinderte selbständig mit Wahlschablone wählen. Das wäre nicht möglich gewesen, wenn sich die Selbsthilfe nicht so engagiert und so zügig dafür eingesetzt hätte. Wie sieht das der Geschäftsführer des DBSV?
Es war sicherlich ein Kraftakt, den wir da vollbracht haben, denn es waren ja nur noch einige Tage bis zur Bundestagswahl, und bis dahin wollten wir diesen Auftrag erfüllen. Das Bundesinnenministerium hatte ja diese Wahl schon dazu erklärt, dass sie schon mit Wahlschablone durchgeführt werden kann, obwohl es erst ab 01. Januar kommenden Jahres gesetzlich vorgeschrieben ist. Wir hatten eine Zusammenkunft mit Persönlichkeiten aus dem Umfeld des Bundeswahlleiters; die Landesvereine hatten dann Beratungen mit den Landeswahlleitern. Es wurde also ruckzuck besprochen, wie welche Schablonen auszusehen haben; sie müssen ja deckungsgleich sein mit den Stimmzetteln. Und die sind überall in allen Wahlkreisen unterschiedlich. Aber dennoch ist es gelungen, flächendeckend in Deutschland diese Wahlschablonen zur Verfügung zu stellen, und sie sind je nach Werbung sehr, sehr gut angenommen worden – weit über das Maß hinaus, das man erwartet hätte.
Ein neues Corporate Design – lange im Gespräch, jetzt ist es beschlossen. Was wird es uns bringen? Wie wird es sich durchsetzen können?
Was versteht man unter Corporate Design? Das ist das Erscheinungsbild, das ist der öffentliche Auftritt, der sich zum Beispiel widerspiegelt in Geschäftspapieren, sprich auf Briefköpfen, auf Visitenkarten, aber natürlich auch auf sonstigen Schwarzschrift-Druckschriften des DBSV. Dieser Prozess zieht sich eigentlich sehr viel länger hin als die meisten ahnen, die hier im Verwaltungsrat tätig sind. Mit dem Thema, das nur früher nicht Corporate Design hieß, Emblem hat man früher gesagt, beschäftigt sich der DBSV schon seit über 20 Jahren, letztendlich ja auch mit Erfolg, denn wir haben gehört, dass immerhin 18 von 20 Landesverbänden das sogenannte Stockmännchen heute verwenden. Das war schon ein langer Prozess.
Jetzt hat man sich darauf geeinigt, dass dieses Stockmännchen aus seinem achteckigen Käfig befreit wird. Dieses Stockmännchen hat eine andere Form bekommen. Es wirkt jetzt dynamischer. Es ist – und das war ein Streitpunkt – dunkelblau. Auch der Stock ist dunkelblau, und darüber wurde tatsächlich lange diskutiert. Dieses Stockmännchen in Verbindung mit den Buchstaben des Verbandes bzw. der Landesverbände bildet eine sogenannte Wort-Bild-Marke. Die soll künftig auf allen Druckschriften, aber vor allem auch auf allen Briefköpfen des DBSV und auf denen der Landesvereine identisch sein. Das heißt: Der Auftritt, den wir haben, über unsere gedruckten Erzeugnisse soll – und so ist es beschlossen worden – bis 2006 bundeseinheitlich identisch sein.
Wie wird es mit dem Zauberwort „Zielvereinbarungen“ weitergehen, das im Bundesgleichstellungsgesetz eine große Rolle spielt? Wir hörten, das ist ziemlich kompliziert...
Nun ja, das ist im Gesetz nicht sonderlich definiert, das heißt, es gibt keine Gebrauchsanleitung für die Umsetzung dieses Begriffs „Zielvereinbarungen“. Der DBSV, das muss man erst einmal vorwegschicken, ist vom Bundesministerium für Arbeit und Sozialordnung, das es in dieser Form ja übrigens mit der Regierungsneubildung nicht mehr gibt, als Spitzenverband anerkannt worden zum Abschluss von Zielvereinbarungen im Sinne der gesetzlichen Vorschriften. Übrigens sind wir auch anerkannt worden als ein Verband, dem das Verbandsklagerecht zusteht. Zielvereinbarungen sollen dazu führen, dass zwischen Verbänden und Einrichtungen des Bundes, aber auch mit Einrichtungen der privaten Wirtschaft Vereinbarungen abgeschlossen werden können, die dem Abbau von Barrieren dienen.
Wir haben darüber gesprochen, dass wir dringend solche Zielvereinbarungen mit der Deutschen Bahn brauchen, aber auch mit Banken und Sparkassen. Denken wir nur an den Geldausgabeautomaten, der ja immer mehr eine zentrale Rolle spielt, weil Kassenschalter geschlossen werden und man als Bankkunde komplett auf die Automaten angewiesen ist. Es gab eine breite Diskussion darüber. Und unser Rechtsreferent Thomas Drerup berichtete dann auch, wie in der Bundesarbeitsgemeinschaft Hilfe für Behinderte, wie im Deutschen Behindertenrat darüber gedacht wird. Dort stellt man sich aus meiner Sicht ein relativ bürokratisches Verfahren vor, das heißt Absprache erst zwischen allen Verbänden auf der Ebene der BAGH und dann auch des Behindertenrates. Den meisten Delegierten erschien ein solches Verfahren für die Zukunft vielleicht sinnvoll, aber jetzt gerade zu Beginn der Umsetzung des BGG zu kompliziert. Ich habe es so verstanden, dass der DBSV den Auftrag hat, zusammen natürlich mit den anderen Blinden- und Sehbehindertenorganisationen in Deutschland, also auch mit den Korporativen Mitgliedern, tatsächlich nach vorne zu preschen und dieses Verfahren, das vom Ablauf her schon vorgeschrieben ist, in Gang zu setzen. Wir wollen beginnen mit einer Vereinbarung mit den Banken, mit den Geldautomaten. In Gelsenkirchen ist ein solcher Automat aufgestellt worden, der nach vielen, vielen Besprechungen zwischen den Hilfsmittelexperten des DBSV und einem deutschen Hersteller für Geldautomaten konzipiert wurde, der übrigens nicht nur blinden- und sehbehindertengerecht ist.
Zum Bauvorhaben Berlin-Hirschgarten gab es Informationen, die nicht ganz so optimistisch waren...
Das Bauvorhaben ist blockiert worden durch die Klage eines Berliner Umweltverbandes. Und es scheint so, dass diese Klage nicht in Bausch und Bogen abgewiesen wird. Das war aus der Reaktion der Kammer des Verwaltungsgerichtes zu erkennen. Man muss wissen, dass dieses Bauvorhaben im sogenannten Außenbereich ist. Man könnte sagen, es existiert für dieses Gelände kein Bebauungsplan. Schließlich ist es ja 1987 bebaut worden, letztendlich ohne rechtliche Grundlagen. Und mit diesem Thema haben heute Politik und Verwaltung zu kämpfen. Wenn man im Außenbereich baut, muss man bestimmte Auflagen erfüllen. Und dieser Umweltverband meint, dass die Baugenehmigung ohne Würdigung aller auch umwelttechnischer Auflagen erteilt worden ist und damit nicht rechtmäßig sei. Wir müssen den Ausgang dieses Verfahrens abwarten. Wenn die Baugenehmigung aufgehoben werden sollte, dann bedeutet das für uns: Mindestens auf drei, vier, fünf Jahre hinaus können wir nicht bauen, denn dann müsste dieses Gebiet nach einer anderen Vorschrift erst zum Baugebiet erklärt werden. Und solche Prozesse dauern sehr lange.
Ziemlich heftige Diskussionen gab es auch zum Haushalt des Jahres 2003, der wieder ein kräftiges Defizit ausweist. Ist das eigentlich schlimm oder kann man auch das nächste Jahr mit Zuversicht angehen?
Ohne Zuversicht könnten wir eigentlich gar nicht weiter machen. Wir haben einen Haushalt verabschiedet mit einer geplanten Unterdeckung von 250.000 Euro. Das ist eine Menge Geld. Aber es ist im Prinzip Resultat der vielen Aktivitäten, die der Verband nicht nur mit Zustimmung, sondern auch auf Anregung der Verbandstage 1998 und 2002 und auf Beschlüsse des Verwaltungsrates zurückzuführen sind.
Wir haben in den letzten Jahren erkannt, dass es Defizite gibt, z. B. im Bereich der Öffentlichkeitsarbeit. Du weißt es am besten, Thomas, das konzentrierte sich letztlich auf deine Person, und es ist mit so wenig Personal, wie wir es früher hatten, nicht zu schaffen, den Anforderungen gerecht zu werden. All das kostet Geld; all das bringt auch nicht sofort Geld, auch Aktivitäten im sogenannten Fundraising-Bereich, also Beschaffung von Mitteln durch Sponsoren, durch Spender, Aktivitäten, die erst langfristig Früchte tragen. Und ich schöpfe nur daraus meine Zuversicht, dass es uns spätestens nach Ablauf des kommenden Jahres gelingen wird, zumindest wieder einen ausgeglichenen Haushalt vorzulegen.
(Das Gespräch führte Dr. Thomas Nicolai; Kassetten-Ausgabe Originalton.
Weitere Informationen vom Verwaltungsrat
Blindengeld: Keine Kuh sei so heilig, dass sie nicht geschlachtet werden könne, mit solchen Worten wurden die geplanten drastischen Einschnitte im Zuge des Haushaltssanierungsgesetzes in Sachsen-Anhalt begründet. Auch das Blindengeld soll nach dem Willen der Landesregierung nicht verschont und auf 333 Euro gekürzt werden.
Bei einer Demonstration am 15. Oktober, zu der der BSV Sachsen-Anhalt aufgerufen hatte, bekräftigten rund 1.000 Teilnehmer ihre Empörung über diese Pläne.
Das DBSV-Präsidium wird eine Arbeitsgruppe einsetzen, die sich mit allen Fragen rund um die Sicherung des Blindengeldes befassen soll.
Lobbyarbeit: In aller nächster Zeit wird der DBSV das Gespräch mit der neu gebildeten Regierung suchen. Insbesondere durch die Verteilung der Aufgaben des ehemaligen Bundesministeriums für Arbeit und Sozialordnung auf andere Ministerien müssen in vielen Sachgebieten neue Kontakte aufgebaut werden.
Berufstätigkeit: Die Zahl der arbeitslosen Schwerbehinderten konnte in den letzten Jahren um 40.000 verringert werden. Haben sich die Bemühungen, Schwerbehinderte in Arbeit zu bringen, für Blinde und Sehbehinderte positiv ausgewirkt? Von der Bundesanstalt für Arbeit sollen hierzu Informationen eingeholt werden.
„Woche des Sehens“: Diese Aktion, die in diesem Jahr erstmals durchgeführt worden ist, war erfolgreich und soll auch im nächsten Jahr als Gemeinschaftsaktion geplant werden. Beschlossen wurden die Schwerpunktthemen für den Sehbehindertentag 2003: „Die Welt mit anderen Augen sehen – Sehbehinderte auf Reisen“ sowie für den Tag des weißen Stockes 2003: „Lesen, Fernsehen, Surfen im Internet – können Blinde auch?!“
DBBW: Der pädagogische Leiter des Deutschen Blindenbildungswerkes (DBBW), Norbert Müller, informierte darüber, dass die Organisation von Fortbildungsseminaren schwieriger geworden sei, insbesondere dadurch, dass im Gegensatz zu früher Kosten für die Nutzung von Seminarräumen sowie für die Ausleihe von Computertechnik entstehen und dass von den AURA-Hotels bereits frühzeitig Reservierungsgebühren verlangt werden. Außerdem „kopierten“ Einrichtungen und Verbände die Seminare des DBBW, was zu einer erheblichen Konkurrenzsituation führe. Für das Jahr 2003 seien u.a. folgende Kurse geplant: Computerseminare zu verschiedenen Programmen, Internet für Fortgeschrittene, Effektiveres Lesen für Braille-Schriftleser, Gestaltung von Beratungsgesprächen, Kurs für Punktschriftlehrer (die „Gegenwart“ informiert regelmäßig über Seminare und Fernkurse des DBBW).
Hörfilm: Eine umfangreiche Statistik zu den Hörfilm-Ausstrahlungen im Fernsehen legte Frau Martina Wiemers, Generalbevollmächtigte der Deutschen Hörfilm gGmbH vor. Bis Oktober gab es im Jahr 2002 210 Hörfilm-Ausstrahlungen, davon 92 Neuproduktionen, von denen die DHG reichlich 50 Prozent realisierte. Außerdem gibt es Bemühungen, den Hörfilm in die Kinos zu bringen, und bei der Berlinale 2003 werden voraussichtlich drei Filme mit Audiodeskription gezeigt (die „Gegenwart“ informiert monatlich im Hörfilm-Forum über neueste Entwicklungen und aktuelle Sendetermine).
Aus für SehHund. Die Blindenführhundschule „SehHund“ gGmbH in Berlin- Hirschgarten wird zum Ende dieses Jahres geschlossen. Zu diesem Schritt sahen sich die Gesellschafter gezwungen, nachdem die Pläne, die Einrichtung zu einer Art Musterführhundschule auszubauen, nicht aufgegangen waren. Insbesondere fehlte es an gut ausgebildeten Führhundtrainern. Möglicherweise passe eine solch groß angedachte Einrichtung auch nicht „in die Landschaft“.
Strategiekommission: Einen Bericht über die erste Tagung der neuen Strategiekommission gab deren Vorsitzende Renate Reymann, Vizepräsidentin des DBSV; mehr dazu im Interview „Die Mitglieder sind das wichtigste Gut“ in dieser Ausgabe.
Kurzmitteilungen
„Tag des weißen Stockes“ und „Woche des Sehens“ mit großer Resonanz
„Blinde Passagiere an Bord!“ war das Thema einer Pressekonferenz am „Tag des weißen Stockes“, auf der DBSV-Präsident Jürgen Lubnau deutlich auf die Ver-schlechterungen hinwies, die mit der neuen Tarifreform bei der Bahn auf Blinde und Sehbehinderte zukommen. Deutschlandweit unterstützten die Blinden- und Sehbe-hindertenvereine die Forderung mit über 70 eigenen Aktionen. Und offenbar kam die Kritik zu mindestens teilweise bei den Vertretern der Bahn an.
Kurz zuvor hatte sich der DBSV-Präsident gemeinsam mit dem Sozialstaatssekretär des Landes Nordrhein-Westfalen Dr. Fischer das geplante Blindenleitsystem im Bahnhof Köln präsentieren lassen und auch dort noch einige Verbesserungen ange-mahnt.
Köln war am „Tag des weißen Stockes“ auch Schauplatz der zentralen Abschluss-veranstaltung der „Woche des Sehens – Blindheit verhüten, Blindheit verstehen“, die der DBSV dieses Jahr erstmalig zusammen mit 7 weiteren Partnern durchgeführte. Auf dem Rudolfplatz wurden den Kölnern Informationen und ein künstlerisches Be-gleitprogramm geboten, das sich sehen lassen konnte. So ließen die schnellen Rhythmen unter anderem der Blinden Musiker München und der Grand Prix-Teilnehmerin Corinna May die Besucher die herbstlichen Temperaturen schnell ver-gessen.
Insgesamt fanden im Rahmen der „Woche des Sehens“ in über 40 Städten Aktionen statt, dabei fast überall mit starker Beteiligung der örtlichen Blinden- und Sehbehin-dertenvereine. Auch die Medien nahmen die „Woche des Sehens“ zum Anlass, sich stärker als sonst mit den Themen Blindheit und Blindheitsverhütung zu beschäftigen. Der Fernsehsender Arte verstärkte sein Hörfilmangebot und das DeutschlandRadio sendete einen Hörfilm erstmals im Radio.
Für alle Beteiligten stand schon kurz nach Abschluss der „Woche des Sehens“ fest, dass es auch nächstes Jahr diese gemeinsame Aktionswoche wieder geben wird. Im Jahr 2003 wird sie vom 9. bis zum 15. Oktober gehen und damit sogar noch einen Tag länger als dieses Jahr dauern.
Thomas Krieger
6-Punkt-Braille auf Braille-Zeilen
Die Firma Papenmeier hat ein neues Update der
Übersetzungssoftware entwickelt und eine Version für JAWS-Nutzer zum kostenlosen Download auf ihrer Homepage bereit gestellt www.papenmeier.de/rehatechnik/Forschungsprojekte/basisbraille. Auch andere Screenreader-Hersteller haben Zugriff auf das Update, sind für die Einbindung jedoch selbst verantwortlich. Im neuen Programm wurden in Zusammenarbeit mit Richard Heuer zahlreiche Übersetzungsfehler beseitigt. Ob die Software nun weitestgehend fehlerfrei arbeitet, muss die Praxis zeigen. Wir rufen daher zum Mittesten auf.
Neben der Firma Wincor-Nixdorf hat sich jetzt auch der Weltmarktführer NCR mit der Bitte um Unterstützung an uns gewandt. Allerdings steht zunächst nur die Gestaltung von blinden- und sehbehindertengerechten Tastaturen im Vordergrund. Nach ersten Gesprächen besteht grundsätzlich Einigkeit darüber, dass die mit Wincor-Nixdorf ausgehandelten Standards so weit wie möglich übernommen werden sollen.
Der DBSV hat die Deutsche Bank AG in einer Voranfrage darüber informiert, eine Zielvereinbarung zur Anschaffung blinden- und sehbehindertengerechter Automaten abschließen zu wollen. Die Wahl fiel aus pragmatischen Gründen auf dieses Geldinstitut, weil die Filialen überwiegend mit Wincor-Nixdorf-Geräten ausgestattet sind. Gleichzeitig wurde das entsprechende Zielvereinbarungsverfahren eingeleitet - leider ein etwas langwieriger Prozess.
Martin Altmaier
Die DAISY-„Gegenwart“ hören und lesen
Wie bereits mitgeteilt, erscheint die „Gegenwart“ ab 2003 auch im DAISY-Format auf CD ROM. Der Jahresbezugspreis für die DAISY-„Gegenwart“ beträgt wie für alle anderen Versionen 2003 35 Euro. Die Probeausgabe (Nr. 9/2002) hat viel Anklang gefunden. Wer sich für die neue Version interessiert und noch keine Möglichkeit hatte, sich mit DAISY vertraut zu machen, kann ab Januar 2003 ein kostenloses Probeexemplar anfordern. Die Wiedergabe von Büchern und Zeitschriften im DAISY-Format ist möglich
Einen ausführlichen Beitrag zum Thema „DAISY-Gegenwart“ veröffentlichen wir in der Januar-Ausgabe.
E-Mail-Adressen der Abteilung Verbandskommunikation
Damit Ihre elektronische Post immer gleich dort landet, wo sie hin soll, bitten wir um Beachtung nachstehender E-Mail-Adressen:
presse@dbsv.org für Medienkontakte und PR-Aktivitäten,
publik@dbsv.org für Anzeigen in der „Gegenwart“ und allgemeine Fragen,
gegenwart@dbsv.org für alles, was die „Gegenwart“ betrifft (außer Anzeigen).
DZB ab 2003 Staatsbetrieb
Das Kabinett des Freistaates Sachsen entschied am 05.11.2002, dass die DZB ab 2003 den gleichen Status erhält wie die Semperoper: die DZB wird ein staatliches
Unternehmen; Absichten, die Deutsche Zentralbücherei zu Leipzig zu privatisieren, sind damit vom Tisch. Das ist das Ergebnis 12-jähriger Bemühungen, auch solcher des
DBSV.
"Mit der Überführung der DZB in einen Staatsbetrieb bekennt sich der Freistaat Sachsen zu seiner verfassungsrechtlichen Verantwortung, Behinderte nicht zu benachteiligen und ihnen die Wahrnehmung des Rechts auf Informationsfreiheit zu erleichtern", so Staatsminister Dr. Matthias Rößler in einer Presseerklärung.
Seminar des DBBW
Das Deutsche Blindenbildungswerk gGmbH (DBBW) bietet nachfolgende Fortbildungsveranstaltung an:
16.02. bis 20.02.2003: Fortbildungsveranstaltung für blinde und sehbehinderte Schwerbehindertenvertrauensleute, Horn-Bad Meinberg, Anmeldeschluss: 06.01.2003.
Nähere Informationen bei DBBW, Hauptstr. 40, 79576 Weil am Rhein; Tel.: (0 76 21) 79 92 30, Fax; (0 76 21) 79 92 31, E-Mail: info@dbbw.de.
Wettbewerb gegen Rechtsradikalismus
Der Verein „Julia e. V.“ (junges Leben im Alter) startet in Köln einen Wettbewerb gegen Rechtsradikalismus. Ältere Menschen berichten aus ihrer Kindheit und Jugend – jüngere fragen und setzen dies kreativ um. Sie können daraus etwa einen Film oder ein Theaterstück machen. Die besten Beiträge sollen öffentlich gezeigt werden.
Ich rege hier ein Unterprojekt mit folgendem Titel an: „Blind oder sehbehindert in einer Diktatur?“ Wer mitmachen möchte, ob als Fragender oder Befragter – möge sich melden bei: Dr. Arne Harder, Julia e. V., Hohenstaufenring 8, 50674 Köln; Tel.: (02 21) 8 01 07 55, Fax: /8010757, E-Mail: harder@julia-ev.de.
IRIS-Lehrgang
Vom 04. bis 13.02.2003 findet in Timmendorfer Strand ein IRIS-Lehrgang für Menschen mit altersbedingter Makuladegeneration (AMD) statt, mit Training in Orientierung und Mobilität sowie mit praktischen Tipps zur Bewältigung des Alltags. Nähere Informationen bei IRIS e. V., Bachstr. 30, 22083 Hamburg; Tel.: (0 40) 2 29 30 26.
Bild: Ein taktiler Kompass.
Computerseminare im MMC Bonn
Im Multi-Media-Center Bonn werden für das 1.Halbjahr 2003 wieder Computerseminare angeboten. Nähere Auskünfte gibt Michael Plarre, MMC Bonn, Studien-, Medien- und Internet-Cafe für Behinderte und Nichtbehinderte im Gustav-Heinemann-Haus, Waldenburger Ring 44, 53119 Bonn; Tel.: (02 28) 66 83-456.
Komik und Kabarett
Die zweite "Rochsburger Kabarett- und Komikerwsoche" findet
vom 18. bis 25.01.2003 in der AURA-Pension „Villa Rochsburg“ statt.
Weitere Informationen und Anmeldung bei der AURA-Pension ; (03 73 38) 8 34 01, Fax: (03 73 83) 8 34 99.
Vortragsreihe
Die im Sommersemester 2002 begonnene Vortragreihe des Studienzentrums für Sehgeschädigte (SZS) an der Universität Karlsruhe bietet noch folgende Themen an:
"Sehen - wie funktioniert das eigentlich?" - 02.12.2002,
"Sehrest - wie kann er unterstützt werden? - 20.01.2003.
Nähere Informationen bei Universität Karlruhe, Jochen Klaus, Engesserstr. 4, 76128 Karlsruhe; Tel.: (07 21) 6 08-27 60, Fax; (07 21) 69 73 77, E-Mail: szsinfo@szs.uni-karlsruhe.de.
Fortbildung
Die Fachgruppe für die physiotherapeutischen Berufe im BSV Hamburg führt vom 31.01. bis 02.02. in Timmendorfer Strand eine Fortbildungsveranstaltung zum Thema "Phlebologie" durch. Weitere Informationen bei:
Guido Mayer; Tel./Fax: (0 40) 71 89 90 05, E-Mail: guido.mayer-hamburg@gmx.de.
Von Kuckucksuhren und Kohlenmeilern
Unter diesem Motto findet vom 23. bis 27.03. in Bad Liebenzell ein Workshop rund um den Schwarzwald statt. Nähere Informationen und Anmeldung im Rudolf-Kraemer-Haus; Tel.: (0 7052) 9 20 40.
Singwoche in Gelsenkirchen
Die Fachgruppe für Hauswirtschaft und Familie des Blinden- und Sehbehindertenvereins Westfalen führt vom 14. bis 16.02.2003 im Hotel Maritim in Gelsenkirchen unter der Leitung von Holger Kunz ein Singwochenende durch.
Nähere Informationen bei Margret Gajewski; Tel.: (02 09) 81 44 50 (bis 20 Uhr).
Seminare 2003 im Storchennest
„Gartenfreunde treffen sich“
28.04. bis 03.05.
26.05. bis 30.05.
01.07. bis 05.07.
„Hilf dir selbst durch Kneipp & Co.“
05.04. bis 11.04.
Für Landschaftsplaner und Landschaftsgärtner
03. bis 05.03.
03. bis 05.11.
Über Taubblindheit und ihre Folgen
(Für Interessierte und Einsteiger)
11.04. bis 13.04.
31.10. bis 24.10.
„Das Zeugnis der Bibel in Krankheit und Leid“
27.01. bis 31.01.
20.10. bis 24.10.
Nähere Informationen bei Taubblindendienst e. V., Radeberg; Tel.: (0 35 28) 43 97-0, Fax: (0 35 28) 43 97 – 21, E-Mail: taubblindendienst@t-online.de.
www.rehadat.de
REHADAT, das weltweit größte Informationssystem zur beruflichen Rehabilitation, ist jetzt mit seinem neuen Internetauftritt unter www.rehadat.de online. Die Suche im Netz ist jetzt noch einfacher und komfortabler und bietet zahlreiche neue, praxisbezogene Funktionen.
Den schnellen Einstieg in das System ermöglicht das neue Suchfeld "Globale Suche", mit dessen Hilfe der gesamte REHADAT-Datenbestand, mittlerweile mehr als 77.000 Dokumente, mit einem Klick durchforstet wird. Der Nutzer erhält ein umfassendes Ergebnis - vom technischen Hilfsmittel bis zur Anschrift von Selbsthilfegruppen -, aufgeschlüsselt nach Datenbanken. An einer barrierefreien Textversion wird noch gearbeitet. Auch die REHADAT-CD ROM, die kostenlos zu haben ist, soll entsprechend gestaltet werden.
Nähere Informationen bei Anja Brockhagen; Tel. (02 21) 49 81-8 45, E-Mail: brockhagen@iwkoeln.de.
Hörbuch-Ausleihe auf CD ROM
Die Westdeutsche Blindenhörbücherei (WBH) in Münster startete am 15.10. die Hörbuch-Ausleihe im DAISY-Format auf CD ROM. Im Laufe von drei bis vier Jahren soll der gesamte Bestand von 18.000 Buchtiteln in dieser Form angeboten werden. Die ersten 130 Titel liegen jetzt vor.
Die Norddeutsche Blindenhörbücherei (NBH) und die Deutsche Zentralbücherei für Blinde zu Leipzig (DZB) hatten bereits im September mit der Ausleihe von DAISY-Büchern begonnen.
Neue Reliefgeneration in der DZB aus Leipzig
"Meine Finger finden Unterschiede und Gemeinsamkeiten", mit 13 lehrreichen
Reliefs im Mobilband oder "Vom Maulwurf und seinen Freunden", 11 Reliefs der vergnüglichen Bilderbuchgeschichten in zwei Broschuren. Beide Bücher haben farbige Illustrationen mit transparenter Folie überdeckt und den Text in Blinden- und Großdruck. Nähere Informationen unter Tel.: (03 41) 71 13-119.
Korrektur
In der GW-Ausgabe 10 hatten wir auf der Rückseite der Schwarzdruck-Ausgabe die "Eau de Cologne"-Minze und nicht die Apfelminze abgebildet.
Die Redaktion
Leben und Werk des Hieronymus Lorm
(9. August 1821 bis 3. Dezember 1902)
Von Hartmut Mehls
Und droht die Nacht der Schmerzen,
ganz mein Leben zu umfassen,
ein unvernünft'ger Sonnenglanz
will nicht mein Herz verlassen.
Der Dichter dieser Verse ist nur noch wenigen Spezialisten und Liebhabern von guten Gedichten ein Begriff. Im "Brockhaus" und Literaturlexikon von Killy findet der Suchende noch Angaben über Person und Werk des taubblinden Hieronymus Lorm; aber selbst in Standardwerken über Blinde und Blindenwesen wurde der Literaturkritiker, Journalist, Schriftsteller, Dichter und Philosoph nicht aufgenommen, obwohl die gebräuchlichste Zeichensprache der Taubblinden im deutschen Sprachraum – das Lormen – seinen Namen trägt. Zu seinem 100. Todestag am 3. Dezember 2002 sei an ihn und sein Werk erinnert.
Mehrfache Auflagen seiner drei Gedichtbände, fünf Novellensammlungen, zwölf Romane und der philosophischen Schriften, für die er im Jahre 1873 den Ehrendoktor der Universität Tübingen erhielt, belegen eindeutig, dass er während seines Lebens zwar keinen sehr großen, aber festen Leserkreis besaß. Nach seinem Tode erlebten seine Werke keine Neuauflagen.
Im 19. Jahrhundert, in welchem so mancher Autor nur kümmerlich lebte, verdiente Lorm, obwohl er zunächst taub und später taubblind wurde, als Literaturkritiker, Journalist und Schriftsteller ausreichend Geld, um davon mit seiner Frau und drei Kindern leben zu können. Dies gelang im 19. Jahrhundert nur wenigen Blinden. Allerdings sah er sich nicht selten gezwungen, Zugeständnisse an den Zeitgeschmack zu machen.
Das Leben des Hieronymus Lorm verlief abseits und isoliert von der Wiener und später Dresdener bzw. Brünner Gesellschaft. Er selbst bezeichnete einmal sein Studierzimmer – in Anlehnung an Heinrich Heines "Matratzengruft" – als "Totengruft" und "Grab". Während aber Heine sein Leiden zum Gegenstand seiner Dichtung erhob, bevölkerte Lorm sie mit großen Gestalten aus dem Bereich der Kunst und Philosophie; mit ihnen kamen Ideen und Gefühle, die er in Dichtung umsetzte. Obwohl er die Taubblindheit in seinen Gedichten und Schriften nicht thematisierte, wies Lorm auf ihren inneren Zusammenhang mit seinen Leiden selbst hin: "Es bedarf in Hinblick auf meine körperliche Situation, auf die doppelte Chinesische Mauer, die mich von der Außenwelt abschied, keines Beweises, dass mein Schreiben nichts als ein Hilferuf eben nach der mir entrissenen Außenwelt von jeher gewesen ist." Wie Freunde berichteten, war Lorm trotz alledem heiter, ausgeglichen und klagte nicht über sein Schicksal; nur selten überwältigten ihn Schmerz und Trauer.
Philipp Stein, der Herausgeber der "Bekenntnisblätter" und Schwiegervater von Lorms jüngstem Sohn Adolf, schreibt im Vorwort: "In opferwilligster Hingabe hat seine Tochter Marie ihr Leben dem blinden und tauben Vater geweiht. Sie ist ihm Auge und Ohr gewesen." Seiner Tochter und seiner Frau setzte Lorm in seinen Romanen ein Denkmal, indem er großartige Frauengestalten schuf, die sich in Liebe für die Familie aufopferten. Taubblindheit und jüdische Familientraditionen sind der Ursprung für diese Frauengestalten, die zu den schönsten der deutschen Prosaliteratur gehören. Die Tochter Marie war sein Bindeglied zur Außenwelt. Wer von Lorm und seinen Werken spricht, der schließt Marie und die Familie ein.
Hieronymus Lorm wurde am 9. August 1821 als Heinrich Landesmann in Nikolsburg (Mähren) in einer reichen jüdischen Kaufmannsfamilie geboren. Bei seiner Geburt war er schwach und blieb nur am Leben, weil seine Mutter sich aufrieb, um das Leben des Knaben zu erhalten. "Sie hatte kein Einsehen. Schonungslos wie ein Kriminalrichter brachte sie es dahin, dass ich zum lebenslänglichen Leben verurteilt wurde."
Die Familie Landesmann zog bald nach der Geburt des Knaben nach Wien. Der Vater, der geistig und künstlerisch sehr interessiert war, zog die unterschiedlichsten Menschen in seinen Familienkreis. Im Salon der Landesmanns verkehrten Kulturschaffende aller Genres, Wissenschaftler und Politiker der Wiener Gesellschaft. Heinrich, der bis zu seiner Ertaubung virtuos musizierte, lernte damit im Hause der Eltern viele geistvolle und interessante Männer und Frauen Gesellschaft kennen. "Meine Jugend glich einem Schauspiel voll lärmender Bewegung mit häufigem Dekorationswechsel und einer großen Zahl auftretender Personen."
Im 16. Lebensjahr ertaubte Heinrich plötzlich, ohne dass die Ärzte einen Grund dafür erkannten, und seine Sehkraft verringerte sich stark. Mit Anfang 20 erblindete er auf dem linken Auge. Philipp Stein schreibt: "Das Unglück, das seine Jugend verdüsterte, hat den in ihm schlummernden Poeten geweckt und als dann später ein erneuter Schicksalsschlag ihn noch härter traf, als er schließlich die Sehkraft völlig verlor, da hat sein Innenleben sich immer reicher und reicher entwickelt. Die Außenwelt sah und hörte er nicht mehr, da schuf er sich in sich eine neue Welt."
Mitte der 40er Jahre des 19. Jahrhunderts wandte er sich verstärkt der Literaturkritik zu, wodurch er die Aufmerksamkeit der österreichischen Zensurbehörde auf sich zog. Um seine Familie nicht in Gefahr zu bringen, emigrierte Heinrich Landesmann 1846 zunächst nach Leipzig und später nach Berlin. Hier stellte er seine erste Publikation zusammen, die er unter dem Titel "Wiens poetische Schwingen und Federn" 1847 veröffentlichte. Sie gehört zur politischen Literatur des Vormärz und richtete sich gegen die Zensur in Wien.
Hieronymus nannte er sich nach dem Kirchenvater, der die Bibel in die lateinische Sprache übersetzte und als Eremit lebte; Lorm ist die Titelgestalt eines englischen Romans.
"Die Kunst, Gesprochenes von den Lippen abzulesen, das rasche Verständnis in die Luft geschriebener Worte und eine bequeme Zeichensprache hatten alle Hindernisse beseitigt, um mir den reichsten Verkehr mit der großen Welt und mit vielen Menschen offen zu lassen, wie sich später aus meiner novellistischen Produktion ergab."
Nach der Revolution von 1848 kehrte Lorm nach Österreich zurück und wurde Wiens bekanntester Feuilletonist. Weshalb er sich nach kurzem Aufenthalt nach Baden bei Wien zurückzog, lässt sich aus den zugänglichen Quellen nicht erschließen. Es war eine Selbstisolation. Hier heiratete Hieronymus Lorm Henriette Frankl, die ihm die Tochter Marie und die Söhne Ernst und Adolf gebar. In den veröffentlichten Briefen und autobiographischen Aufzeichnungen – sein Nachlass scheint vernichtet – widmet Lorm der Familie nur wenig Raum – ganz im Gegensatz zum täglichen Leben. In den Jahren bis 1873 schrieb er vor allem – neben seinem bekanntesten Roman "Gabriel Solmar" – Feuilletons, Literaturkritiken und Novellen.
Große Schwierigkeiten machte ihm die ständig weiter abnehmende Sehkraft. Er konnte nur bei bestimmten Lichtverhältnissen auf dickem Papier mit aufgedruckten Linien schreiben, wobei er nur ein Wort optisch erfasste. Mitte der 60er Jahre erblindete er völlig, konnte aber nach einer Operation 1868 bis 1881 wieder etwas sehen. Danach erlosch der Gesichtssinn für immer.
Im Jahre 1892 zog Lorm mit seiner Frau und Tochter nach Brünn, wo sein Sohn Ernst eine Arztpraxis betrieb. Neben Gedichten, wenigen Novellen und einem Roman widmete sich Hieronymus Lorm seinen philosophischen Studien und verfasste sein philosophisches Hauptwerk: "Der grundlose Optimismus".
Hieronymus Lorm starb am 3. Dezember 1902 in Brünn. Er erhielt einige sehr bedenkenswerte Nachrufe, an die anlässlich seines 100. Todestages angeknüpft werden sollte.
Marie Landesmann, die ständige Vorleserin ihres Vaters, fasste die Zeichensprache, die sie in der Familie und dem Freundeskreis zur Verständigung mit ihrem Vater entwickelt hatten, zusammen und veröffentlichte diese im Jahre 1908.
Während das schriftstellerische und poetische Werk von Hieronymus Lorm auf seine Wiederentdeckung wartet, lebt seine Zeichensprache unter den mehreren Tausend Taubblinden im deutschen Sprachgebiet weiter; sie sollte von möglichst vielen gelernt werden, damit diejenigen, die weder hören noch sehen können, stärker in die menschliche Gemeinschaft einbezogen werden.
1000 Fragen
zu Bioethik und Biotechnologie
Tausend Fragen statt vorschneller Antworten: Mit diesem Ziel hat die Aktion Mensch das "1OO0Fragen"-Projekt gestartet. Ziel ist es, die (bio-)ethische Diskussion neu aufzunehmen und zu einer breiten demokratischen Meinungsbildung beizutragen. Denn bevor verbindliche Antworten für alle gegeben werden, müssen erst die richtigen Fragen gestellt werden - von
allen. Gesucht und gesammelt werden Fragen, die sich auch vor dem Hintergrund persönlicher Erfahrungen mit den Chancen und Risiken von Biotechnologien und den Entwicklungen in der modernen Medizin auseinandersetzen. Mitmachen kann jeder: Unter www.1000fragen.de findet man umfassende Informationen und die Möglichkeit, seine eigene Frage einzutippen. Ab März kommenden Jahres werden die gesammelten Fragen auf Plakaten, in Anzeigen und Kino-Spots veröffentlicht und an die Verantwortlichen in Politik, Wissenschaft und Wirtschaft übergeben.
Wesentliche Themen ethischer Diskussionen wie Präimplantationsdiagnostik
(PID), Genforschung, Gentests, das Klonen, aber auch das Forschen an nicht einwilligungsfähigen Personen und die Sterbehilfe werden zur Diskussion und in Frage gestellt.
In den kommenden Jahren werden von den Politikern Antworten auf sehr schwierige Fragen aus dem Bereich der modernen Medizin und Bioethik erwartet. "Bevor man sich auf Antworten festlegt, gilt es zunächst herauszufinden, ob überhaupt die richtigen Fragen gestellt wurden; insbesondere dann, wenn Antworten gesucht werden, die in Zukunft für die Gesellschaft als verbindlich gelten sollen", so Heike Zirden, Pressesprecherin der Aktion Mensch. Das Fragen wolle man dabei nicht allein den Berufs-Ethikern überlassen.
"In der politischen Auseinandersetzung bedeutet das Fragen häufig eine Form von Schwäche, denn es kann Nachdenklichkeit, Differenziertheit, Zögern, Unsicherheit, Unschlüssigkeit oder Uninformiertheit, ja sogar Schwierigkeiten und Streit signalisieren", erläutert Zirden. Dennoch weist die Aktion Mensch dem Fragezeichen eine Schlüsselrolle in ihrer neuen Initiative zu: Denn das Eingeständnis solcher vorgeblichen "Schwächen" sei die wichtigste Voraussetzung für eine ernsthafte Auseinandersetzung.
Bild: Aktionsmittel zum 1000Fragen-Projekt: Möchten Sie eine Veranstaltung zur Bioethik und 1000Fragen durchführen? Dann können Sie 1000Fragen-Aktionsmittel wie die abgebildeten Plakate über das Internet bestellen unter: www.tausendfragen.de.
Das Schaufenster Ausgabe 4/2002
Beilage zur „Gegenwart“ 12/2002
Liebe Leserinnen, liebe Leser
Die durchweg positiven Reaktionen auf meine erste Ausgabe des Schaufensters sind der richtige Rückenwind um so fortzufahren. Etliche Nachfragen zeigen das Interesse an den hier vorgestellten Produkten.
In diesen Tagen macht sich der Weihnachtsmann gemach auf den Weg; es ist die Zeit, in der die Küche ein Ort besonderer Betriebsamkeit wird. Deshalb bilden nützliche Helfer für diese Aktivitäten einen Schwerpunkt dieser Ausgabe.
Lothar Rehdes
Förderzentrum für Blinde
und Sehbehinderte gGmbH
Schlossstraße 92
12163 Berlin
Tel.: (0 30) 7 90 13 69 36
E-Mail: Rehdes@fzbs.de
1. Küchenmaschine Philips Essence HR 7754
2. Zwiebelschneider Tränenfrei
3. Flexipan - Backformen aus Silikon
1. Küchenmaschine Philips Essence HR 7754
Eine kompakte, ergonomisch ausgereifte gut bedienbare Küchenmaschine hat Philips mit der Essence HR 7754 (Preis ca. 150 Euro) auf den Markt gebracht. Für Blinde ist besonders nützlich, dass die verschiedenen Funktionen über separate Tasten aufgerufen werden; Doppelbelegungen gibt es nicht.
Gestaltung: Das Grundgerät hat einen achtförmigen Grundriss. auf der linken Platte befinden sich der Motorblock (Motorleistung 800 Watt) mit dem Aufsatz für den Mixer und vorn das Bedienfeld der Maschine. 7 runde Gummitasten sind in einem oben offenen Halbkreis angeordnet. Sie repräsentieren Anwendungen wie Mixer, Zitruspresse, Entsafter, Zerkleinern, Zerkleinern und Schneiden, Schlagen, Kneten. Die Maschine wird durch das Aufrufen einer bestimmten Funktion optimal konfiguriert (insbesondere Anlaufverhalten und Geschwindigkeit des Motors - Smart Control). Außerdem gibt es noch Tasten für Start und Stop (Unterbrechung des Ablaufs zur Kontrolle möglich) und Tasten zur Motorregulierung. Eine kleine Schutzhaube deckt den Motor ab, wenn der Mixer nicht aufgesetzt ist.
Der Mixer ist eine schlanke Kanne mit einer Öffnung im Deckel, die extra verschlossen werden kann. Im Boden der Kanne sitzt ein propellerförmiges Messer zum Rühren und Pürieren. Der Mixer wird mit einem Bajonettverschluss sicher auf der Motorwelle befestigt.
Die rechte Grundplatte nimmt das große Gefäß auf. Es hat die Form eines flachen Topfes mit einem Rohr in der Mitte, in dem die Antriebswelle sitzt. Über die Welle stülpt sich ein Teil, dessen oberer Sechskant z. B. Raspelscheibe oder Zitruspresse, dessen unteres Ende das Messer oder den Knethaken aufnimmt. Nicht jedes dieser Werkzeuge muss somit den haubenförmigen Teil des Adapters selbst haben, was ein raumsparendes Aufbewahrungssystem ermöglicht. der Sechskant ist in sich leicht gewendelt, sodass sich eine Art Gewinde ergibt, welches die Aufsätze durch die Drehung der Welle nach unten drückt und damit sicher festhält. Eine feste Verbindung zur Welle ist deshalb nicht nötig.
Der Deckel für die Schüssel hat den üblichen Einfüllstutzen und den Fühler, der in den Motorblock einrastet, um die Maschine betriebsbereit zu machen.
Das Messer ist sehr scharf und muss mit besonderer Vorsicht gehandhabt werden (vor allem bei der Reinigung). Für das Schneiden und Zerkleinern gibt es neben verschiedenen Raspelscheiben eine Schneidescheibe, deren Messerabstand in 7 Stufen eingestellt werden kann, um die Dicke der zu schneidenden Scheiben (z. B. bei Gurken) zu bestimmen. Die Quirle bzw. Schneebesen bewegen sich - gewissermaßen an Flügeln hängend - im Kreis durch die Schüssel.
Die Anwendungsmöglichkeiten der Küchenmaschine werden durch eine Zitruspresse mit rotierendem Preßkegel und einen Entsafter - der wohl auch zur Salatschleuder umfunktioniert werden kann - ergänzt.
2. Zwiebelschneider Tränenfrei
Dieses gelungene Küchenwerkzeug macht seinem Namen wirklich Ehre; das Zerkleinern der Zwiebeln spielt sich augenschonend unter Verschluss ab.
Äußerlich erinnert der Zwiebelschneider eher an eine Mandelmühle. Ein viereckiger Trichter mit Deckel sitzt auf dem sich flaschenartig verjüngenden Auffangbehälter. Am Übergang zwischen diesen Teilen befindet sich in einem Rost eine Welle mit schleifenförmig gebogenen Messern, die die Zwiebel in kleine gleichmäßige Stückchen „zerbeißen“. Der Antrieb erfolgt mit einer kleinen Kurbel. Kleinere Zwiebeln können im ganzen hineingetan werden, größere entsprechend teilen.
Zum Entleeren wird der obere Teil (Trichter mit Schneidwerk) abgehoben und der Auffangbehälter ausgeschüttet.
Das Gerät kann mit wenigen Handgriffen zerlegt und dann gereinigt werden - auch in der Spülmaschine.
Erhältlich beim Marland Versand
Telefon: 075 25 - 92 05-0
Internet www.marland.de
3. Flexipan - Backformen aus Silikon
Wer hat sich noch nicht beim Backen damit geplagt, den Rührkuchen oder den Tortenboden unbeschädigt aus der Backform zu befreien oder hinterher die Formen wieder sauber zu bekommen?
Nun müssen Backformen nicht zwangsläufig aus Blech oder Keramik bestehen; neue Materialien halten auch in eine so altehrwürdige Institution wie die Küche Einzug. So gibt es nun auch Backformen aus dem elastischen aber hitzebeständigen Silikon (von der Firma Demarle unter dem Namen Flexipan angeboten). Wer diese „zappeligen“ Gebilde erstmalig in die Hand bekommt, kann sich nicht sofort vorstellen, eine Backform vor sich zu haben.
In der Tat bringen diese Formen einige erstaunliche Eigenschaften mit. Um die eigentliche Form gibt es - nicht zuletzt zur Stabilisierung - einen breiten Rand, der das kleckerfreie Einfüllen des Teiges sehr begünstigt. Kleinere Formen, z. B. für Muffins, sind gleich mehrfach als Vertiefungen in einer solchen Silikonmatte untergebracht. Um das Teigeinfüllen zu erleichtern bietet Demarle einen Trichter an, der auf Tastendruck seinen Inhalt freigibt und sich besonders gut zum Portionieren und Dekorieren eignet.
Das Einfetten der Formen entfällt; die extrem glatte Oberfläche auf der Innenseite verhindert ein Festbacken - die Form kann nach dem Stürzen des Kuchens wie eine Pelle abgezogen werden. Deshalb eignen sich die Formen auch für Speisen, die üblicherweise in der Pfanne gebraten werden; ein Hackbraten wird gebacken und muss nicht gewendet werden. Für Gebäck, das besonders knusprig werden soll (Brötchen), gibt es auch Material, das mittels kleiner Poren luftdurchlässig gemacht ist, was eine Krustenbildung begünstigt.
Die Formenvielfalt reicht von großen Formen für Tortenböden über Kastenformen für Rührkuchen und Brot bis zu solchen für phantasievolles Kleingebäck (Schiffchen, Blumen, Bärentatzen).
Der Einsatz ist nicht auf den Backofen beschränkt. Eine Verwendung ist auch in der Mikrowelle oder zum Einfrieren möglich. Für letzteres eignen sich besonders die kleinen Formen, in denen z. B. Kräuter eingefroren und später an der unterschiedlichen Formgebung wiedererkannt werden können.
Weitere Informationen bei:
Sonja Kutsche
Telefon 035 76 - 20 91 23
E-Mail s.kutsche@t-online.de